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Samstag, Februar 24, 2024
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    „Die Linse muss bleiben!“

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    In Berlin wehrt sich das Solidaritätsnetzwerk mit Nutzer:innen und Nachbar:innen eines Jugendclubs gegen dessen Schließung. Ihr Kampf zeigt uns: Wenn wir uns zusammentun, können wir auch in scheinbar aussichtslosen Situationen etwas gegen Kürzungen und Sozialabbau unternehmen. – Ein Bericht von Mohannad Lamees.

    In Berlin machen Kolleg:innen aus der Sozialen Arbeit, besonders der Jugendarbeit, schon lange auf ihre unhaltbaren Arbeitsbedingungen aufmerksam. Denn die Träger der Jugendarbeit geben die Kürzungen der Regierung im Bereich Soziales direkt an an die bei ihnen beschäftigten Arbeiter:innen weiter: Projekte müssen möglichst kostengünstig sein, Personalkosten werden deswegen immer weiter gesenkt. In Berlin arbeitet infolgedessen eine nicht unbedeutende Menge von Sozialarbeiter:innen zu Bedingungen, die sie zu Aufstocker:innen machen. Und wenn sich die Personalkosten nicht weiter senken lassen, dann werden Einrichtungen einfach komplett geschlossen.

    Genau dieses Schicksal ereilte auch die Linse, einen Jugendclub mit über 40-jähriger Geschichte in Berlin-Lichtenberg. Bereits im Frühjahr 2023 kündigte der Träger des Jugendclubs an, diesen und zwei weitere Einrichtungen im gleichen Bezirk zum Jahresende schließen zu wollen. Die Begründung: die Jugendarbeit sei ein Minusgeschäft.

    Ein Ort für die Jugend soll geschlossen werden…

    Anouk vom Solidaritätsnetzwerk Berlin erinnert sich an die Mitteilung über die Schließung: „Für uns war das ein Moment, in dem wir gemerkt haben, dass die Kürzungen im sozialen Bereich nicht einfach nur Zahlen, Tabellen und Diagramme in den Papieren des Berliner Senats sind, sondern dass sie reale Auswirkungen auf uns haben“. Das Solidaritätsnetzwerk, ein Zusammenschluss von Arbeiter:innen, Arbeitslosen, Jugendlichen, Frauen, Migrant:innen und Rentner:innen aus Berlin-Lichtenberg, veranstaltete regelmäßig Treffen und Vorträge in der Linse und organisierte dort den monatlichen “Solidarischen Stammtisch”, bei dem Nachbar:innen aus dem Stadtteil zusammenkamen, um sich über die aktuelle Lage und die Widrigkeiten des Lebens im Kapitalismus auszutauschen.

    „Als wir im Frühjahr von der Schließung gehört hatten, dachten wir zuerst, dass sich schon irgendwie eine Lösung ergeben würde. Wir hatten damals noch die Hoffnung, dass sich Senat, Bezirk und Träger doch irgendwie einig werden und den Jugendclub erhalten“, sagt Levin, ebenfalls Mitglied im Solidaritätsnetzwerk. Doch je näher das Jahresende rückte, desto klarer wurde, dass auf Seiten der Lokalpolitik und des Trägers der Wille zum Erhalt der Linse fehlte. Von Seiten des Bezirks hieß es lediglich immer wieder, dass die Linse aufgrund der Bauarbeiten am Nachbargebäude ohnehin für mehrere Jahre nicht betreibbar sei. Doch damit wollte sich das Solidaritätsnetzwerk nicht zufrieden geben.

    … im Stadtteil regt sich Widerstand

    Ab Oktober hieß es deswegen auf Plakaten an allen Ecken und Enden in den Straßen rund um den Jugendclub: „Die Linse muss bleiben“. An Kreuzungen, vor einem Einkaufscenter, an der U-Bahn-Station und sogar in den S-Bahn- Waggons verteilten die Mitglieder vom Solidaritätsnetzwerk hunderte Faltblätter, sie nahmen Kontakt zu Bands und Nutzer:innen aus der Linse auf und organisierten wöchentliche Kundgebungen vor dem Rathaus Lichtenberg, während denen sie mit unzähligen Passant:innen ins Gespräch kamen. Als sie Mitte November zu einer Demonstration durch den Stadtteil aufriefen und im Jugendhilfeausschuss des Bezirks eine kämpferische Fürsprache für den Erhalt des Jugendclubs hielten, war die Rettung der Linse wieder ein Thema in den Lokalnachrichten und bei den Lokalpolitiker:innen.

