In den letzten Tagen berichten viele Medien über Menschen aus der Ostukraine, die Angst vor einer Eskalation haben. In diesen Berichten steht aber meist die Kriegspropaganda im Vordergrund und die realen Ängste der ukrainischen und russischen Arbeiter:innen werden in den Hintergrund gerückt. – Ein Kommentar von Michelle Mirabal

Die Menschen, die in der Nähe der Konfrontationslinie in der Ostukraine wohnen haben sich bereits an Krieg gewöhnt. Einige Menschen berichten in einer Reportage für die Tagesschau  über ihre Ängste, so auch eine Frau aus Wolnowacha, nur 30 Kilometer entfernt von der Konfrontationslinie. Der kleine Ort wurde das letzte Mal 2015 angegriffen. Größere Kämpfe gab es hier vor allem 2014, seitdem ist nicht viel passiert. Die Frau erzählt, dass sie aktuell nur Schüsse in der Ferne höre, sich daran aber schon fast gewöhnt habe.

Dass viele Medien über solche Schicksale berichten, erweckt zunächst den Anschein, als wolle man den Ängsten der Menschen Gehör verschaffen. Bei genauerem Hinsehen sieht das Ganze schon komplizierter aus:

Die Ängste der Menschen scheinen hier genutzt zu werden, um uns glauben zu machen, wie schlimm es den Menschen in der Ukraine geht und dass wir ihnen „helfen“ müssen. Sie werden also als direkte Kriegspropaganda gegen Russland genutzt. Die ganz realen Ängste der Menschen vor einem möglichen Krieg rücken dabei in den Hintergrund. Auffällig ist z.B., dass nur die Menschen in der Nähe der Konfrontationslinie auf Seiten der Ukraine erwähnt werden, nicht aber die russischen Arbeiter:innen. Die haben bei einem bevorstehen Krieg nicht weniger Angst um ihre Existenz.

Oftmals werden in einem Atemzug noch die riesigen Werbeplakate von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko gezeigt. Auf denen ist Klitschko uniformiert zu sehen, mit den Worten: „Verteidigen wir zusammen Kiew“. Er wird als selbstloser Held dargestellt. Dass er mit ukrainischen Faschist:innen sympathisiert und auch immer wieder gerne mit ihnen für ein Foto posiert, wird dabei natürlich nicht erwähnt.

Mit seiner Fotoaktion wirbt er um freiwillige Brigaden, die eine „territoriale Verteidigung“ aus Zivilist:innen zur Verteidigung der Ukraine gegen eine russische Invasion bilden sollen. Tausende Menschen sollen sich diesen Freiwilligeneinheiten im ganzen Land angeschlossen haben – eine der wohl erfolgreichsten Propagandaaktionen der letzten Zeit im Konflikt rund um die Ukraine.

Dabei dürfen wir nicht vergessen: Bei jedem Krieg, egal in welchem Land, verliert am Ende immer die Arbeiter:innenklasse. Sie sind es, die von Regierungen in den Krieg geschickt werden, deren Häuser und Lebensgrundlage durch Bomben zerstört werden oder die unter vom Krieg ausgelösten Krisen leiden müssen. So würde es auch bei einem Krieg zwischen der Ukraine (und der NATO in ihrem Rücken) und Russland geschehen.

Unsere Aufgabe ist es daher, dort wie hier, gegen einen drohenden Krieg und die anhaltende Kriegspropaganda zwischen der NATO und Ukraine auf der einen Seite und Russland auf der anderen Seite Stellung zu beziehen. Denn in einem kommenden Krieg werden die Arbeiter:innen das Kanonenfutter im Interesse der Herrschenden sein.


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