In den Jahren 2015 bis 2019 gab es mindestens 10.936 rassistische Angriffe auf Asylsuchende in Deutschland. Das zeigt eine Langzeitauswertung der “Amadeu Antonio Stiftung” und der Menschenrechtsorganisation “PRO ASYL”. Die Dunkelziffer dürfte weit darüber liegen.

Wir sehen eine eskalierende Gewalt gegen geflüchtete Menschen bundesweit, sagt Tahera Ameer, Rassismus-Expertin der “Amadeu Antonio Stiftung”, die sich nach eigener Zielsetzung konsequent gegen Rechtsextremismus einsetzt. Dabei bezieht sie sich auf die Langzeitauswertung mit dem Titel “Leben in Gefahr. Gewalt gegen Geflüchtete in Deutschland, die vor kurzem von ihrer Stiftung und der Menschenrechtsorganisation PRO ASYL veröffentlicht wurde. In diesem Zusammenhang kritisieren sowohl Stiftung als auch Organisation eine mangelhafte Erfassung und Dokumentation von Gewalt gegen Geflüchtete in Deutschland.

Über 10.000 Fälle – und hohe Dunkelziffer

Die Langzeitauswertung beschäftigt sich sowohl mit vergangenen, als auch mit aktuellen Zahlen: Bundesweit erfassten die Organisationen zwischen 2015 und 2019 insgesamt 10.936 rassistische Angriffe auf Asylsuchende, darunter 276 Brandanschläge, 1.895 Körperverletzungen und 8.765 sonstige Übergriffe wie Böller- oder Steinwürfe oder rechte Schmierereien.

Besonders hoch sind die Zahlen in Brandenburg: Hier wurden zwischen 2015 und 2019 insgesamt 1.212 flüchtlingsfeindliche Vorfälle dokumentiert. Kein anderes Bundesland verzeichnet – im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl – mehr Übergriffe auf Asylsuchende., heißt es im Bericht.

Die Datengrundlage der Analyse bilden öffentlich zugängliche Berichte in Zeitungsartikeln, Pressemitteilungen der Polizei sowie Meldungen lokaler und regionaler Register, außerdem die Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt. Daraus lässt sich schießen, dass die Dunkelziffer der Opfer dieser Art von Gewalt noch weit höher sein dürfte – die meisten Vorfälle schaffen es nicht in die Zeitungen oder Beratungsstellen.

Zu wenig Daten

Im Jahr 2018 sei das Thema schlagartig aus den Debatten und Schlagzeilen verschwunden, stellte Ameer fest. Gewalt gegen Geflüchtete ist aber weiterhin ein massives Problem.” Nur weil niemand mehr sprechen möchte, habe sich die Situation der Betroffenen nicht automatisch verbessert. Die vielen Pressemitteilungen habe es damals wahrscheinlich nur gegeben, weil das öffentliche Interesse so groß gewesen sei.

Es kann nicht sein, dass wir zwar wissen, wie viele Handtaschen 2020 gestohlen werden, aber schwere Körperverletzungen, Anfeindungen und Mordversuche gegen Geflüchtete in der offiziellen Statistik nicht auftauchen, beklagt Armeer. Der Bericht von PRO ASYL und der Amadeu Antonio Stiftung ende nur deshalb im Jahr 2019, weil man die Zahlen aus 2020 und 2021 noch nicht vollständig auswerten konnte.

Zahlen bleiben hoch

Auch im Jahr 2020 breche die Gewalt nicht ab: So wurden allein rund 1.700 Fälle politisch motivierter Kriminalität gegen Geflüchtete vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst. Viele Fälle tauchten in dieser Polizeistatistik jedoch noch gar nicht auf oder würden eben nicht als politisch motivierte Kriminalität rechts” (PMK-rechts) gewertet.

Als Beispiel dafür führt Armeer folgenden Vorfall an: Zwei geflüchtete Menschen waren auf dem Fahrrad unterwegs, als ein Autofahrer versuchte, sie zu überfahren. Sie konnten ausweichen. Kurze Zeit später berichtete ein anderer Geflüchteter von einem ähnlichen Vorfall. Dieser gemeldete Fall sei bis heute jedoch nicht als sogenannter ” PMK-rechts” eingestuft.

Mangelnde Versorgung von traumatisierten Geflüchteten

Zusätzlich zur steigenden Gewalt gebe es noch viele weitere Probleme, unter anderem die psychosoziale Versorgung der Geflüchteten: “Ein Großteil der Menschen, die in Deutschland vor Folter, Krieg und Verfolgung Schutz suchen, wird mit seinen traumatisierenden Erfahrungen allein gelassen, erklärt Lukas Welz, Geschäftsführer der “Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Psychosozialer Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.). Zur Zeit gebe es mindestens 500.000 Geflüchtete mit psychosozialem Versorgungsbedarf in Deutschland, nur 25.000 davon seien jedoch in psychosozialen Zentren untergebracht.

Günter Burkhardt, Geschäftsführer von PRO ASYL, fordert deshalb ein generelles Bleiberecht für Opfer rassistischer Gewalt. „Rassistische Gewalt muss geahndet werden, und damit Tä­te­r:in­nen vor Gericht verurteilt werden, müssen die Betroffenen in Deutschland sein, sonst können sie nicht aussagen, begründet er seine Forderung.


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