In Rom trafen sich gerade die zwanzig größten Industrienationen der Welt. Zusammen sind sie für rund 80 Prozent der Emissionen verantwortlich. Doch ein Abschlusspapier wurde systematisch verwässert. NGOs und Klimaaktivist:innen sind entsetzt. Mal wieder. – Wir müssen uns endlich eingestehen: Das Klima zu retten, benötigt keine abgeschotteten Gipfel, sondern ein anderes Wirtschaftssystem. – Ein Kommentar von Tim Losowski

Im Jahr 1982 erstellte der US-Ölkonzern „Exxon“ – einer der größten Umweltverschmutzer der Welt – eine Studie über die Entwicklung der Erderwärmung, wenn die kapitalistische Welt weiter produziere wie bisher. Die Studie sagte eine starke Steigung mit Tendenz nach oben voraus. Ihre schon damaligen Vorhersagen waren exakt:

Es folgten Gipfel um Gipfel: Rio 1992, Kyoto-Protokoll 1997, Kopenhagen 2009, Pariser Klimaabkommen von 2015. Das Pariser Klimaabkommen setzte sich das Ziel, die globale Erderwärmung deutlich unter 2° im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu halten. Ein Sonderbericht des Weltklimarats von 2018 betonte bereits darüber hinaus die Notwendigkeit, die Erderwärmung auf 1,5° zu begrenzen.

Aktuell ist das äußerst unwahrscheinlich. Nach den vorliegenden Aktionsplänen der großen Industrienationen werden die Emissionen bis 2030 um 16 Prozent ansteigen. Dabei wäre ein Rückgang um 45 Prozent nötig, um das 1,5°-Ziel zu erreichen. Und selbst schon dann wären Dürren, Hochwasser, Unwetter und die Unbewohnbarkeit ganzer Landstriche die fortgesetzte und unweigerliche Folge.

In Glasgow steht nun die Show-Veranstaltung der UN-Klimakonferenz 2021 (auch „COP26“ genannt) im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit – Grund genug, dass die größten Industrienationen der Welt schon zuvor die wirklichen Verhandlungen führen. Beim kürzlich beendeten G20-Gipfel in Rom wurde deutlich: Einigen kann man sich nicht.

Die G20 einigen sich auf – nichts

Ein Entwurf für ein Abschlussdokument wurde systematisch verwässert: Kein konkretes Datum für eine CO2-Neutralität, kein klarer Zeitpunkt für den Kohleausstieg. Ein Hinweis auf die „alarmierenden Berichte“ des Weltklimarats, der vor den Gefahren der Erderwärmung gewarnt hatte, wurde im finalen Text mit „jüngste Berichte“ abgeschwächt. Sogar eine Einigung auf „sofortiges Handeln“ wurde gestrichen. Zudem wurde anfangs noch die deutliche „Kluft“ zwischen den bisher zugesagten Bemühungen und dem nötigen Weg festgestellt, um unseren Planeten vor der gefährlichen Erhitzung zu retten – um am Ende dann selbst dieses Eingeständnis noch zu streichen.

Dabei hatte kurz vor dem G20-Gipfel der Uno-Generalsekretär António Guterres eine flammende Ansage gemacht: „Die Zeit für diplomatische Freundlichkeit ist vorüber: Wenn nicht alle Regierungen – insbesondere die der G20-Staaten – aufstehen und die Anstrengungen gegen die Klimakrise anführen, steht uns entsetzliches menschliches Leid bevor.“

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Geholfen hat es offenbar nichts. Dementsprechend unzufrieden ist er jetzt mit den Ergebnissen. Er hoffe nur, dass beim Klimagipfel in Glasgow ehrgeizigere Zusagen gemacht würden, so Guterres. – Eine ziemliche Illusion, lag doch der G20-Gipfel nicht zufällig genau vor dem COP26, um die Eckpfeiler der Verhandlungen im Vorfeld abzustecken.

NGOs reagierten auf die Beschlüsse „fassungslos“: „Die hier an den Tag gelegte Unentschlossenheit und Uneinigkeit droht unseren Planeten zu verbrennen“, so Jörn Kalinski von der Entwicklungsorganisation „Oxfam“.

Hinter diesen Vorstellungen steht aber, dass man annimmt, dass es grundsätzlich schon irgendwie möglich wäre, sich zu einigen, wenn eben nur die richtigen Verhandler:innen am Tisch säßen. Diese Perspektive verschleiert jedoch den Blick auf das, was wirklich das Problem ist: unsere weltweite Produktionsweise.

Rettung unmöglich in diesem System

Hauptursache der massiven CO2-Emission ist der systematisch von internationalen Großkonzernen betriebene Raubbau an der Natur und seinem Profit durch die Förderung klimaschädlicher Energieträger wie Öl und Kohle. Obwohl Konzernen wie Exxon – wie schon oben gesagt – die Folgen bewusst waren, setzten sie ihre Förderung fort und zementierten damit die Ausrichtung der Weltproduktion auf diese Art, Energie zu gewinnen – der Profit hat kein Gewissen. So einfach ist das. Und das gilt auch in Zukunft, wenn für E-Autos und Windräder seltene Erden geplündert werden und damit Giftseen um die Minen in Afrika, Lateinamerika und Asien entstehen.

Im Kampf um die Interessen ihrer Großkonzerne stehen Staaten im Wettkampf miteinander – und zwar alle. In vielen Artikeln westlicher Medien wird nun China und Indien ein Scheitern des G20-Gipfels zugeschoben. Dabei haben die USA noch immer einen doppelt so hohen Pro-Kopf-Ausstoß wie China und einen sieben Mal höheren als Indien. Dennoch steigt der Anteil der beiden Länder tatsächlich massiv an.

Notwendig wäre also eine globale Klimapolitik! Aber ist das möglich – in einer Welt, deren Wirtschaftssystem nur auf den, am eigenen Interesse ausgerichteten internationalen Lieferketten fußt, auf der Eroberung von Absatzmärkten oder Rohstoffvorkommen und imperialistischen Einmischungen beruht? Ist es realistisch, dass hier und jetzt eine gemeinsame Politik entwickelt wird, in der wissenschaftliche Erkenntnisse miteinander geteilt würden, durch die den eigenen Konzernen aber wegen Klimaschutzpolitik zugunsten der anderen Länder womöglich geschadet würde? – Es wird klar werden, dass solch eine „Kooperation“ utopisch ist.

Welche Antwort?

Die einzige Antwort auf den globalen Klimawandel ist eine grundlegende Veränderung unseresWirtschaftssystems – weg vom Kapitalismus, hin zu einer geplanten Kreislaufwirtschaft. Nur, wenn die großen Bagger, Fabrikhallen, Batterieproduktionen, Minen, Schifffahrtsunternehmen, Forschungseinrichtungen usw. in den Händen der Arbeiterinnen und Arbeiter – und nicht der Konzernchefs – sind, werden diese Produktionsmittel auch im Interesse der Menschheit eingesetzt werden.

Die Großkonzerne der Welt sind heute bereits gigantische „Planwirtschaften nach innen“. Findige IT-Expert:innen haben mit Algorithmen und Datenbanken alle Voraussetzungen für eine „globale Planwirtschaft“ geschaffen. Wir müssten sie nur vom Korsett des Profits befreien.

Es ist klar, dass dies nicht die jetzigen G20-Staatenlenker:innen tun werden. Das kann nur die internationale Arbeiter:innenklasse schaffen, die seit jeher die Produktion am Laufen hält. – Die Wirtschaft gehört uns, wir müssen sie uns nur nehmen, um unser Klima zu retten.


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