    Gleichzeitig beriefen die Mitglieder vom Solidaritätsnetzwerk einen “Runden Tisch” für Nutzer:innen und Unterstützer:innen der Linse ein: Jugendarbeiter:innen, Veranstalter:innen, Vertreter:innen einer Mieter:inneninitiative, einige Lokalpolitiker:innen und ein Verein von ehemaligen Jugendlichen der Linse kamen dort zusammen und berieten gemeinsam und selbstorganisiert darüber, wie es mit dem Jugendclub trotz der widrigen Umstände weitergehen könnte. Levin erzählt: „Am Runden Tisch haben wir gesehen, welche Wirkung wir mit unserer Arbeit erreicht haben. Ein paar Leute sagten sogar zu uns, dass wir sie wachgerüttelt und wieder einen Funken Hoffnung für den Erhalt der Linse entfacht haben, nachdem viele eigentlich schon resigniert hatten“. Anouk fügt hinzu: „Dass wir es geschafft haben, Nutzer:innen und Nachbar:innen der Linse zu mobilisieren und gemeinsam an einen Tisch zu bringen, ist ein großer Erfolg gewesen!“

    Geschlossenheit als Schlüssel zum Erfolg

    Tatsächlich wurde am Runden Tisch mittlerweile eine konkrete Perspektive für die Linse erarbeitet. Eine wichtige Rolle dabei spielt der Schulterschluss mit der Potse, einem stadtbekannten selbstverwalteten Jugendzentrum. Gemeinsam wurde mittlerweile die Forderung aufgestellt, dass das Potse-Kollektiv schnellstmöglich in das Gebäude der Linse ziehen soll. Die Zeit, in denen die Bauarbeiten am Nachbargebäude den Betrieb nicht erlauben, soll währenddessen für die Instandhaltung und Sanierung der „Linse“ genutzt werden. Dass diese Forderungen inmitten der kommenden Kürzungswellen von den verantwortlichen Politiker:innen jedoch einfach so erfüllt werden, scheint unwahrscheinlich. Anouk erklärt: „Für uns vom Solidaritätsnetzwerk geht es jetzt vor allem darum, den Druck auf die Lokalpolitik weiter hochzuhalten. Wir haben durch unsere vielen Aktionen im Stadtteil bereits erreicht, dass die Linse nicht einfach still und heimlich geschlossen wird. Jetzt gibt es durch den Schulterschluss mit Nutzer:innen, Nachbar:innen und der Potse eine konkrete Perspektive für selbstverwaltete Jugendarbeit in Lichtenberg. Wenn wir weiterhin geeint und kämpferisch auftreten, werden wir unsere Forderungen durchsetzen”.

    Zwar wurde die Linse zum Jahresende vorerst geschlossen. Doch der Kampf um das Jugendzentrum hat gerade erst begonnen. In Berlin-Lichtenberg ist durch die gemeinsamen Aktionen die Überzeugung gereift, durch die eigene Kraft und die eigene Organisiertheit etwas verändern zu können. Dem Solidaritätsnetzwerk geht es dabei um mehr als den Erhalt eines einzelnen Jugendclubs: „Wir haben während unserer Aktionen für den Erhalt der Linse immer wieder gesagt, dass wir nicht in einer Gesellschaft leben wollen, in der 100 Milliarden für die Bundeswehr ausgegeben werden, aber Jugendclubs schließen müssen“, unterstreicht Levin und fügt an: „Für uns ist klar, dass wir nur im Sozialismus, wenn unsere eigenen Bedürfnisse anstatt die der Großkonzerne im Vordergrund stehen, nicht mehr um jeden einzelnen Jugendclub kämpfen müssen. Bis dahin müssen wir aber jeden Quadratmeter, den wir selbst gestalten wollen, dem kapitalistischen Staat abtrotzen“.

    • Seit 2022 bei Perspektive Online, Teil der Print-Redaktion. Schwerpunkte sind bürgerliche Doppelmoral sowie Klassenkämpfe in Deutschland und auf der ganzen Welt. Liebt Spaziergänge an der Elbe.

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