Die Gewerkschaft GEW kritisiert die durch die aktuelle Infektionswelle offen zutage tretenden Missstände in deutschen Kitas. Es fehlten massiv Personal sowie Plätze für Kleinkinder und viele Einrichtungen stünden vor dem Kollaps. Dabei kritisieren  Erzieher:innen ihre miserablen Arbeitsbedingungen seit Jahren, von den Gewerkschaften und dem Staat kommt allerdings keine Hilfe. – Julius Kaltensee arbeitet als Erzieher und berichtet aus seinem Arbeitsalltag.

GEW-Vorstandsmitglied Doreen Siebernik bezeichnete „die Bedingungen in den Kitas” am Wochenende als “kaum noch zu verantworten“ und bezieht sich dabei auf einen durch eine Krankheitswelle offenbarten drastischen Personalmangel bei den dort arbeitenden Erzieher:innen.

Mancherorts liegt der Krankenstand über 50 Prozent des angestellten Personals, wodurch der Betreuungsstand rapide zurückgefahren und teilweise sogar die komplette Einrichtung vorübergehend geschlossen werden müsste.

Auch ich lag bis vor kurzem zu Hause krank im Bett, weil ich mich auf der Arbeit in einem Hort mit einem Virus angesteckt hatte. Und nicht nur ich fehlte auf der Arbeit, von meinen 7 Kolleg:innen waren 2 weitere krank und der Rest meistens noch gesundheitlich angeschlagen von vergangenen Infekten auf der Arbeit.

Das Problem ist lange bekannt

Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung im Oktober 2022 fehlen insgesamt 93.700 pädagogische Fachkräfte im Westen und noch einmal 4.900 Erzieher:innen im Osten Deutschlands. Es benötigt im kommenden Jahr bundesweit fast 384.000 Kita-Plätze, um den Betreuungsbedarf der Eltern erfüllen zu können. Aus diesen Mängeln folgt, dass der Personalschlüssel in den Einrichtungen im Osten zu 90 Prozent nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen entspricht.

So müssen sich Erzieher:innen in der Nachmittagsbetreuung teilweise allein um über 50 Kinder kümmern, obwohl es nur 22 Kinder sein dürfen. Wir Erzieher:innen bemängeln diesen Missstand schon seit Jahren und mahnen, dass darunter auch zwangsläufig die pädagogische Arbeit massiv leiden wird.

Die pädagogische Qualität leidet

Denn es fällt schlichtweg schwer, jedem Kind eine individuelle Betreuung garantieren zu können, wenn die Zahl der zu betreuenden Kinder so hoch ist, dass allein die grundlegendsten Aufgaben wie Anziehen, Essen oder Konfliktlösung zur besonderen Herausforderungen werden.

Die Kraft für detaillierte Lerntagebücher oder diverse kreative Angebote ist oft einfach verbraucht, wenn vorher 50 Kinder gleichzeitig in einen viel zu kleinen Speiseraum gedrängt werden müssen und dabei ein Mindestmaß an zivilisiertem Essverhalten garantiert werden soll.

Die Leidtragenden dieser Zustände sind am Ende tragischerweise auch die Kinder, denn massiv überforderte Erzieher:innen sind oft gehetzt und kurz angebunden, haben keine Zeit für Spiele und oft weniger Geduld.

Dies fällt auch uns pädagogischen Fachkräften auf und führt dazu, dass wir oft schlichtweg unzufrieden mit unserer eigenen Arbeit sind. Schließlich haben wir ja in der Ausbildung gelernt, wie eine optimale und ganzheitliche Erziehung aussehen soll. Anwenden können wir dieses Wissen in der Realität aber nur sehr selten.

Zynismus der Gewerkschaften

Auch wenn Gewerkschaften wie die GEW oder ver.di dieses Problem oft öffentlichkeitswirksam anprangern, auf sie verlassen können wir Erzieher:innen uns nicht: So schlossen ver.di und GEW dieses Jahr einen Tarifvertrag mit der Laufzeit von fünf Jahren ab, ohne nur irgendeine Verbesserung des Personalschlüssels zu erwirken.

Auf der Homepage der GEW betont man erneut die Wichtigkeit dieser Forderung, verschiebt sie aber lieber auf „künftige Tarifauseinandersetzungen“. Und nicht nur das: Die im Tarifvertrag erwirkten Lohnerhöhungen glichen nicht einmal die Inflation aus und zwei zusätzliche Urlaubstage klingen zwar gut, sind aber aufgrund des miserablen Personalschlüssels oft eine weitere Belastung für die Kolleg:innen.

Bundesweite Warnstreiks: Erzieher:innen brauchen mehr Geld, Zeit und Mitarbeiter:innen!

Organisierung anstatt Resignation

In meinem Kollegium sind daher von 8 Fachkräften nur 2 in der Gewerkschaft organisiert, nur 1 Person beteiligte sich an dem Streik in diesem Jahr. Resignation überwiegt und sorgt dafür, dass sich versucht wird, an die überfordernde Situation anzupassen.

Auch ich habe mich ehrlicherweise daran gewöhnt, nicht den eigenen Erwartungen an die pädagogische Arbeit gerecht werden zu können. Und dies ist kein Einzelfall nur in meiner Einrichtung: Beim Austausch mit Kolleg:innen auf Weiterbildungen zeigt sich das gleiche Bild, oft sogar noch deutlich dramatischer. Inwieweit diese katastrophalen Zustände im Interesse einer Gesellschaft sein können, ist fraglich.

Meiner Einschätzung nach benötigt es deshalb eine Organisierung der Erzieher:innen, die außerhalb der etablierten Gewerkschaften und des Staates stattfindet. Schließlich ist den kommunalen und privaten Arbeitgeber:innen, wie auch den DGB-Gewerkschaften das alles bekannt, und doch wird nicht im Geringsten etwas dagegen unternommen.

Bei einer tatsächlichen gewerkschaflichen Organisierung im ursprünglichen Sinne würden Streiks auch endlich wieder die Funktion erfüllen, wirkliche Verbesserungen durchzusetzen, anstatt am Ende nur zu ernüchternden Ergebnissen für unseren Arbeitsalltag zu führen.

Schließlich haben wir alle gelernt, wie eine wertschätzende und umfassende pädagogische Arbeit sein sollte, und wir sollten dafür kämpfen, genau dies in unserer Arbeit Wirklichkeit werden zu lassen.


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