Vor 95 Jahren erschien zum ersten Mal Erich Kästners “Weihnachtslied, chemisch gereinigt”. Das satirische Gedicht ist heute, inmitten von Krieg und Krise, so aktuell wie zur Zeit seiner Entstehung. Ein Kommentar von Mohannad Lamees.

„Morgen, Kinder, wird’s nichts geben! / Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.“ Mit diesen Versen beginnt Kästners Parodie auf ein bekanntes Weihnachtslied. In fünf kurzen Strophen schildert Kästner die sich immer deutlicher zeigenden Widersprüche zwischen Verarmung der Bevölkerung einerseits und den immer wohlhabender werdenden Reichen auf der anderen Seite in der Weimarer Republik. Das Besinnliche, die Freude und der Glanz des Weihnachtsfest ist nur den Reichen vorbehalten, und die meisten Leute werden mit Durchhalteparolen auf eine bessere Zukunft vertröstet: „Einmal kommt auch eure Zeit / Morgen ist’s noch nicht so weit“.

Die Formulierung „chemisch gereinigt“ im Titel des Gedichtes spielt auf eine in den 1920er Jahren geläufige Werbeformel an und soll uns verdeutlichen, dass Kästner das ursprünglich sentimentale Weihnachtslied gründlich von allem Illusorischen bereinigt hat. Statt friedvoller Weihnachtsstimmung lässt Kästner die Reichen Klartext sprechen: Sie rechtfertigen das Ausbleiben der Geschenke und vertrösten die Kinder. Es werden sogar auf zynische Art und Weise zahlreiche Gründe gegeben, warum es ohnehin besser sei, kein Weihnachten zu feiern und sich im Verzicht zu üben.

Als Kästner das Gedicht 1928 auch in seinem ersten Gedichtband veröffentlichte, fügte er noch den erfunden Hinweis: „Dieses Gedicht wurde vom Reichsschulrat für das Deutsche Einheitslesebuch angekauft.“ hinzu. Die herabschauenden Aussagen im Gedicht sind also, so will uns Kästner sagen, genau das was Kinder im ganzen Land lernen sollen und somit genau das, was der Staat der armen Bevölkerung vermitteln will.

Was wollen wir? Widerstand oder Weihnachtsromantik?

Kästners Gedicht spricht auch heute zu uns und ist aktuell wie zu Zeiten der Weimarer Republik. Auch heute, inmitten von Inflation, Krieg und Krise, werden wir mit Durchhalteparolen abgespeist, werden wir vertröstet, wird uns vermittelt, dass der Verzicht auch gut sein kann. Wir sollen die Heizung abdrehen, frieren und Strom sparen, um die Ukraine gegen Putin zu unterstützen. Wir sollen die teueren Lebensmittelpreise hinnehmen. Die Konzerne machen derweil Rekordumsätze, Dividenden werden ausgeschüttet, Bonusse an Manager:innen bezahlt. Während einige Reiche gerade ein tolles Weihnachtsfest haben, sitzen viele in kalten Wohnungen und haben dieses Jahr deutlich weniger Geld für Geschenke oder das Weihnachtsessen.

Dabei werden wir berieselt mit den Weihnachtsansprachen der Politiker:innen, die uns erzählen, dass wir alle zusammenhalten und wir unser Schicksal vorerst ertragen müssten. Tatsächlich hören wir derartige Worte nicht nur zu Weihnachten, sondern das ganze Jahr über. Wir sollen uns ruhig verhalten, uns wird Passivität verordnet. Wir sollen wie Kinder sein, die sich von ihren Eltern ein Märchen über den Weihnachtsmann nach dem anderen erzählen lassen.

Wenn wir heute Kästners “Weihnachtslied” lesen, dann erkennen wir darüber hinaus aber noch mehr: Kästner hatte 1927 noch nicht erahnt, wohin die Spannungen und Krisen der Weimarer Republik letztendlich in Deutschland führten. Selbst als Kästner im Mai 1933 die Bücherverbrennung durch die an die Macht gekommenen Nationalsozialist:innen und sogar die Verbrennung seiner eigenen Werke erlebte, unterschätzte er die Gefahr durch die Faschist:innen noch. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erkannte Kästner das volle Ausmaß der faschistischen Vernichtungsmaschinierie. Ja, Kästners eigensinniger und oft spöttischer Umgang mit den Widersprüchen seiner Zeit und den erstarkenden Faschist:innen ist auch heute lesenswert.

Doch aus seiner Biographie können wir auch ableiten: Das, was wir heute beobachten und vielleicht noch mit Galgenhumor zu nehmen versuchen, kann sehr schnell zu bitterem Ernst werden. Wir haben deswegen, gerade mit Blick auf die Geschichte, schon heute die Wahl: Wollen wir uns mit der ewigen Weihnachtsromantik einschläfern lassen oder wollen wir Widerstand leisten?

 

 

  • Mohannad Lamees, geboren in Karl-Marx-Stadt, lebt mittlerweile in Berlin-Neukölln, schreibt seit Sommer 2022 für Perspektive Online, kritisiert oft die bürgerliche Doppelmoral und berichtet regelmäßig über Befreiungskämpfe gegen den Imperialismus in Deutschland und auf der ganzen Welt. Hobbys: Fußball und Arbeiter:innenlieder


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