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Dienstag, Juni 18, 2024
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    Polizeimord an Mouhamed Lamine Dramé: Ermittlungen gegen 5 Polizist:innen

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    Am 8. August wurde der 16-jährige Mouhamed Lamine Dramé in Dortmund von der Polizei erschossen. Jetzt ist der Zwischenstand der Ermittlungen gegen die verantwortlichen Polizist:innen veröffentlicht worden. Der Bericht zeigt dabei einige Ungereimtheiten in den Aussagen der Polizei. Auch wird nicht mehr nur gegen den Todesschützen, sondern auch gegen vier seiner Kolleg:innen ermittelt.

    Ein Betreuer von Mouhameds Wohngruppe hatte am 08. August die Polizei darüber verständigt, dass der Jugendliche mit einem Messer im Innenhof sitze und wahrscheinlich suizidgefährdet sei. Die eingetroffenen Beamt:innen beruhigten die Lage jedoch nicht, sondern setzten Reizgas und Taser gegen Mouhamed ein und schossen kurz darauf mit einer Maschinenpistole auf ihn – vier Schüsse trafen. Mouhamed starb wenig später in der Notaufnahme.

    Seitdem wurden von der im dem Fall ermittelnden Polizei Recklinghausen keine neuen Informationen zu dem Fall veröffentlicht. Jetzt bekam NRW- Innenminister Herbert Reul jedoch die Erlaubnis der Staatsanwaltschaft, im Landtag einen ersten Zwischenbericht vorzulegen.

    Brutales Vorgehen der Polizei

    Insgesamt waren 12 Beamt:innen vor Ort, doch alle eingesetzten Polizist:innen schweigen bisher. Da keine der Bodycams eingeschaltet war, mussten Anwohner:innen befragt werden, um das Geschehen vor Ort zu rekonstruieren. Auch wurden der Tatort vermessen und Beweismittel kriminaltechnisch untersucht.

    Die Ergebnisse zeigen noch einmal, wie brutal die Polizei vorging: Nachdem ein Gespräch mit dem Jugendlichen, der kein Deutsch sprach, erfolglos blieb, setzte die Polizei Reizgas gegen Mouhamed ein. Was die Polizei vorher zu ihm sagte, konnte nicht ermittelt werden, es gab allerdings wohl keine Aufforderung, das Messer wegzulegen.

    Danach attackierten sie ihn mit Taser, der erste Taser konnte dabei keinen geschlossenen Stromkreis erzielen, der zweite traf Mouhamed an Hals und Glied. Laut Bericht kam es dabei “wahrscheinlich zu Schmerzen”. Dann gab ein Polizist sechs Schüsse aus seiner Maschinenpistole ab. Davon trafen Mouhamed vier und nicht wie bisher angenommen fünf. Die Aussage des Beamten, dass Mouhamed sich mit dem Messer auf ihn zu bewegte, konnte durch die Ermittlung bisher nicht belegt werden.

    Falschaussagen und neue Ermittlungen

    Auch weitere Aussagen der Polizist:innen vor Ort konnten durch die Ermittlungen nicht bestätigt werden, sondern wurden zum Teil sogar widerlegt. So wurde ursprünglich gesagt, dass elf Beamt:innen vor Ort gewesen seien, tatsächlich waren es zwölf. Ebenfalls zeigte sich, dass die Einsatzkräfte Mouhamed nur auf Spanisch und Deutsch ansprachen und nicht auch auf Englisch und Portugiesisch, wie sie zuvor ausgesagt hatten.

    Nachdem anfangs nur gegen den Schützen ermittelt wurde, werden die Ermittlungen nun auf vier weitere Polizist:innen ausgeweitet: zum einen gegen den Einsatzleiter wegen Anstiftung zur gefährlicher Körperverletzung im Amt, zum anderen aber auch gegen die Polizist:innen, die den Reizstoff und Taser einsetzten. Auch prüfen die Ermittler:innen, ob die Ermittlungen gegen den Schützen von Körperverletzung mit Todesfolge auf Totschlag geändert werden sollen. Der Beamte ist mittlerweile vom Dienst suspendiert.

    Zudem werden noch Tonaufnahmen ausgewertet. So war der Betreuer, der die Polizei rief, während des Einsatzes weiterhin telefonisch mit der Einsatzstelle verbunden. In der Aufnahme sind auch die Hintergrundgeräusche des Einsatzes zu hören.

    Ob diese Ermittlungen aber wirklich Gerechtigkeit für Mouhamed bringen werden, bleibt offen. Schon in der Vergangenheit liefen Untersuchungen in Fällen von Polizeigewalt oft ins Leere, nur selten kam es zur Verurteilung. So führten die Erkenntnisse im Beispiel des Falls von Oury Jalloh, der 2005 in Polizeigewahrsam starb, trotz vieler Beweise, die auf Fremdeinwirkung bei seinem Tod hinweisen, bis heute zu keiner Verurteilung von Polizist:innen.

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