Als junges Mädchen überlebte Esther Bejarano bei einem Todesmarsch die Flucht aus dem KZ Ravensbrück. In der vergangenen Nacht ist sie im Alter von 96 Jahren friedlich verstorben. Sie hinterlässt zahlreiche unmissverständliche Appelle an uns und die Erinnerung an eine Frau, die ein langes Leben voller Entschlossenheit gegen den Faschismus führte. – Ein Nachruf von Olga Wolf.

In der vergangenen Nacht ist mit Esther Bejarano eine mutige Frau, Antifaschistin, Revolutionärin und Musikerin verstorben. Die Nationalsozialisten wollten ihr Leben früh beenden. Doch ihr gelang die Flucht, und so führte sie ein langes Leben, erfüllt von ihrer Liebe zur Musik und ihrem unermüdlichen Antifaschismus.

Esther Bejarano wuchs mit ihrer Familie in einer jüdischen Gemeinschaft auf. Sie selbst beschrieb: „Mit der Religion habe ich nichts zu tun. Aber kulturell hat mir das Aufwachsen in einem jüdischen Elternhaus viel gebracht. Die Liebe zur Musik; ich bin nicht zufällig Sängerin geworden.“. Dass die Familie als „halb-jüdisch“ galt, erschwerte ihre Ausreise, als die Nationalsozialisten die Macht erlangten. So konnte ein Teil der Familie ausreisen – sie, ihre Schwester und Eltern konnten es jedoch nicht.

1941 ermordeten die Hitler-Faschisten Esther Bejanaros Eltern in Kowno, ein Jahr später ihre Schwester in Auschwitz. Sie beschrieb in einem Interview, wie sie von diesen Morden erfuhr:

„Ich wusste zunächst nicht, wie meine Eltern umgekommen sind; ich habe es erst später erfahren. Ich fand ihre Namen in einem Buch, in dem die Transporte von Breslau nach Kowno aufgelistet waren. Die Nazis haben ja ihre Verbrechen bürokratisch festgehalten. Und wenn ich mir vor Augen führe, dass meine Eltern sich in einem Wald nackt ausziehen mussten, man sie mit anderen Opfern in einer Reihe aufgestellt, dann einfach abgeknallt hat und sie dann in einen Graben gefallen sind – das ist für mich das Schlimmste und viel grauenhafter als all das, was ich in Auschwitz erlebt habe.“

Zeit in Auschwitz und Ravensbrück

Esther wurde in verschiedene Arbeitslager transportiert, bis schließlich im April 1943 ihre Deportation nach Auschwitz stattfand. Dort verrichtete sie zunächst schwere körperliche Arbeit. Kurz darauf konnte sie jedoch ins Mädchenorchester wechseln. Dafür eignete sie sich innerhalb kürzester Zeit das Akkordeon-Spiel an und wechselte nach einer Krankheitsphase zur Blockflöte. Später beschrieb sie diese Arbeit im Orchester als furchtbar, denn sie wusste, sie spielte das „Todeslied“ für Deportierte. Doch bedeutete ihr Einsatz im Orchester auch, dass sie besser mit Lebensmitteln versorgt wurde.

Nach einer weiteren langen Krankheitsphase wurde Esther als „viertelarisch“ anerkannt. Es folgte ihre Verlegung ins KZ Ravensbrück und die Zwangsarbeit für Siemens. Ab dem Jahr 1945 sollte sie nicht mehr den sogenannten Judenstern tragen, sondern musste sich als politische Gefangene mit dem „roten Winkel“ kennzeichnen. Der rote Winkel auf gestreiftem Hintergrund – symbolisch für die Kleidung der KZ-Häftlinge – stellt auch das Emblem des VVN-BDA dar. In dieser „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund des Antifaschistinnen und Antifaschisten“ engagierte Esther sich später. Sie ist bis heute Ehrenpräsidentin des VVN-BDA und kämpfte gegen die aktuelle Repression gegen den Verein.

Erfolgreiche Flucht

Als die Alliierten immer weiter vorrückten, organisierten die deutschen Faschisten die inzwischen sogenannten „Todesmärsche“. Häftlinge in Lagern, die nahe den Reichsgrenzen waren, wurden ins Reichsinnere getrieben. Todesmärsche heißen diese Umzüge, weil viele sie nicht überlebten. Sie verhungerten oder erfroren, starben an Erschöpfung oder gerieten unter Beschuss.

