In einer Einrichtung für Menschen mit Handicap in Potsdam, kam es am Donnerstag zu mehreren Tötungsdelikten. Die 51-jährige Täterin war Mitarbeiterin im dortigen „Oberlinhaus“ und für die Pflege der Bewohner:innen zuständig. Der genaue Tathergang wird noch ermittelt.

In den Medien wurde sich lange über diese Tat ausgeschwiegen. Auf social media-Kanälen hingegen starteten große Aufrufe gegen das Schweigen und für das Sichtbarmachen vom sogenannten „Ableismus“. Der Begriff „Ableismus“ stammt aus dem Englischen, abgeleitet von „ableism“, und bezeichnet die Feindlichkeit, Nichtsichtbarkeit und Diskriminierung gegenüber Menschen mit Handicap sowie deren Abwertung auf Grund von scheinbar fehlenden Eigenschaften.

Das Verbrechen löste einen heftigen Diskurs aus über Ableismus aus. Immer wieder wird dieser den schlechten Arbeitsbedingungen des Pflegepersonals gegenüber gestellt.

Doch kann es diesbezüglich keine einseitige Betrachtung geben: Die Thematik von unterbezahlten Jobs in der Pflege, prekären Arbeitsverhältnissen auf der einen Seite und den Bedingungen, unter denen Menschen mit Handicap in ihrem Zuhause leben müssen, ist eine solch komplexe Thematik, dass es darauf keine einfachen Antworten geben kann.

„Vier Menschen sind tot, der Ableismus lebt“, sagt Raul Krauthausen, der scharfe Kritik an den großen Medien und der Nichtsichtbarkeit dieser Tötungsserie an 5 Menschen
in Potsdam äußert. Er setzt sich für eine barrierefreie inklusive Gesellschaft durch Akzeptanz ein, startet Kampagnen und unterstützt soziale Projekte. Er selbst ist kleinwüchsig, benutzt einen Rollstuhl und leidet unter „Osteogenesis imperfecta“. Er ist tagtäglich mit ableistischem Verhalten konfrontiert und zeigt auf, wie diese Tat die Behindertenfeindlichkeit der Gesellschaft und der Berichterstattung sichtbar macht.

Beispielsweise kritisiert er die Aussage des Polizeipsychologen Dr. Gerd Reimann, der sagte: „Als erstes natürlich schwere Konflikte zwischen Täter und den Opfern. Zum Zweiten natürlich auch eine dramatische Überforderung des Täters in dieser Situation. Es kann aber auch sein, dass eine Motivation dahinter steht, die Leute zu erlösen von Leiden, die vielleicht sogar unheilbar sind.“

Dass Gerd Reimann von „Erlösung“ spricht und damit unterstellt, dass alle Menschen extrem unter ihrer Behinderung leiden oder gar unausgesprochen den Tod herbeiwünschen, kritisieren viele Aktivist:innen aufs Schärfste. Auch sprechen sie davon, dass die Berichterstattung einseitig sei und die Tat verharmlost werde, indem versucht werde, zunächst Verständnis für die Täterin hervorzurufen. Behinderte Menschen kommen hingegen nicht zu Wort. Stattdessen werden ausschließlich Polizist:innen, Politiker:innen und Pfleger:innen zu ihrer Meinung befragt.

Auch später werden in Videos und Themenstunden zu der Tat viele behindertenfeindliche Sätze geäußert und falsche Informationen in die Welt gesetzt: z.B wird die Wohnanlage Oberlinhaus als „Klinik“ dargestellt, und als Tatort ist immer wieder von „Krankenzimmern“ die Rede. Jedoch waren es die persönlichen Zimmer, das Zuhause, in dem die Bewohner:innen umgebracht wurden.

Menschen mit Behinderung sind von sexualisierten, körperlichen und psychischen Übergriffen weitaus häufiger betroffen als der Durchschnitt der Bevölkerung. Zwei bis viermal häufiger. Und besonders die Existenz von solchen Einrichtungen wie das Oberlinhaus und anderer Unterbringungen für Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen und solche Taten, wie die in Potsdam, zeigen die tiefsitzenden, strukturellen Probleme auf.


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