In den Kriegen in Syrien, Irak und Afghanistan starben weit mehr Zivilist:innen durch US-amerikanische Luftangriffe, als bislang öffentlich bekannt war. Die Journalist:innen der New York Times kommen zu dem Schluss: Das US-Militär billigt zivile Todesopfer.

Die US-amerikanische Regierung gab ihrer Bevölkerung immer wieder ein Versprechen: In allen Kriegen im Irak, Syrien oder Afghanistan würden Feinde mit Präzisionsschlägen verfolgt. Die zivile Bevölkerung werde durch teure Techniken und präzise Vorbereitung geschützt.

Die New York Times berichtete im September von einem Drohnenangriff in Kabul. Der Öffentlichkeit wurde kommuniziert, dass ein mit Bomben beladenes Fahrzeug eliminiert wurde. Stattdessen töteten die Drohnen tatsächlich zehn Zivilist:innen.

Weitere Recherchen der New York Times ergaben, dass dies nicht eine Ausnahme, sondern die Regel war. Einsätze und Angriffe wären schlecht vorbereitet, unpräzise ausgeführt worden und forderten unzählige zivile Opfer. Die Anzahl der Opfer sei gegenüber der Öffentlichkeit systematisch untertrieben worden.

Die Recherche umfasste die Sichtung von 1.300 Dokumenten aus dem Archiv des Pentagon, die hier im Original nachzulesen sind. Diese Dokumente sind vertraulich, dennoch konnten die Journalist:innen Zugriff darauf erlangen – nicht selten auf dem Rechtsweg. Zusätzlich haben die Journalist:innen rund 1.000 Tatorte in Irak, Syrien und Afghanistan besucht, an denen Zivilist:innen durch die US-Armee zu Tode gekommen sind.

Zivile Opfer systematisch kleingeredet

Die Zahl der zivilen Opfer der US-amerikanischen Luftwaffe sei systematisch untertrieben worden. Den Ursprung für die vielen zivilen Opfer sieht die New York Times schon in der schlechten Aufklärung begründet.

In einem Fall wollten Spezialkräfte drei Aufenthaltsorte von ISIS angegriffen haben. Einige Zivilist:innen hätten sich unter die Kämpfer gemischt. Stattdessen hatten die Kräfte aber drei Gebäude attackiert, in denen syrische Bürger:innen Unterschlupf suchten. Statt der berichteten 24 Personen wurden 120 Menschen getötet.

Auch dem eigenen sowie kommunizierten Anspruch an Verantwortung kam das Militär nicht nach: Nicht einmal ein Dutzend Entschädigungszahlungen wurden bislang getätigt. Außerdem fehlen jegliche Hinweise darauf, dass Fehlschläge interne Konsequenzen gehabt hätten. Häufig waren die ausführenden Kräfte auch für die folgenden Ermittlungen selbst zuständig.

„Insgesamt deuten die 5.400 Seiten Akten auf eine institutionelle Akzeptanz von zivilen Opfern hin. Nach der Logik des Militärs war ein Angriff vertretbar, solange das zu erwartende Risiko für die Zivilbevölkerung ordnungsgemäß gegen den militärischen Nutzen abgewogen und von der Befehlskette genehmigt worden war.“

„Fehler passieren“

Das US-Militär nahm jetzt Stellung zu den Ergebnissen der Recherche. Hauptmann Bill Urban, der Sprecher des U.S. Central Command, erklärte: „Auch mit der besten Technologie der Welt passieren Fehler – sei es aufgrund unvollständiger Informationen oder falscher Interpretation der verfügbaren Informationen. Und wir versuchen, aus diesen Fehlern zu lernen.“

Damit widersprach er erneut den Recherchen, denn diese ergaben, dass eben keine kritische Auseinandersetzung mit der hohen Zahl ziviler Opfer stattfand.


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