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Mittwoch, Mai 22, 2024
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    Energiekrise an der Uni Gießen heißt für Beschäftigte: frieren, denunzieren und zahlen

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    Energieträger werden für die deutschen Märkte knapper, das sorgt in Industrie und Wirtschaft für viel Neu- und Umgestaltung. Einige Arbeitgeber:innen nutzen diese Energiesparmaßnahmen, um Gewinne durch Preisanstiege zu vervielfachen, andere senken im Zuge dessen ihre Personalkosten. Die Justus-Liebig-Universität in Gießen ist dafür ein Paradebeispiel. – Ein Bericht von Ralf Rubrum.

    Gießen ist ein kleines Studentenstädtchen mit viel Universität und wenig Industrie. Doch der beachtliche Energieverbrauch des Biomedizinischen Forschungszentrums Seltersberg (BFS) sticht hervor. Das Zentrum ist Teil der Justus-Liebig-Universität (JLU), die aktuell rund 5.700 Menschen insgesamt beschäftigt – damit ist die Universität die größte Arbeitgeberin der Stadt. 300 Beschäftigte davon arbeiten für das Biomedizinische Zentrum.

    Geld für Aufrüstung statt Forschung und Lehre

    Während für imperialistische Machtbestrebungen Milliardenverschuldungen ermöglicht wurden, bleiben zusätzliche Finanzierungen in der Krise für Bildung und Forschung offenbar aus. Der Universität entstehen zusätzliche Energiekosten, die anderweitig kompensiert werden müssen. Vor dieser Situation stehen derzeit viele Unternehmen und Institutionen – nicht selten tragen die Beschäftigten die Konsequenzen.

    Verschiedenste Zahlen bis zu 10 Millionen Euro zusätzlicher Energiekosten werden in den Dekanaten der JLU diskutiert, was etwa dem Jahresetat eines Fachbereichs entspräche. Während diese finanziellen „Herausforderungen“ diskutiert wurden, mischten sich die Stadtwerke ein und forderten eine Reduktion des Energieverbrauchs an der Uni um 25 Prozent, mit Blick auf die bestehenden Energiespeicher.

    In diesem Kontext erwächst in den Hinterzimmern der Uni eine paradoxe Idee fraglicher Vernunft: „Wir machen den Laden freitags dicht und drehen die Heizung runter“. So plump kann man das „Lösungskonzept“ zusammenfassen. Für die Beschäftigten im BFS bedeutet das, montags bis donnerstags bei nur 19°C zu arbeiten und freitags bei maximal 16°C auf der Arbeit zu bibbern oder ins Homeoffice zu gehen.

    Mobiles Arbeiten statt Homeoffice

    Pardon, Homeoffice ist nicht ganz korrekt, das würde die Arbeitgeber:innen nämlich an ein paar teure Verpflichtungen binden, welche die JLU durch das sog. „mobile Arbeiten“ geschickt umgeht, denn die Uni richtet ansprechende Wohlfühloasen für die Angestellten ein, sog. „Wärmeorte“.  Um sicherzustellen, dass die Beschäftigten diese arbeitsfeindliche Umgebung einhalten, werden Reinigungskräfte und Hausmeister angehalten, Zuwiderhandlungen an den Heizkörpern zu melden.

    Im Klartext: drei Energiesünden führen zu „einer Rückmeldung an E-3 Energiemanagement, gemäß E-Mail-Vorlage.“ Dass die Reinigungskräfte und Hausmeister sich in ihrer Rolle als bezahlte Denunziant:innen sehr unwohl fühlen, ist klar. Gleichzeitig wird die Belegschaft gespalten und die Wut auf die Kolleg:innen der Reinigung und Hausmeister gerichtet, anstatt sie an die politisch Verantwortlichen zu adressieren. Wenig später gibt die Universität an, es handle sich bei diesem Monitoring nur um eine missverstandene Bitte.

    Individualisierung statt Energiesparen

    Paradox ist, dass auf diesem Weg angeblich Energie gespart werden soll, wobei der Energieverbrauch sich freitags deutlich anheben dürfte, wenn die Beschäftigten des BFS ihre hunderte Privathaushalte beheizen, dort kochen und dort ihre Laptops nutzen.
    Anstatt einer Energieeinsparung findet hier eine Individualisierung der Energiekosten statt. Die Uni verzeichnet gesunkene Kosten und gesunkenen Energieverbrauch – bei gleichzeitigem Anstieg des städtischen Gesamtenergieverbrauchs. Die Kosten dafür tragen die Beschäftigten.

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