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Samstag, April 13, 2024
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    Haymarket Riot, Blutmai, Paris 68, Schüsse auf dem Taksim – Zur Geschichte des 1. Mai

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    Der 1. Mai als Kampftag der Arbeiter:innenklasse geht bis ins 19. Jahrhundert zurück. In Hochphasen des Klassenkampfes griff der Staat immer wieder zu harten repressiven Maßnahmen gegen die demonstrierenden Arbeiter:innen. Neben den Maifesten des DGB gibt es heute auch weiterhin revolutionäre und klassenkämpferische Demonstrationen.

    Im Jahr 1886 rief die Föderation der Gewerkschaften in den USA zu landesweiten Streiks für den 1. Mai auf. Der 1. Mai war damals bekannt als „moving day“, da viele Arbeiter:innen am Monatswechsel vom April zum Mai gekündigt wurden und sich neue Jobs suchen mussten. Die zentrale Forderung der Streiks war die Einführung des Acht-Stunden-Tags, denn die Arbeiter:innen mussten durchschnittlich zwölf Stunden am Tag arbeiten.

    Nachdem am 1. Mai eine Versammlung von Arbeiter:innen abgehalten wurde, folgten mehrtägige Streiks. Am 3. Mai begann die Polizei einzuschreiten und schoss auf die Streikenden. Am folgenden Tag warf eine unbekannte Person eine Bombe in die Menschenmenge und tötete sowohl Arbeiter:innen, als auch Polizisten. Die Ereignisse werden historisch als “Haymarket Riot” bezeichnet. Daraufhin wurden vier führende Arbeiter:innen zum Tode verurteilt und gehängt, obwohl es keinerlei Beweise für ihre Schuld gab.

    Die II. Internationale, die 1889 in Paris gegründet wurde und ein Zusammenschluss von verschiedenen sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien war, macht es sich zum Auftrag, an den 1. Mai von 1886 zu erinnern und rief 1890 zum ersten Mal zum Internationalen Kampftag der Arbeiter:innen auf. In den deutschen Großstädten streikten 1890 über 100.000 Arbeiter:innen.

    Nach dem Ende des ersten Weltkriegs und der Ausrufung der sozialistischen Republik durch Karl Liebknecht im November 1918 wurde der Druck auf die Kapitalist:innen hoch. Neben der Einführung des Acht-Stunden-Tags (der erstmals im Zuge der sozialistischen Revolution in Russland umgesetzt wurde) wurde der 1. Mai in Deutschland 1919 das erste Mal – wenn auch nur einmalig – zum Feiertag erklärt.

    Gedenken an Luxemburg, Liebknecht und Lenin: “Gegen imperialistische Kriege!”

    Blutmai 1929

    Während die sozialdemokratischen Organisationen schon in den 20er-Jahren den 1. Mai als Festtag begingen, wollte die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) den 1. Mai weiterhin als Kampftag begehen und konsequent für die Interessen der Arbeiter:innenklasse kämpfen.

    Wenige Monate vor der Weltwirtschaftskrise 1929 war die Lage bereits angespannt, und der sozialdemokratische Polizeipräsident Karl Zörgiebel in Berlin verbot die öffentlichen Demonstrationen der KPD zum 1. Mai mit der Begründung, dass es zuvor zu Zusammenstößen zwischen dem Roten Frontkämpferbund (RFB) und der faschistischen Sturmabteilung (SA) gekommen war. Die KPD widersetzte sich der Repression der sozialdemokratischen Führung gegen die Arbeiter:innenbewegung und rief zu Demonstrationen auf.

    Bei den ersten Demonstrationen am Vormittag des 1. Mai 2029 griff die Polizei dann die Versammlungen der Arbeiter:innen an und löste sie mit dem Einsatz von Schlagstöcken, Wasserschläuchen und Warnschüssen auf. Die Stimmung begann nach und nach umzuschlagen, besonders nachdem ein Arbeiter und Mitglied der SPD von der Polizei erschossen wurde, weil er der Aufforderung nicht nachkam, sein Küchenfenster zu schließen.

    Die Polizei eskalierte die Lage immer weiter, schoss von gepanzerten Fahrzeugen mit Maschinengewehren auf Häuser, aus denen rote Fahnen hingen. Am 2. Mai rief die KPD daraufhin zu Demonstrationen gegen die Polizeigewalt auf: „Zörgiebels Blutmai − das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges! Das Gemetzel unter der Berliner Arbeiterschaft − das ist das Vorspiel für die imperialistische Massenschlächterei!“. Die Polizei ging dennoch weiter brutal gegen die demonstrierenden Arbeiter:innen vor und tötete insgesamt 33 Menschen.