Esther gelang es mit einigen Freundinnen aus dem KZ, auf diesem Todesmarsch zu fliehen. Sie versteckte sich, kam unter und nannte später den 3. Mai ihren zweiten Geburtstag. An diesem Datum befreiten Soldat:innen der Roten Armee und der US-Armee die Geflüchteten endgültig.

Sie reiste nach Palästina aus, machte eine Ausbildung zur Sängerin und gründete eine Familie. Die Musik verband sie immer auch mit ihrem politischen Einsatz, etwa wenn sie mit ihren Kindern Lieder aus dem Ghetto aufführte. 1960 kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie beschreibt die Einreise selbst als Rückkehr, aber noch nicht als Heimkehr, und erklärte noch vor vier Monaten: „Solange es hier Nazis gibt, kann ich nicht sagen, Deutschland ist meine Heimat.“.

Gegen den Faschismus in Deutschland

Auf ihre Rückkehr folgten Jahrzehnte des entschlossenen und vielfältigen Einsatzes gegen den Faschismus und das Vergessen. Sie trat mit verschiedenen antifaschistischen Bands auf, engagierte sich im VVN-BDA und begegnete Schüler:innen als Zeitzeugin, die immer wieder Appelle an die jüngere Generation richtete: „Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.“

Ihre Botschaften an die nachfolgenden Generationen sind vielzählig und unmissverständlich. Es war ihr ein besonderes Anliegen, alle, die nach ihr kommen, an die Verbrechen der Vergangenheit zu erinnern, damit sie die der Gegenwart bekämpfen und eine bessere Zukunft erschaffen können. Zuletzt möchte ich an dieser Stelle wiedergeben, was Esther Bejarano einmal, gemeinsam mit Peter Gingold, selbst als ihr Vermächtnis an die nachfolgenden Generationen formuliert hat.

So schrieb sie 1997 gemeinsam mit Gingold, der ebenfalls als Widerständiger den Hitler-Faschismus überlebte:

„Appell an die Jugend“

„Der Nazihölle entronnen, dem so genannten »Tausendjährigen Reich«, das für uns tatsächlich wie tausend Jahre war, jede Stunde, jeden Tag den Tod vor den Augen. Diese entsetzliche Zeit hinter uns, träumten wir von einem künftigen Leben ohne Rassismus, Antisemitismus, Nationalismus und Militarismus. Wir wollten, dass unsere unmenschlichen Erfahrungen eine Warnung für die Nachwelt sein würden. […]

Wir setzen auf eine Jugend, höllisch wachsam gegen alles, das wieder zu einer ähnlich braunen Barbarei führen könnte; eine Jugend, die nicht wegsieht, wo Unrecht geschieht, wo Menschenrechte verletzt werden; eine Jugend, die sich in die Tradition des antifaschistischen Widerstandes zu stellen vermag, eine Jugend, die diese Tradition aufnimmt und auf ihre eigene Art und Weise weiterführt. Wir glauben, dass dafür eure Herzen brennen können, dass euer Gewissen nicht ruhen wird.

Lasst euch nicht wegnehmen, was ihr noch an demokratischen und sozialen Errungenschaften vorfindet. Lasst sie nicht weiter abbauen! Von keinem Regierenden sind sie euch geschenkt worden: Es sind vor allem die Errungenschaften des antifaschistischen Widerstandes, der Niederringung des Nazifaschismus. Verteidigt, was ihr noch habt, verteidigt es mit Klauen und Zähnen! […]

Übernehmt ihr nun diesen immer noch zu erfüllenden Auftrag: ein gesichertes menschenwürdiges Leben im friedlichen Nebeneinander mit den Völkern der Welt! Sorgt dafür, dass aus der Bundesrepublik ein dauerhaftes, antifaschistisches, humanes, freiheitliches Gemeinwesen wird, in dem einem Wiederaufflammen des Nazismus, nationalem Größenwahn und rassistischen Vorurteilen keinen Raum mehr gegeben wird. Wir vertrauen auf die Jugend, wir bauen auf die Jugend, auf euch!“

Immer wieder erneuerte Esther Bejarano diesen Appell. Von jetzt an begleitet sie uns nicht mehr als Zeitzeugin in unseren Schulklassen, als Musikerin auf den Friedensfestivals oder in den ersten Reihen im Kampf gegen staatliche Repression an Antifaschist:innen. Aber Esther Bejarano begleitet uns als Vorbild für unerschütterlichen und unermüdlichen Kampf für eine solidarische Welt. Wir halten das Versprechen, das sie uns abgenommen hat und führen ihren Auftrag fort.


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