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Mittwoch, April 17, 2024
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    „Sahara libertad, Polisario vencerá“ – 50 Jahre bewaffneter Befreiungskampf in der Westsahara

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    Vor 50 Jahren gründete sich die “Frente Polisario” mit dem Ziel, die Westsahara und das sahrauische Volk zu befreien. Auch heute noch kämpft das sahrauische Volk um Selbstbestimmung und ein Ende der Unterdrückung durch (Neo-)Kolonialismus und  den marokkanischen Staat. – Von Mohannad Lamees

    Am 10. Mai 1973 gründete sich die “Volksfront zur Befreiung von Saguia al Hamra und Rio de Oro”, kurz “Polisario”, und nahm nur wenige Tage später den bewaffneten Kampf gegen die spanischen Besatzer auf. Nachdem sich die spanische Armee bis 1976 vollständig aus dem Gebiet zurückgezogen hatte, bekämpfte die Polisario die mauretanischen und marokkanischen Kräfte, welche die Westsahara unter sich aufteilen und annektieren wollten. Viele Sahrauis wurden durch die Einmärsche der mauretanischen und marokkanischen Armeen zur Flucht gezwungen. Allein in der algerischen Stadt Tindouf im Südwesten von Algerien leben heute 150.000 Sahrauis.

    Die Polisario versteht sich bis heute als Vertretung des sahrauischen Volkes in seinem Kampf um Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Während mit Mauretanien seit 1979 ein Friedensabkommen besteht und das mauretanische Königshaus seine Ansprüche auf die Westsahara aufgegeben hat, hält Marokko die Unterdrückung des sahrauischen Volkes weiter aufrecht. Im Jahr 2020 kehrte die Polisario nach einer jahrzehntelangen Friedenszeit wieder zum bewaffneten Widerstand gegen Marokko zurück. Der Frieden war 1991 mit dem Ziel geschlossen worden, ein Referendum über die Unabhängigkeit der Westsahara einzurichten. Die Volksabstimmung war von Marokko jedoch nie auf den Weg gebracht worden.

    Der bewaffnete Kampf war von Beginn an selbstverständlicher Bestandteil der Polisario-Politik. Nur wenige Jahre vor der Gründung der Polisario zerschlug die spanische Kolonialarmee eine pazifistische sahrauische Freiheitsbewegung. Während der sogenannten “Zemla-Intifada” hatte diese Befreiungsbewegung zu einer Demonstration in Zemla aufgerufen und wollte eine Petition des sahrauischen Volkes an die spanischen Besatzer übergeben. Die Demonstration wurde durch die spanische Armee gewaltsam aufgelöst, mindestens elf Demonstrierende wurden erschossen, die Organisator:innen verhaftet und verschleppt.

    Die im Namen der Polisario genannten Regionen Saguia al Hamra und Rio de Oro waren die Gebiete der Kolonie “Spanisch-Sahara”, die in der Kongo-Konferenz 1884 bei der Aufteilung des afrikanischen Kontinents unter den imperialistischen Großmächten den Spaniern zugesprochen worden war. Die Kongo-Konferenz hat durch willkürliche Grenzziehungen nach den Interessen der Imperialisten auch in vielen anderen Regionen des afrikanischen Kontinents für bis heute anhaltende nationale Konflikte und imperialistische Unterdrückung gesorgt.

    Der deutsche Imperialismus stützt die Unterdrückung der Sahrauis

    Für den deutschen Imperialismus ist das marokkanische Königshaus ein wichtiger Partner. Wie in vielen anderen nordafrikanischen Ländern sieht Deutschland in Marokko eine Bastion gegen die unkontrollierte Migration nach Europa und baut auf die funktionierenden Grenzregime in der Region. Wenn deutsche Politiker:innen wie zuletzt wieder Pläne für eine Verlagerung von deutschen Asylverfahren in sogenannte Drittländer und die Einrichtung von „Ausschiffungsplattformen“ schmieden, so sind sie auf die Abkommen mit Staaten wie Marokko angewiesen.

    Ähnlich wie im Falle der Abkommen mit der Türkei und dem kurdischen Befreiungskampf sieht Deutschland deswegen auch im Falle von Marokko großzügig über die Unterdrückung der Sahrauis hinweg. Bei einem Besuch in Rabat im Sommer 2022 äußerte Außenministerin Baerbock deswegen auch deutsche Unterstützung für die Pläne des marokkanischen Königshauses, die Westsahara in eine autonome Region unter weiterbestehender marokkanischer Kontrolle zu verwandeln. Dieser Vorschlag für einen Scheinfrieden wird von der Polisario kategorisch abgelehnt.

    Darüber hinaus verfolgt Deutschland mit der engen Partnerschaft zu Marokko auch weitere wirtschaftliche Ziele: Seit 2019 besteht zwischen beiden Ländern im Rahmen der der G20⁠-Initiative „Compact with Africa⁠“ eine sogenannte “Reformpartnerschaft”, mit der das Investitionsumfeld in afrikanischen Ländern verbessert und eine von der privaten Wirtschaft getragene Entwicklung gefördert werden soll. Während des Besuchs von Baerbock im Sommer 2022 in Rabat wurde eine nochmalige Vertiefung und Verstetigung der deutsch-marokkanischen Wirtschaftskooperation beschlossen. Bereits zwischen 2010 und 2022 stieg die deutsche Investitionsrate in Marokko um 600%. Während Kapitalist:innen von dieser Entwicklung profitieren, führen die Sahrauis ihren Kampf gegen den Neokolonialismus und die Unterdrückung entschlossen fort.

    • Seit 2022 bei Perspektive Online, Teil der Print-Redaktion. Schwerpunkte sind bürgerliche Doppelmoral sowie Klassenkämpfe in Deutschland und auf der ganzen Welt. Liebt Spaziergänge an der Elbe.

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