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Sonntag, Mai 19, 2024
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    “Lutsch meine Zunge”: Missbrauch, CIA-Kontakte und AfD-Aussagen beim Dalai Lama

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    In einem kürzlich veröffentlichten Video ist der Dalai Lama zu sehen, wie er einen kleinen Jungen auffordert, ihn auf den Mund zu küssen und an seiner Zunge zu lutschen. Das Video hat viele geschockt und überrascht. Der Dalai Lama ist besonders im Westen eine oft verklärte Person, doch bei genauerer Betrachtung bleibt von diesem idealisierten Bild wenig übrig. – Ein Kommentar von Rudolf Routhier.

    Ein kürzlich veröffentlichtes Video sorgt für einen Skandal um den derzeitigen Dalai Lama. In dem Video ist zu sehen, wie der 87-Jährige bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im indischen Dharamsala einen zehnjährigen Jungen aus dem Publikum auffordert, ihn auf den Mund zu küssen und an seiner Zunge zu lutschen. Trotz der Abwehrreaktion des Jungen endet die Interaktion mit einer dem Schwitzkasten ähnlichen Umarmung durch den Dalai Lama.

    Für viele Menschen, besonders aus westlichen Ländern, ist das Verhalten des 14. Dalai Lamas ein Schock. Obwohl Missbrauchsfälle in religiösen Institutionen leider keine Seltenheit und weithin bekannt sind, so umgibt den Dalai Lama und den Buddhismus doch noch eine gewisse Verklärtheit.

    Bei Tenzin Gyatso, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, denkt man an den sanft lächelnden Mann, dessen Bild Bücher mit Kalenderweisheiten über Toleranz, Nächstenliebe und Mitgefühl schmückt und dessen Religion vielen spirituell Suchenden als erfolgreiches Gegenmodell zum reaktionären, kommerzialisierten und korrupten Christentum erscheint. Eigentlich sollte er doch weit über den allzu weltlichen Skandalen seiner westlichen Kolleg:innen stehen.

    Doch wenn man sich näher mit dem Dalai Lama beschäftigt, verschwindet dieser Eindruck schnell. Was bleibt, ist das politische Oberhaupt einer ehemaligen feudalen Theokratie. Ein Mann, dessen politischer Einfluss und reaktionäre Meinungen weniger in Richtung großväterlicher Philosoph und mehr in Richtung Papst oder Ayatollah Khomeini gehen.

    Tibet – eine feudale Theokratie

    Ähnlich idealisiert wie der Dalai Lama ist auch das Land, dessen Staatsoberhaupt er bis 2011 war. Seit 1642 war der Dalai Lama nicht nur einer der höchsten Mönche in der Gelug-Schule des tibetischen Buddhismus, sondern auch einer der politischen und wirtschaftlichen Herrscher von Tibet. Starb der Dalai Lama, so suchte eine Kommission aus Mönchen seine Wiedergeburt aus, um seinen Platz einzunehmen.

    Tibet war während dieser Zeit nicht das egalitäre Utopia fröhlicher Mönche, das der SS-Offizier Heinrich Harrer in seinen später verfilmten Erinnerungen “Sieben Jahre in Tibet” beschreibt, sondern eine feudale Theokratie. Das Land und die Bauern und Bäuerinnen gehörten den Klöstern und die Kloster wiederum gehörten einer kleinen Oberschicht aus Mönchen und Adligen. Der Dalai Lama, meistens ein kleines Kind mit berufsbedingter geringer Lebenserwartung, war selten mehr als eine Marionette in den Händen zutiefst verfeindeter Cliquen von Adligen.

    Sklaverei war allgegenwärtig und der Status quo wurde von einer Mönchspolizei beschützt, die auch oft und gerne Verstümmelung als legitime Bestrafung für Unruhestifter und Kriminelle anwandte. Das Verhältnis zu den Nachbarländern war angespannt. Zeitweise stritten Großbritannien und das russische Zarenreich um die Kontrolle über das strategisch wichtige Gebiet, dann war es lange Zeit Teil des Chinesischen Kaiserreichs.

    Als Folge der Xinhai-Revolution 1912 wurde Tibet faktisch unabhängig und blieb dies auch, bis der jetzige Dalai Lama 1951 das “17-Punkte-Abkommen” unterzeichnete, mit dem Tibet ein autonomes Gebiet innerhalb der 1949 in einer neudemokratischen Revolution geschaffenen Volksrepublik China wurde.

    Der Dalai Lama und die CIA

    Doch die Pläne der chinesischen Regierung unter Führung der Kommunist:innen, die unter anderem ein Ende der Leibeigenschaft und die wirtschaftliche und politische Modernisierung des Landes beinhalteten, waren eine Bedrohung für die Macht der Oberschicht, die mitsamt Dalai Lama nach Nordindien ins Exil gegangen war. Dort bilden sie bis heute einen Staat im Staat, der unter anderem über eine eigene Gerichtsbarkeit verfügt.

