Die Lebensmittelpreise sind so hoch wie seit mindestens 60 Jahren nicht. Insbesondere auf dem afrikanischen Kontinent erwarten Ökonomen nun „Hungeraufstände“ und verstärkten Anschluss von armen Arbeiter:innen an bewaffnete Gruppen.

Die Lebensmittelpreise explodieren weltweit. Dies lässt sich am Lebensmittelpreisindex der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ablesen. Der aktuelle Wert von 145,5 ist ein Rekordhoch. Damit übertrifft dieser bei weitem frühere Spitzenwerte in den 1970er und frühen 2010er Jahren, die zu den Protesten des “arabischen Frühlings” geführt hatten.

Der jüngste Anstieg ist vor allem auf den Anstieg bei Getreide und Pflanzenölen zurückzuführen und hat mehrere Ursachen.

  • Zum einen hat der Ukraine-Krieg massive Auswirkungen: Zusammen liefern Russland und die Ukraine fast 30 % der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte. Allein auf die Ukraine entfallen außerdem 14 % des weltweit gehandelten Mais und 75 % des weltweit gehandelten Sonnenblumenöls, eines wichtigen Zutat zum Braten und Fritieren. Dieses kann jedoch durch die Unterbrechung der Schifffahrtsrouten über das Schwarze Meer nicht so geliefert werden wie geplant. Bei Russlands hängen die Lieferschwierigkeiten mit den Auswirkungen der Sanktionen auf die landwirtschaftlichen Lieferketten zusammen.
  • Hinzu kommen die weltweiten Auswirkungen des Klimawandels z. B. extreme Hitze in Teilen Indiens, der USA und Frankreichs, historisch starke Dürren in Ostafrika und Überschwemmungen in China. Zudem werden Preise durch Nahrungsmittelspekulation in die Höhe getrieben. All dies hat zu einem starken Anstieg der Preise für Grundnahrungsmittel geführt, von dem insbesondere Arbeiter:innen in neokolonialen Ländern betroffen sind.

Hungeraufstände erwartet

Die Ökonomen Eoin McGuirk (Tufts University) und Marshall Burke (Stanford University) haben versucht, die Auswirkungen der Preisexplosion auf soziale Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent vorauszusagen.

Da Lebensmittel einen großen Teil der Haushaltsausgaben in Afrika ausmacht (im Durchschnitt etwa 40 %), hängt demnach der Effekt der Lebensmittelpreisschocks für eine bestimmte Person entscheidend davon ab, ob sie in einem Gebiet lebt, das selber die nun fehlenden Waren produziert, oder dies eben einkaufen muss.

So gehen sie davon aus, dass in denjenigen Gebieten, die selbst Getreide und Pflanzenöle herstellen, soziale Konflikte sogar zurückgehen dürften, da nun von dort Lieferungen benötigt würden. Dies könne auch zu höheren Löhnen führen.

Zum anderen könnten an den Orten, wo nun Lebensmittel zu erhöhten Preisen eingekauft werden müssten „riskante wirtschaftliche Bewältigungsstrategien“ genutzt werden um die „notwendige Kalorienzufuhr aufrechtzuerhalten“. Konkret gehen sie davon aus, dass sich „arme Arbeiter:innen bewaffneten Gruppen anschließen“ in den Gebieten, wo Nutzpflanzen vor allem konsumiert und weniger selbst produziert werden.

Das Konfliktrisiko würde sich deshalb in folgenden Ländern um rund sechs Prozent steigen: Ruanda, Gambia, Sierra Leone, Somalia, Swasiland/Eswatini, Zentralafrikanische Republik, Dschibuti, Mosambik, Südafrika, Simbabwe, Ghana, Niger und Mali.

Zudem gehen sie davon aus, dass die Wahrscheinlichkeit von „Hungeraufständen“ mit Demonstrationen und Plünderungen um bis zu 20 Prozent steigen dürfte.


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