    In der Folge des 1. Mai wurden die Zeitung der KPD „Rote Fahne“ und der “Rote Frontkämpferbund” von der SPD verboten, eine Untersuchung der Polizeigewalt fand nicht statt.

    1. Mai im Hitler-Faschismus

    Die starke Arbeiter:innenbewegung und ihre Verbindung mit dem 1. Mai wollte auch die faschistische NSDAP ausnutzen: ab 1933 – mit ihrer Übernahme der Staatsgewalt – rief sie zum „Tag der nationalen Arbeit“ auf und machte ihn zum gesetzlichen Feiertag. Am Folgetag des 1. Mai 1933 wurden dann Gewerkschaftshäuser und Redaktionen der freien Gewerkschaften durch die “Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation” (NSBO), durch die Sturmabteilung (SA) und die Schutzstaffel (SS) besetzt, das Gewerkschaftseigentum beschlagnahmt und führende Kräfte verhaftet.

    Ab 1934 wurde der 1. Mai mit dem Namen „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“ begangen und stellte die faschistische deutsche Volksgemeinschaft in den Vordergrund. Das Ziel war es, die Gemeinschaftsgefühl des “Volkes” zu stärken und den Kampf zwischen Arbeiter:innen und Kapitalist:innen zu verschleiern. So konnte die verschärfte Ausbeutung der Arbeiter:innen in den Jahren der Kriegsvorbereitungen und des zweiten Weltkriegs mit dem Interesse der Volksgemeinschaft begründet werden.

    1. Mai 1968 in Paris und das Taksim-Massaker 1977

    Mit dem Aufschwung des Klassenkampfes durch die 68er-Bewegung kam es auch zu größeren Streikbewegungen rund um den 1. Mai. In vielen imperialistischen Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien, USA oder Japan gab es kämpferische Studierendenbewegungen, die sich gegen den Kapitalismus organisierten. Unter anderem durch den Vietnam-Krieg war die Bewegung internationalistisch geprägt, führte aber auch Kämpfe für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter:innenklasse im eigenen Land.

    In Paris sollte im Jahr 1968 die Universität Nanterre geschlossen werden, woraufhin ein anderes Uni-Gebäude besetzt wurde. Die Polizei ging brutal gegen die Besetzung vor und verhaftete 500 Studierende. Daraufhin folgten weiter Besetzungen, die die Freilassung der Studierenden und die Wieder-Öffnung von Nanterre forderten. In den folgenden Tagen gab es dann unter anderem große Streiks in Nantes, bei denen sich die Studierenden anschlossen, um ihre Solidarität zu zeigen. Das Ganze löste eine große Streikbewegung in Frankreich aus.

    Auch in der Türkei gab es starke Repression gegen die Demonstrationen der Arbeiter:innen. Die Vereinigung der revolutionären Gewerkschaften DISK hatte 1977 mit Unterstützung der Arbeiterpartei TIP und der Kommunistischen Partei TKP zu einer großen Demonstration zum 1. Mai aufgerufen. 500.000 Menschen kamen zum Taksim-Platz nach Istanbul, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Am Abend wurden aus einem Hotel Schüsse auf die Menge gefeuert, wodurch eine Massenpanik ausgelöst wurde und Menschen von den gepanzerten Fahrzeugen der Polizei überrollt wurden. Insgesamt starben 34 Personen, 136 Personen wurden verletzt und 453 Personen wurden festgenommen.

    Der 1. Mai heute

    Heute wissen viele Menschen gar nicht, warum der 1. Mai überhaupt ein Feiertag ist. Sowohl der Name „Tag der Arbeit“, als auch die Maifeste des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) haben den klassenkämpferischen Charakter dieses eigentlichen Kampftage abgelegt. Der DGB tritt dieses Jahr mit der Losung „ungebrochen solidarisch“ auf und lässt offen, ob die Solidarität unter Arbeiter:innen im Kampf gegen den Kapitalismus oder die sozialpartnerschaftliche Solidarität der Gewerkschaftsführung mit den Kapitalverbänden gemeint ist.

    Trotzdem werden in vielen Städten weiterhin eigene revolutionäre Demonstrationen organisiert. Sie haben zum Ziel, auf die Widersprüche des kapitalistischen Systems und die Notwendigkeit einer sozialistischen Revolution aufmerksam zu machen. Außerdem wird den Preisexplosionen und den imperialistischen Kriegen der Kampf angesagt.

    Revolutionärer 1. Mai 2023: Hier kannst du gegen Krieg und Preisexplosion protestieren!

    • Schreibt seit 2022 für Perspektive und ist seit Ende 2023 Teil der Redaktion. Studiert Grundschullehramt in Baden-Württemberg und geht früh morgens gerne eine Runde laufen.

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