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Samstag, Februar 24, 2024
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    Ein Jahr nach dem Erdbeben in der Türkei, Kurdistan und Syrien: Soziale Folgen bleiben

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    Ein Jahr ist es her, dass es zu einem katastrophalen Erdbeben in der Türkei, Kurdistan und Nordsyrien kam, bei dem tausende Menschen ums Leben kamen und Millionen obdachlos wurden. Obwohl die AKP-Regierung große Versprechungen gemacht hat, alles so schnell wie möglich wieder aufzubauen, leben auch ein Jahr nach dem Erdbeben noch tausende Menschen in Zelten oder Containern, und viele der Überlebenden des Erdbebens leiden weiterhin unter psychischen Folgen.

    Am 6. Februar 2024 jährt sich zum ersten Mal das desaströse Erdbeben mit einer Stärke von 7,8 in der Türkei und in Nordsyrien. Später, am gleichen Tag, ereignete sich ein weiteres Erdbeben mit einer Stärke von 7,6. Über 52.000 Menschen in der Türkei und 6.000 in Nordsyrien sind bei dem Erdbeben zu Tode gekommen, und weitere Tausende werden immer noch vermisst.

    In 11 der 17 Provinzen im Süden der Türkei wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, mindestens vier Millionen Häuser  wurden beschädigt oder zerstört. 3 Millionen Menschen mussten ihr Zuhause verlassen, und mindestens 145 Menschen suchen laut der Organisation Earthquake Victims and Lost Relatives (DEMAK) noch immer nach Angehörigen in der Region. Das Erdbeben und die Zerstörung, Schäden, Verluste und die Verletzungen, die all  das mit sich gebracht hat, haben immense Auswirkungen und psychische Schäden bei vielen Menschen in der Türkei und Nordsyrien hervorgerufen, die bis heute anhalten.

    Oppositionelle Kräfte machen AKP-Regierung für das Ausmaß der Schäden verantwortlich

    Bereits kurz nach dem Erdbeben haben vor allem die linken oppositionellen Kräfte in der Türkei die AKP-Regierung kritisiert, dass sie trotz der bekannten Tatsache, dass die Türkei ein Erdbebengebiet ist, nicht aktiv geworden sei. Die in Deutschland aktive türkisch-kurdische Organisation Aveg-Kon wirft der Regierung z.B. vor, die seit langem von wissenschaftlichen Organisationen und der Bevölkerung erhobenen Forderungen, sich auf schwere Erdbeben vorzubereiten und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, nicht beachtet zu haben:

    „Diejenigen, die bisher keine Änderungen in der Flächennutzungspolitik vorgenommen haben, diejenigen, die keine Änderung durch Einholung von Gutachten herbeigeführt haben, diejenigen, die keine Ingenieurleistungen in Anspruch genommen haben, diejenigen, die keine Maßnahmen im Bereich des Katastrophenmanagements ergriffen haben, diejenigen, die illegales Bauen zur Miete zugelassen haben, werden heute erneut versuchen, die Öffentlichkeit mit Krokodilstränen zu täuschen“, heißt es in einer Stellungnahme der migrantischen Arbeiter:innenorganisation.

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    Betroffene kritisierten außerdem massiv, dass staatliche Hilfsgruppen oftmals nicht vor Ort angekommen seien. Auch der Abgeordnete der linken Partei HDP, Mehmet Rüştü Tiryaki, sagte damals: „Es ist es nicht sehr überzeugend, dass sie einerseits erzählen, dass sie überall hinkommen und gleichzeitig den Ausnahmezustand ausrufen. In Wirklichkeit sind sie nirgendwo angekommen. Als wir durch die Stadt fuhren, hielten uns die Einheimischen für Regierungsbeamte und buhten uns aus. Sie sagten, dass ‘niemand kommt, um uns zu helfen’.“

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    Türkischer Präsident macht leere Versprechungen

    Nur vier Tage nach dem verheerenden Erdbeben versicherte der türkische Präsident Erdoğan noch, dass alle Gebäude innerhalb eines Jahres wieder aufgebaut und sie an die Bürger:innen zurückgegeben werden würden und niemand ohne Obdach bleiben werde. Sogar im Februar 2023 versprach der Präsident noch, 319.000 Häuser zu bauen, bis Ende 2023 sollten es dann 200.000 neue Häuser sein. Fakt ist: bis heute leben immer noch tausende Überlebende des Erdbebens in Zelten oder Containern.

    In der Provinzhauptstadt Hatays, Antakya, die besonders stark vom Erdbeben betroffen war, sind bis heute sogar die Trümmer noch nicht vollständig beseitigt. Tausende Menschen in den Erdbebengebieten sind zudem von finanzieller Unterstützung abhängig. Die AKP-Regierung möchte deshalb Unternehmen wieder aufbauen, um Menschen in Arbeit zu bringen. Allerdings ist dies ohne Infrastruktur kaum möglich.

    Doch selbst wenn der Wiederaufbau von Häusern hier und da gelingt, regt sich Widerstand aus der Bevölkerung: Es fehle an Transparenz bei der Planung des Wiederaufbaus und komme immer wieder zu Baumängeln. Einige Bürger:innen der Türkei verklagen deshalb nun Bauunternehmen und Genehmigungsbehörden, die offensichtliche Baumängel selbst beim Wiederaufbau hätten durchgehen lassen.

    Auch ein Jahr danach noch keine menschlichen Lebensbedingungen in Erdbebengebieten

    Auch die türkische Nachrichtenorganisation ETHA kritisiert in einer Nachricht zum Jahrestag des Erdbebens, dass noch immer keine guten Lebensbedingungen in den Erdbeben-Gebieten herrschten, und sie macht die AKP-Regierung dafür verantwortlich, dass das Erdbeben im Februar 2023 solche verheerenden Schäden nach sich gezogen hat:

    „Wir nähern uns dem ersten Jahr, in dem es in den Erdbebengebieten immer noch keine grundlegenden menschlichen Lebensbedingungen gibt. Durch die Begünstigung von Bauunternehmern sind die Häuser zu Gräbern geworden. Der Staat hat tagelang keine Such- und Rettungsarbeiten durchgeführt. Tagelang wurden keine Hilfsgüter wie Zelte, Lebensmittel und Decken geliefert, außer zum Schein. Frauen wurden im Angesicht der Gewalt allein gelassen.“

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