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Mittwoch, Mai 22, 2024
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    Getreideexport-Routen im Schwarzen Meer als Druckmittel im Krieg

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    Der Konflikt um ukrainische Getreideexporte über das schwarze Meer nimmt immer schärfere Formen an.

    Im Ukrainekrieg stehen sich mit der Ukraine und Russland zwei der weltweit größten Weizenproduzenten gegenüber. Für beide Länder stellt der Export des Getreides und anderer landwirtschaftlicher Produkte einen wesentlichen Teil ihres Außenhandels dar.

    Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Möglichkeit des ungehinderten Getreideexports auch im Krieg als Druckmittel verwendet wird. Zuletzt hatte Russland am 18. Juli ein zuvor von der Türkei ausgehandeltes Abkommen auslaufen lassen.

    Auf dessen Grundlage war es der Ukraine seit Juli 2022 gelungen, mehr als 30 Millionen Tonnen Getreide über das Schwarze Meer zu exportieren. Russland nannte als Begründung, dass die dem Land gemachten Zusagen nicht eingehalten worden seien und russische Waren keinen freien Zugang zum Weltmarkt hätten.

    Gerade für die ukrainische Wirtschaft ist der Export des Getreides von zentraler Bedeutung: Im Jahr 2021 hatte es Weizen in Wert von 28 Milliarden US-Dollar exportiert. Russland ist unterdessen nach wie vor das Land mit dem größten Weizenexport weltweit und könnte somit auch von steigenden Weltmarktpreisen aufgrund des geplatzten Deals ökonomisch profitieren.

    Der eigentliche Plan der Ukraine, seine Getreideernte stattdessen auf dem Landweg zu vertreiben, scheint auf gewisse Widerstände in der EU zu stoßen. So forderten Polen, Ungarn, Bulgarien, Slowakei und Rumänien unlängst, dass die EU ein Importverbot für ukrainisches Getreide erlassen solle, da die Märkte bereits übervoll seien und effektiv nur der Getreidepreis vor Ort gedrückt würde.

    Der ukrainische Präsident Selenskij veröffentlichte am 8. August ein Video, in dem er ankündigte, den Getreideexport nicht aufgeben zu wollen. Russland wolle man sich auch auf dem Schwarzen Meer mit militärischen Mitteln entgegen stellen. Russland solle sich bewusst sein, dass es am Ende des Konflikts überhaupt keine Kriegsschiffe mehr kontrollieren könnte.

    Tatsächlich war es in den letzten Tagen vermehrt zu einem Schlagabtausch der Kriegsparteien und Angriffen auf die für Getreideexporte notwendige Infrastruktur gekommen. So hatte Russland in den letzten Wochen immer wieder die Hafenstadt Odessa und einen Donauhafen der Ukraine beschossen. Die Ukraine hatte ihrerseits mit sprengstoffbeladenen Wasserdrohnen einen Angriff auf ein russisches Kriegsschiff in der Nähe des Hafens von Noworossijsk durchgeführt und dieses dabei beschädigt.

    Die ärmsten Länder der Welt spielen beim Ringen um das ukrainische Getreide hingegen faktisch nur eine untergeordnete Rolle: seit dem Abschluss des Getreideabkommens im Sommer 2022 sind nur 2,5% des aus der Ukraine exportierten Getreides an die Länder mit dem niedrigsten Einkommen gegangen. Als propagandistischer Vorwand, um der je anderen Seite vorzuwerfen, die ärmsten Menschen der Welt in Geiselhaft zu nehmen, dienen diese Länder aber allemal.

    Sollte der Konflikt jedoch weiter eskalieren, wird die Bevölkerung dieser Länder ohne Zweifel den Preis dafür tragen, selbst wenn sie nicht unmittelbar auf ukrainisches Getreide angewiesen ist, denn die Weizenpreise auf dem Weltmarkt schnellten bereits am 19. Juli – einen Tag nach Ablaufen des Abkommens – um 9% nach oben.

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