Durch niedrigschwellige Testangebote, schnelle Diagnosen und ein verbreitetes Bewusstsein sinkt die Anzahl der schwulen und bisexuellen Männer, die sich im Vereinigten Königreich mit HIV infizieren, stetig. Die Maßnahmen richten sich jedoch selten explizit an Heterosexuelle. Das hat verheerende Folgen.

Im Vereinigten Königreich waren unter den neu mit HIV Infizierten erstmals mehr heterosexuelle Personen als schwule und bisexuelle Männer. Heute entfallen 49% der Neudiagnosen in England auf Heterosexuelle (mit einer fast gleichmäßigen Aufteilung zwischen Männern und Frauen), gegenüber 45% bei schwulen und bisexuellen Männern.

Glücklicherweise handelt es sich dabei nicht um einen massiven Anstieg der HIV-Diagnosen bei Heterosexuellen. Stattdessen ist dies in erster Linie das Ergebnis eines starken, anhaltenden Rückgangs der Diagnosen bei schwulen und bisexuellen Männern, die seit 2014 um 71% zurückgegangen sind. Dieser Rückgang könnte ein Hinweis darauf sein, dass niedrigschwellige Tests, schnelle Diagnosen und schnell verfügbare Therapien Wirkung zeigen. Allerdings richten sich diese Maßnahmen bisher vor allem an Männer, die Sex mit Männern haben.

Es ist anzumerken, dass es sich bei dieser Verschiebung um eine echte Veränderung der Epidemie handelt und nicht um eine statistisch herbeigeführte durch Lockdowns und daraus entstehende Rückgänge bei den Tests. Die Zahl der HIV-Tests bei schwulen Männern in Kliniken für sexuelle Gesundheit in England ging 2020 um 7% zurück, während die HIV-Testraten bei Heterosexuellen um ein Drittel sanken.

Häufig späte Diagnosen

Unter heterosexuellen Personen, allen voran heterosexuellen Männern, wird HIV häufiger zu einem späten Zeitpunkt diagnostiziert. Dann ist AIDS, also die immunschwächende Erkrankung, häufig schon fortgeschritten.

Bei 51% der Frauen, 55% der heterosexuellen Männer und 66% der über 65-Jährigen wurde die Diagnose in einem späten Stadium gestellt, d.h. nachdem die Schädigung des Immunsystems bereits eingesetzt hat. Bei schwulen und bisexuellen Männern waren es dagegen nur 29%.

Das ist auch deswegen problematisch, weil eine zeitnahe Diagnose auch eine zeitnahe Behandlung ermöglicht. Dies erhöht die Überlebenschancen und Lebensqualität erheblich und sorgt außerdem dafür, dass HIV unter der Nachweisgrenze und damit nicht mehr übertragbar wird.

Kein vergleichbarer Trend in Deutschland

Das RKI gibt jedes Jahr eine Statistik zu den Infektionsverläufen mit HIV aus. Das Institut unterscheidet bei den Infektionswegen unter „Sex zwischen Männern“ und „Heterosexuellen Kontakten“ sowie Drogengebrauch und Blutprodukten.

Über den Infektionsweg „Sex zwischen Männern“ haben sich im Jahr 2020 geschätzt 1.100 Personen mit HIV infiziert, über heterosexuelle Kontakte sind es 530. Mit dieser Ausgabe der Statistik greift das RKI einer Kritik vor, die es an der Statistik im Vereinigten Königreich gibt. Es wird der konkrete Infektionsweg statt dem der sexuellen Orientierung Infizierter betrachtet.

Obwohl die Entwicklungen sich in beiden Ländern unterscheiden, können die Schlussfolgerungen auch in Deutschland relevant sein: Tests werden vorwiegend in LGBT-Zentren angeboten und richten sich explizit an Männer, die mit anderen Männern Sex haben.

Ein Modellprojekt am King’s College Hospital in London führt standardmäßig HIV-Tests in der Notaufnahme durch. Dort wurden in den letzten fünf Jahren 116 neue Diagnosen durch Opt-out-HIV-Tests in der Notaufnahme gestellt. Diejenigen, die auf diese Weise diagnostiziert wurden, waren häufiger Frauen, heterosexuell und Schwarz, verglichen mit Menschen, die in der Abteilung für sexuelle Gesundheit des Krankenhauses diagnostiziert wurden.


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