    Einen Verbündeten fanden die Exilanten in der US-amerikanischen Regierung: Für fast zwei Jahrzehnte bildete der berüchtigte amerikanische Auslandsgeheimdienst CIA im “Kampf gegen den Kommunismus” tibetische Mönche als Guerilla-Kämpfer aus, die in den 1950er und frühen 1960ern einige Aufstände gegen die Regierung unter Führung der Kommunistischen Partei Chinas starteten. Der starke Gegensatz zu dem vom Dalai Lama oft gepredigten Prinzip der Gewaltlosigkeit schien dabei nicht zu stören.

    Der Geheimdienst-Kontakt fand größtenteils über den Bruder des Dalai Lamas statt. Ein CIA-Veteran berichtete jedoch auch über ein persönliches Treffen mit dem Dalai Lama im Jahre 1964. Auch erhielt die tibetische Exilregierung insgesamt 1.700.000 US Dollar, von denen 180.000 direkt an den Dalai Lama gezahlt wurden. Trotz Aktenbeweisen leugnet der Dalai Lama diese Verbindungen bis heute.

    Als die chinesische Regierung in den späten 1960ern die Annäherung an die USA suchten, wurde das Projekt fallengelassen. China war als zukünftiger Absatzmarkt und Rohstofflieferant sowie als Verbündeter im Kalten Krieg wichtiger als die Unabhängigkeitsbestrebungen der tibetischen Exilregierung.

    Dem Kommunismus blieb der Dalai Lama jedoch feindlich gesinnt. Zwar bezeichnete er sich in einem Interview im Jahre 2013 scherzeshalber als “Marxist” und kritisierte den Kapitalismus als zu profitorientiert, lehnt sozialistische Staaten wie die Sowjetunion jedoch ab, da sie zu sehr auf Klassenkampf und zu wenig auf “Mitgefühl” bedacht waren.

    Kalenderweisheiten im Stil der AfD

    Doch selbst das unendliche Mitgefühl des Dalai Lamas endet irgendwann und zwar an den Grenzzäunen der Festung Europa. Wie bei so vielen westlichen “Humanisten” und “Demokraten” predigt auch er den Frieden mit einheimischen Ausbeutern und den Krieg gegen Geflüchtete.

    So zeigte er sich 2016 angesichts der sogenannten Flüchtlingskrise sehr besorgt, dass “irgendwann ganz Europa ein muslimisches oder afrikanisches Land wird”, und obwohl “eine begrenzte Anzahl” von Geflüchteten in Ordnung sei, “dürfe Deutschland kein Deutschland kein arabisches Land werden”. Kalenderweisheiten im Stil der faschistischen AfD. Warum sollte ich da bis nach Tibet reisen, um die Erleuchtung zu suchen, wenn ich sie wohl auch bei der örtlichen AfD-Parteisitzung finde?

    Ähnliche Töne findet man auch, wenn es um Frauen geht. Die Frage, ob es in Zukunft auch einen weiblichen Dalai Lama geben könnte, beantwortete er bereits mehrmals mit dem Schenkelklopfer, dass diese dann “besser sehr attraktiv wäre” und dass eine “hässliche Frau nicht sehr nützlich” sei. Komisch, wie sehr eine angeblich asketische und bereits 14 mal inkarnierte Person dann doch am weltlichen Erscheinungsbild hängt, wenn es um Frauen geht.

    Kein Einzelfall

    In diesem Kontext wird umso klarer, dass das Skandalvideo nicht den falsch verstandenen Witz eines freundlichen, alten Mannes zeigt, wie der Pressesprecher des Dalai Lamas und seine Verteidiger behaupten, sondern ganz einfach (Macht)Missbrauch. Etwas, das im Buddhismus nicht weniger selten vorkommt als in der katholischen Kirche.

    Einer der bekanntesten Fälle ist dabei der Lehrer Sogyal Rinpoche, Gründer der einflussreichen Rigpa Organisation. Nachdem ihm von mehreren Ex-Schülern emotionaler und körperlicher Missbrauch vorgeworfen wurde, wurde er vom Dalai Lama zwar kritisiert, dieser weigerte sich allerdings auch, einen Brief zu unterschreiben, der das Verhalten von Rinpoche verurteilte.

    Auch in den buddhistischen Klöstern ist Missbrauch keine Seltenheit. Gerade die auf komplettem Gehorsam basierende Beziehung zwischen Meister und Schüler schafft die Möglichkeit für Missbrauch und sexualisierte Gewalt. Trotz der eigentlich asketischen Lebensweise der Mönche ist dieser sogar offiziell legitimiert. Für “Spirituelle Meister” gibt es die Möglichkeit, eine “geheime Gefährtin” zu haben, die dem Meister im Dienst ihrer eigenen “Erleuchtung” dienen muss.

    Das Verhalten des Dalai Lamas ist also kein Einzelfall, sondern Teil einer Kultur des institutionalisierten Missbrauchs, wie er schon aus der katholischen Kirche bekannt ist. Auch was zwielichtige Kontakte in die Welt der Politik und Geheimdienste angeht, steht der Dalai Lama westlichen Religionen in nichts nach. Nach dem Video ist dies nun auch der breiten Öffentlichkeit bekannt.

    • Perspektive-Autor seit Sommer 2022. Schwerpunkte sind rechter Terror und die Revolution in Rojava. Kommt aus dem Ruhrpott und ließt gerne über die Geschichte der internationalen Arbeiter:innenbewegung.

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