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Donnerstag, April 18, 2024
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    Todesfall Ana Basaldua Ruiz – sexualisierte Gewalt in der Armee keine Seltenheit

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    Am 13. März 2023 wurde die Soldatin Ana Basaldua Ruiz tot in einer Kaserne Fort Hood (USA) aufgefunden. Zuvor hatte die 20-Jährige ihrer Familie gegenüber berichtet, dass sie von einem Vorgesetzten sexuell belästigt werde. Der Todesfall ähnelt in vieler Hinsicht dem Mord an der ebenfalls in Fort Hood stationierten Vanessa Guillen. Der Fall hatte 2020 etwas Licht auf die weit verbreitete Kultur der sexualisierten Gewalt in der US Army geworfen. Doch ist nicht nur die US-Armee betroffen. Auch in der Bundeswehr ist dies keine Seltenheit.

    Der Leichnam der Soldatin Ana Basaldua Ruiz wurde am Montag, dem 13. März 2023 in Fort Hood gefunden, wo sie als Pionierin stationiert war. Vor ihrem Tod hatte die 20-Jährige ihrer Familie berichtet, dass sie von mehreren Personen, unter anderem einem Sergeant, sexuell belästigt werde und dass sie “nichts tun könnte”, um der Situation zu entfliehen.

    Trotz der Vorwürfe gab Fort Hood bekannt, dass sie den Todesfall zwar untersuchen würden, jedoch von einem Suizid ausgingen.

    Starke Ähnlichkeiten zum Mord an Vanessa Guillen

    Doch es gibt viele Zweifel an dem angeblichen Suizid. So bittet die Familie von Ana Basaldua Ruiz um Spenden, um eine unabhängige Obduktion zu finanzieren. Insbesondere die große Ähnlichkeit zum Mordfall Vanessa Guillen, der 2020 internationale Aufmerksamkeit erregte, weckt Misstrauen.

    Die ebenfalls 20 Jahre alte Vanessa Guillen war wie Ana Basaldua Ruiz in Fort Hood stationiert. Im April 2020 wurde sie von dem Soldaten Aaron David Robinson mit einem Hammer erschlagen. Robinson hatte Guillen mehrfach sexuell belästigt, was sie ihrer Mutter, Schwester und anderen Soldat:innen erzählte, jedoch nicht offiziell meldete. “Sie hatte Angst davor, es zu melden, weil die sexuelle Belästigung von einem Vorgesetzten kam, daher hatte sie Angst vor Vergeltung”, so die Anwältin ihrer Familie, Natalie Khawam.

    Um Vanessa zum Schweigen zu bringen, hatte Robinson sie ermordet und danach den Leichnam zusammen mit seiner Geliebten verscharrt. Als ihn die Polizei stellen wollte, erschoss er sich.

    Kein Einzelfall

    Der Fall warf erstmals Licht auf die Kultur des institutionalisierten Missbrauchs innerhalb der US-Army. Unter dem Hashtag #IamVanessaGuillen teilten Soldatinnen und Veteraninnen in den sozialen Medien ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt in der Armee und wie diese oft von Vorgesetzten gedeckt werde. Frauen, die versuchen würden, die Gewalt öffentlich zu machen, würden bedroht oder unehrenhaft entlassen.

    Eine Soldatin berichtete z.B. darüber, wie nach ihrer Vergewaltigung Beweise vernichtet wurden. Eine weitere schrieb damals: “Die Männer, die mich sexuell missbraucht haben, tragen noch heute Uniform”. Statistisch gesehen, sei es “wahrscheinlicher, dass Sie von jemandem vergewaltigt werden, der die gleiche Uniform trägt wie Sie, als dass Sie vom Feind beschossen werden”.

    Die Familie von Vanessa Guillen zweifelt bis heute daran, dass der Mord an ihrer Tochter restlos aufgeklärt wurde. In einem Interview berichtet sie von Ungereimtheiten in der offiziellen Version des Suizids von Robinson. So hätten Zeugen an dem Tag mehrere Schüsse gehört anstatt des im offiziellen Bericht angegebenen einzelnen Schusses. Die Familie hält es für wahrscheinlich, dass Robinson ermordet wurde, um die Verstrickung hochrangiger Personen der US-Army in den Fall zu vertuschen.

    Sexualisierte Gewalt in der Bundeswehr

    Auch in der Bundeswehr ist sexualisierte Gewalt weit verbreitet. So wurden im Jahr 2019 insgesamt 345 Fälle der sexuellen Belästigung oder Vergewaltigung in der Bundeswehr angezeigt. Es ist jedoch davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch wesentlich höher ist, denn auch in der Bundeswehr werden Täter oft gedeckt. Besonders deutlich zeigt dies der Fall der Soldatin Nora, die 2016 von einem Offizier mit K.O.-Tropfen betäubt und vergewaltigt wurde.

    Als sie ihrem Vorgesetzten von der Tat berichtete, warf dieser ihr mit den Worten “Sie wissen schon, was Sie Ihrem Kameraden damit antun – oder?” vor, die Karriere des Offiziers zu zerstören und fragte sie, ob sie “nicht doch irgendwelche Avancen gemacht hätte”.

    Der Oberstleutnant ging sogar so weit, Nora in einem Brief, den er an die Polizei schrieb, zu unterstellen, dass sie durch ihr “freizügiges Verhalten” – sie hatte zuvor auf Instagram Trainingsfotos geteilt – die Tat selbst provoziert hätte.

    “Es ist ja nicht so schlimm”

    Mit seinem Verhalten steht der Vorgesetzte nicht allein. Bei einer Untersuchung durch die Truppen-Ärztin sagte diese zu Nora: “Es ist ja nicht so schlimm, Sie wissen ja nichts mehr”. Die Kriminalpolizei verhielt sich ähnlich. Nachdem sie die Vergewaltigung zur Anzeige gebracht hatte, weigerte sich die Gerichtsmedizin, ihr Blut abzunehmen. Die Chance, die K.O.-Tropfen nachweisen zu können, war somit vertan.

    Über ihre Befragung durch die Polizei sagt Nora in einer ARD-Dokumentation: “Ich bin gefragt worden, ob ich zu freizügigem Verhalten neige, ob ich gerne mit Männern flirte, ob das denn häufiger vorgekommen wäre, dass ich mit Männern nach Hause gehe. Ob ich mir wirklich sicher sei, da nicht doch ganz gezielt darauf hingearbeitet zu haben, dass wir miteinander im Bett landen. Wenn mein Partner nicht draußen gewartet hätte, wäre ich zur nächsten Brücke und runter gesprungen. (…) Die haben mir so sehr eingetrichtert, dass ich das Leben von diesem Mann jetzt zerstöre und selber Schuld bin.”

    Bei der Bewältigung der psychischen Folgen der Tat erhielt Nora keine Unterstützung der Bundeswehr. Eine mehrfache Bitte um Therapie wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung wurde ignoriert. Der Täter wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt.

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