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Samstag, Mai 25, 2024
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    Der Kapitalismus spielt mit unserem Leben

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    Nach einer Investigativ-Rrecherche von WDR, NDR, SZ und Monitor kamen vor 2 Wochen Preislisten aus der Pharmabranche ans Licht. Sie sind Beweise für den Betrug an Millionen erkrankten Arbeiter:innen. Und sie zeigen noch etwas: Der Kapitalismus hat nichts mit Innovation und Fortschritt zu tun. – Ein Kommentar von Fridolin Tschernig

    Am 20.7. veröffentlichten die öffentlich-rechtlichen Rundfunksender eine Recherche über die Profite der Pharmakonzerne und Apotheken. Bei dieser Investigativ-Recherche kamen Listen von Medikamenten ans Licht, für die jeweils Einkaufs- und Verkaufspreis nebeneinander gestellt wurden. So kam heraus, dass bestimmte Apotheken teilweise 1.000 Euro Profit mit einem einzigen Medikament machen.

    Krebsmedikamente besonders im Visier

    Heraus gefunden wurde, dass besonders Krebsmedikamente im Mittelpunkt dieser Masche stehen. Chemotherapie-Infusionen sind für die Krankenkasse sehr teuer und können vergleichsweise billig hergestellt werden. Der zusammengerechnete Profit der Apotheken betrug so mehr als 500 Millionen Euro, der über die Krankenkassenbeiträge wieder auf uns Arbeiter:innen zurückfällt. Und damit ist nur die Differenz zwischen dem Einkaufs- und Verkaufspreis genannt, noch nicht einmal der Profit, den sich die Großhändler oder die Hersteller in die eigene Tasche stecken.

    Es sind also besonders die lang andauernden und schweren Krankheiten, die das Ziel dieses Wuchers sind. Solche lebenserhaltenden Medikamente wie Pemetrexed, das gegen Lungenkrebs wirkt, oder Bevacizumab (z.B. Avastin), das Antikörper gegen Krebszellen bildet, werden mit Profiten von mehr als 700 Euro pro Anwendung einfach weiterverkauft.

    Kapitalismus und unsere Gesundheit

    Diese Beobachtung stellt unser Verhältnis als Klasse zu diesem System deutlich dar. Erst werden wir während der Arbeit ausgebeutet und schuften uns dort ab. Dort produzieren wir genau die Waren, die uns krank machen, krebserregend sind, die Umwelt verschmutzen etc. , um dann – im Krankheitsfall – wieder dem Profitzwang des Systems ausgeliefert zu sein und überteuerte Medikamente kaufen müssen.

    Gerade gegen schwer heilbare Krankheiten, wie es Krebs nun mal ist, gibt es nur wenige wirklich wirksame Heilmittel. Krebskranke sind also auf eine Handvoll von Mitteln angewiesen, und das nutzen die Kapitalist:innen – hier namentlich die Pharmakonzerne – schamlos aus.

    Sie probieren, noch das Letzte aus uns herauszupressen, auch wenn wir schon kaputt am Boden liegen.

    Innovation und Fortschritt?

    Die Phase, in welcher der Kapitalismus der Menschheit Fortschritt gebracht hat und wirklich Innovationen förderte, ist schon lange vorbei. Einmal abgesehen davon, dass auch die Erfindungen damals nicht unserer Klasse dienten.

    Bei der Gesundheitsforschung ist dieser Umstand erschreckend leicht zu erkennen. Eine Studie aus 2021 über die Profite der Pharmakonzerne während der Corona-Pandemie weltweit zeigt, dass es den Unternehmen nur um ihren Gewinn geht. Unsere Gesundheit ist ihnen so lange egal, bis wirklich ein massiver Mangel an Arbeiter:innen besteht. Das Gleiche konnten und können wir bei dem Verbot von Kinderarbeit oder jetzt an den kleinen heuchlerischen Schritten für den Klimaschutz beobachten: Eine gewisse Sterblichkeitsquote ist für den Kapitalismus noch tolerierbar.

    In der gleichen Studie deckt „PublicEye“ auf, dass die großen Impfstoff-Monopole erst dann in die Forschung und Produktion von Impfstoff gegen das Corona-Virus eingestiegen sind, als große Gewinne gewunken haben.

    Doch nicht nur die Impfstoff-Industrie richtet ihre Forschung nach Profitinteressen aus. Das ist eine Beobachtung, die wir im gesamten Pharma-Sektor machen können und noch darüber hinaus eigentlich in allen Forschungsbereichen.

    Widerspruch zwischen Innovation und Profit

    Im Kapitalismus geht es überall darum, irgendwie Gewinn zu machen. Das kann somit auch nicht vor der Forschung halt machen. Unternehmen, die sich nicht erlauben können, weniger Profit als ihre Konkurrenz zu machen, müssen penibel durchrechnen, wie viel Geld sie am Ende für Forschung ausgeben können. Denn auch nur ein paar hundert Euro zu viel zu investieren – was in der Forschung Kleinstbeträge sind -, ohne dass am Ende ein profitables Endergebnis oder Produkt rauskommt, können sich die Kapitalist:innen nicht leisten.

    Sie müssen also im Voraus berechnen, wie viel Gewinn von dieser oder jener Forschung zu erwarten ist. Das heißt im Umkehrschluss, dass immer mit dem bestimmten Ziel im Hinterkopf geforscht wird, auf das die jeweilige Forschung abzielen muss. So aber wird die ´freie’ Wissenschaft massiv gehemmt und neue, wirklich revolutionäre Entwicklungen werden immer unwahrscheinlicher, wenn sie nicht konkret kurzfristige Gewinne versprechen.

    Aber auch diese kapitalistische Konkurrenz, die ursprünglich wenigstens irgendeine Art von Forschung und Entwicklung gefördert hat, ist heute zunehmend außer Kraft gesetzt, denn: Jeder Wirtschaftszweig wird heute von nur wenigen Konzernen kontrolliert. Die aber – so auch in der Pharmaproduktion – sind gar nicht daran interessiert, neue Dinge zu erforschen oder effektivere Wirkstoffe zu entwickeln. Denn diese Monopole sind ja schon ganz oben und funktionieren schlicht nach dem Motto: „never change a running system“.

    Und genau das ist auch in der Krebsforschung zu beobachten: Die Unternehmen dort scheinen gar nicht daran interessiert, neue Wirkstoffe zu erforschen, denn ihre alten weniger effektiven Mittel wie die Chemotherapie werfen bereits gigantische Gewinne ab. So gerät am Ende auch unsere Gesundheit unter die Räder des Profitzwangs.

    • Seit 2022 Autor bei Perspektive. Schreibt als Studierender aus Sachsen insbesondere internationalistisch über die Jugend, Antimilitarismus und das tagespolitische Geschehen. Vorliebe für Gesellschaftsspiele aller Art.

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