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Montag, Mai 20, 2024
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    Wie „neutral“ berichten Tagesschau und Co.?

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    Die Tagesschau berichtete unter anderem von angeblich steigendem Vermögen der Deutschen und reagierte mit großer Kritik auf Streiks. In der bürgerlichen Presse werden regelmäßig Halbwahrheiten oder Auslassungen genutzt, um die Realität verzerrt darzustellen. Dem müssen wir entgegentreten und aus der Perspektive von uns Arbeiter:innen berichten. – Ein Kommentar von Gillian Norman

    “Sieht man mal von der Inflation ab, sind die Deutschen im ersten Quartal des Jahres wieder reicher geworden”. So beginnt der Artikel “Deutsche zu Jahresbeginn vermögender geworden”, den die Tagesschau am vergangenen Freitag veröffentlichte. Darin beschreibt sie, dass sich das Vermögen der deutschen Privathaushalte um etwa zwei Prozent erhöht habe, unter anderem durch steigende Aktienkurse.

    Unsinnig ist dabei aber nicht nur das Auslassen der Preissteigerungen – das wäre in etwa so, als würde man berichten, dass sich die Rüstungsausgaben der BRD seit 1953 verfünfzigfacht haben, statt sie an ihrem Anteil am BIP zu messen. Auch dass die „Deutschen“ alle in einen Topf geworfen werden, ist eine Verzerrung der Realität. Denn „wie das Vermögen genau verteilt ist, geht aus den Daten nicht hervor“. Das schreibt die Tagesschau aber erst weiter unten im Text.

    Eine ähnliche Art zu berichten, zeigte die Tagesschau im März, als ver.di und EVG zu Streiks im gesamten Verkehrssektor aufriefen: Die Nachrichtensendung berichtete von Kritik, die von „vielen Seiten“ kommen würde. Die zitierten Kritiker kamen allerdings allesamt von verschiedenen Kapitalverbänden wie z.B. der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) oder vom Vorstand der Deutschen Bahn. Diese bezeichneten die Forderungen der Gewerkschaften naturgemäß als unrealistisch – auch wenn diese nicht mal einen Inflationsausgleich bedeuteten – und versuchten, die Streiks als Angriff auf die Arbeiter:innen darzustellen.

    Eine Stimme der streikenden Arbeiter:innen oder der vom lahmgelegten Nahverkehr tatsächlich betroffenen Arbeiter:innen war allerdings nicht zu finden. Dafür fanden sich aber in der Kommentarspalte die Arbeiter:innen zusammen und zeigten sich solidarisch mit den Streikenden und empört über die tendenziöse Berichterstattung.

    Wem dient diese Art zu berichten?

    Berichte über das wachsende Vermögen versuchen uns Arbeiter:innen das Bild zu vermitteln, dass unsere Probleme durch die steigenden Preise unser individuelles Verschulden wären und wir uns im Konkurrenzkampf mit anderen Arbeiter:innen einfach besser durchsetzen müssten. Auch bei den Berichten über die Streiks wird versucht, einen Keil zwischen verschiedene Teile der arbeitenden Bevölkerung zu treiben und sie gegeneinander aufzuhetzen.

    Das Ganze ist aber kein Zufall, denn letztendlich berichten alle bürgerlichen Medienkonzerne – egal, ob es die reißerischer berichtende Bild-Zeitung oder die sich als „neutral“ darstellende Tagesschau ist – nicht im Interesse von uns Arbeiter:innen. Sie versuchen täglich, die Unterschiede zwischen Arbeiter:innen und Kapitalist:innen zu verschleiern. Dazu werden Lügen, Halbwahrheiten und Auslassungen genutzt, um ein verzerrtes Bild unserer Gesellschaft zu erzeugen.

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    Die Fakten, die verschwiegen werden oder auf Seite 10 stehen, müssen wir also ans Tageslicht und dazu in einen richtigen Kontext bringen. Dafür braucht es unabhängige Zeitungen, die nicht von Geldern des Staats oder wohlhabenden Geldgebern abhängig sind, damit sie im Interesse der Arbeiter:innen berichten können. Wir müssen die Welt so zeichnen, wie sie tatsächlich ist – und dabei keine Unterschiede zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten verschweigen. Es reicht aber nicht, diese Gegensätze einfach aufzuzeigen, sondern man muss auch eine Perspektive einer sozialistischen Gesellschaft entwickeln, in der die Medien in der Hand der arbeitenden Bevölkerung sind.

    • Schreibt seit 2022 für Perspektive und ist seit Ende 2023 Teil der Redaktion. Studiert Grundschullehramt in Baden-Württemberg und geht früh morgens gerne eine Runde laufen.

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