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Samstag, April 13, 2024
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    Leerstehendes Kino nach Besetzung wiedereröffnet: “Jede:r soll sich Kultur leisten können!”

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    Frankfurter Aktivist:innen haben am Samstag ein Kino besetzt. Dieses stand seit einer Insolvenz im Jahr 2020 leer. Die Anwohner freuen sich, dass nun endlich wieder Leben einzieht. Wir haben Kai Rose dazu interviewt.

    Kannst du erklären, was am Samstag auf der Bergerstraße passiert ist?

    Am Samstag wurde hier das „Berger Kino” besetzt und als queeres und feministisches Kino für den Stadtteil wiedereröffnet. Das Kino war seit knapp vier Jahren wegen Insolvenz geschlossen. Dabei ist uns wichtig, ein Gegenentwurf zum Kommerz-Kino zu sein und auch Menschen mit kleinem Geld die Möglichkeit zu geben, hier umsonst oder gegen Spende Filme anzusehen und Popcorn zu essen. Dabei geht es uns nicht darum, Gewinn zu machen, sondern darum, einen kulturellen Raum zu schaffen, der allen offensteht.

    Außerdem haben wir gleich von Beginn an versucht, die Nachbarschaft mit einzubeziehen. Dazu haben wir direkt am Sonntag ein erstes Nachbarschaftstreffen organisiert. Jeder, der sich einbringen will, soll die Möglichkeit dazu haben.

    Es gab in der Vergangenheit in Frankfurt immer wieder Hausbesetzungen. Zuletzt hatten Aktivist:innen das leerstehende Gebäude der ehemaligen „Dondorf”-Druckerei besetzt, um dieses vor dem Abriss zu bewahren. Warum habt ihr euch dazu entschlossen, ein Kino zu besetzen?

    Das Berger Kino war in Bornheim eine Institution. Viele Bornheimer:innen verbinden mit dem Kino allerhand schöne Erinnerungen und waren dementsprechend sehr traurig, als das Kino im Jahr 2020 im Zuge der Corona-Pandemie insolvent ging und schließen musste.

    Doch das Berger Kino ist da ja nur ein Fall von vielen. In ganz Frankfurt verschwinden seit Jahren immer wieder kleine, lokale und vor allem bezahlbare Kulturangebote. Für viele ist das bestehende kulturelle Angebot auch aufgrund der wirtschaftlichen Krise nicht mehr erschwinglich. Und das, obwohl gerade jetzt Räume notwendig sind, in denen Menschen zusammenkommen und sich austauschen können.

    Dieser Entwicklung wollten wir etwas entgegensetzen und selbst einen kulturellen Raum schaffen. Tatsächlich gab es sogar von der Stadt selbst Pläne, das Berger Kino wieder zu eröffnen, doch am Ende scheiterte die Idee an der fehlenden Finanzierung.

    Gibt es etwas, das euch bei der Besetzung besonders am Herzen liegt?

    Ja, wir haben den Zeitraum für die Besetzung um den 8. März, den feministischen Kampftag, nicht zufällig gewählt. Uns geht es auch darum, auf queere und feministische Kämpfe aufmerksam zu machen. Die Zahl der frauen- und queerfeindlichen Angriffe nimmt zu, und der Staat macht nicht wirklich etwas dagegen.

    In kommerziellen Kinos sind feministische und queere Perspektiven oft nicht repräsentiert. Perspektivisch geht es uns darum, hier eine Bühne zu geben für Kultur, die im kommerziellen Mainstream keinen Platz hat. Wir wollen einen Ort für Kultur schaffen, die in Frankfurt keinen Raum hat.

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    Habt ihr konkrete Forderungen?

    Wir haben keine konkreten Forderungen an die Stadt oder so etwas. Uns ist es jedoch ein Anliegen, dass jede:r sich Kultur leisten kann. Wir sehen in der Verdrängung bezahlbarer und zugänglicher Kulturangebote ein großes Problem. Es braucht Räume für die 90 Prozent der Leute, die sich die Rooftopbar auf dem Wolkenkratzer nicht leisten können.

    Wie war denn bisher die Resonanz von Anwohner:innen und Kinobesucher:innen?

    Die Reaktion der Anwohner:innen war deutlich positiver, als wir es erwartet hätten. Den ganzen Tag kommen Leute vorbei, die sich freuen, dass das Kino wieder geöffnet hat und sie hier wieder reinkommen können. Alle sagen uns, wie toll sie das finden, dass hier wieder etwas los ist. Wir bekommen sehr viel Zuspruch, die Menschen sind interessiert, bieten ihre Hilfe an und bringen uns sogar Essen.

    Jugendliche kommen vorbei und sind total happy, dass sie sich Filme anschauen können, ohne ihr ganzes Taschengeld für ein Ticket ausgeben zu müssen. Das ist wirklich sehr schön. Nur die Besitzer:innen des Kinos haben sich nicht über uns gefreut. Direkt am Samstag hat eine:r der beiden Besitzer:innen einen Strafantrag gestellt, diesen aber mittlerweile wieder zurückgezogen.

    Was plant ihr für die Zukunft?

    Wir hoffen, dass wir hier längerfristig bleiben können. Dann wollen wir das Programm ausweiten. Es gibt hier zum Beispiel auch eine Bühne, die sich super für Theater und Schauspiel eignen würde. Dabei wollen wir unbedingt die Nachbarschaft miteinbeziehen.

    Aktuell sind wir jedoch nur bis Donnerstag geduldet, dann soll es nochmal ein Gespräch mit dem Besitzer geben. Wir hoffen, dass wir noch länger bleiben können und freuen uns darüber, wenn Menschen vorbeikommen und sich hier einbringen, die Besetzung unterstützen oder sich einfach einen Film anschauen.

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