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Sonntag, März 3, 2024
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    PISA-Schock: Schulsystem in der Krise

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    Alle drei Jahre werden die Ergebnisse der PISA-Studie veröffentlicht. Mal wieder zeigt die Bildungsuntersuchung: Deutschlands Schüler:innen schneiden immer schlechter ab! Doch woran liegt das? – Ein Kommentar von Alex Lehmann

    Zunächst einmal: was ist eigentlich PISA? Die Abkürzung steht für „Programme for International Student Assessment“ (dt.: Programm für internationale Bewertung von Schüler:innen), bei dem es sich um den wichtigsten internationalen Bildungsvergleich handelt. Die Studie wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) koordiniert und seit dem Jahr 2000 regelmäßig durchgeführt. Beteiligt sind insgesamt 690.000 Schüler aus 81 Ländern.

    In Deutschland wurden dafür 6.100 Schüler:innen repräsentativ für den zweistündigen Test ausgewählt und dazu auch zu ihren Lernbedingungen, Meinungen und ihrer sozialen Herkunft befragt. In den drei Hauptfeldern des Tests – Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften – schneidet Deutschland im Jahr 2022 so schlecht ab wie noch nie seit Einführung der Studie.

    Die Negativentwicklung ist ein Trend, der sich in Deutschland, aber auch in den meisten anderen Ländern der OECD abzeichnet. Doch trotz der starken Einbrüche in den Testergebnissen befindet sich Deutschland in Mathematik und Lesekompetenz noch auf einem durchschnittlich hohen Niveau, in den Naturwissenschaften erzielten die Schüler:innen sogar überdurchschnittliche Ergebnisse.

    Dennoch sind die Ergebnisse und der anhaltende Negativtrend besorgniserregend. Die Studie zeigt auch, dass jede:r Dritte in mindestens einem der drei Testfelder starke Defizite hat, jede:r Sechste in jedem der Felder. Es ist offensichtlich: Das deutsche Bildungssystem befindet sich in einer Krise.

    Woher kommt die Bildungskrise?

    Als ein Grund können sicher die Folgen der Corona-Pandemie und dem Umgang mit ihnen genannt werden. Monatelang blieben auch die Schulen während der Lockdowns geschlossen, und von jetzt auf gleich musste Deutschland, das nicht gerade für seine grandiose Digitalisierung bekannt ist, auf digitalen Fernunterricht umschalten.

    Zwar mag sich der eine oder die andere darüber gefreut haben, zu Hause auszuschlafen und nicht mehr in die Schule fahren zu müssen, aber für die Lernerfolge und auch die psychische Gesundheit der Schüler:innen hatte die Pandemie verheerende Folgen.

    Nach Zahlen der Bundespsychotherapeutenkammer nehmen psychosomatische Erkrankungen, Depressionen und Suchterkrankungen bei 15- bis 18-Jährigen stark zu. Fast jede:r fünfte unter 18-Jährige entwickelt innerhalb eines Jahres eine psychische Krankheit. Bedrückende Zahlen, die sich nicht allein durch die Pandemie erklären lassen.

    Denn auch schon vor der Pandemie gingen die deutschen PISA-Ergebnisse in den Keller, auch ging es den Jugendlichen seelisch immer schlechter. Die Pandemie war anscheinend nicht Ursache, sondern vielmehr Katalysator für diese Probleme. Ihr wahrer Ursprung liegt in unserem Bildungssystem und darüber hinaus in den Grundfesten unserer Gesellschaft, die Kriege, Klimakrisen und viele andere Katastrophen hervorbringt.

    Alltäglicher Wahnsinn

    Wenn man als junger Menschen heute in die Nachrichten schaut, liest man von Kriegen in Gaza und Israel, in der Ukraine, im Jemen, in Armenien oder in Kurdistan. Von brutalen Diktatoren, Folterregimen, ermordeten Aktivist:innen oder Journalist:innen und gebrochenen Waffenstillständen. Aber auch von Klimawandel, Überschwemmungen, Hungersnöten und Dürren. Von Reallohnverlust, Sozialkürzungen, Rentenreformen oder faschistischen Banden, die in Verbindung zum deutschen Staat stehen.

    Wo soll man da als Jugendlicher oder Jugendliche noch eine Zukunftsperspektive sehen? Wer glaubt denn noch daran, dass es etwas bringt, in der Schule stundenlang über Funktionen oder Mikroskopie zu büffeln? Alltägliche Gefühle bei den Heranwachsenden, zu denen es auch erschreckende Zahlen gibt: Etwa 86% der der 14- bis 29-jährigen Menschen in Deutschland schauen pessimistisch in ihre Zukunft.

    Olaf Köller, Bildungsforscher am Kieler Leibniz-Institut fasst es treffend zusammen: „Man hat den Eindruck, dass wir an den Interessen der Schülerinnen und Schüler vorbei unterrichten“. Stattdessen wird im Interesse der Herrschenden unterrichtet, die ja schließlich auch die Lehrpläne beschließen. Und diese sehen für die meisten eben eine möglichst schnelle Verwertung als zukünftig billige Arbeitskraft vor – sei es im Studium oder in der Ausbildung.

    Bildungsleistung ist damit letztlich auch eine Frage der Klassenzugehörigkeit. Und eine Systemfrage. Denn während die deutsche Politik einmal mehr massive Kürzungen im sozialen und im Bildungsbereich beschließt, werden gleichzeitig Milliarden in das Militär und die Aufrüstung gesteckt. An Ressourcen mangelt es somit nicht – die herrschende Klasse hat einfach wichtigere Dinge zu erledigen, als Schüler:innen eine Zukunft mit Ausblick eröffnen.

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