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Dienstag, April 23, 2024
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    Pogrom-Stimmung gegen Kurd:innen in Belgien – Spontan-Proteste

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    Am Sonntag zogen hunderte türkische Faschist:innen als Lynch-Mob durch die Straßen der belgischen Gemeinde Limburg und orchestrierten Angriffe auf Kurd:innen. Die Pogrom-Stimmung gipfelte in dem Versuch, das Haus einer kurdischen Familie in Brand zu setzen. Belgische Behörden ließen den faschistischen Mob zum Großteil gewähren. Am Montag kam es daraufhin zu Spontan-Protesten in Deutschland.

    In der belgischen Provinz Limburg ist es am Sonntag im Anschluss des kurdischen Neujahrsfest „Newroz” zu Pogromen gegen Kurd:innen gekommen. In den über 50 Kilometer entfernten Gemeinden Houthalen-Helchteren und Heusden-Zolder sammelten sich hunderte türkische Faschist:innen zu einem Lynchmob und griffen Kurd:innen auf offener Straße an.

    Auf mehreren Bildern und Videos auf der Plattform X ist zu sehen, wie kurdische Tücher und Flaggen verbrannt, die Fensterscheiben von Autos kurdischer Familien eingeschlagen und auf am Boden liegende Menschen eingeprügelt und eingetreten wird. Beteiligte zeigten dabei den „Wolfsgruß” – ein Symbol der faschistischen „Bozkurtlar“ („Grauen Wölfe”) – schwenkten Türkei-Flaggen und riefen rassistische und faschistische Parolen. Diese Videos wurden jedoch nicht von Behörden aufgenommen, sondern von den Faschist:innen selbst und stolz ins Internet gestellt.

    Die Pogrom-Stimmung gipfelte dann in der Belagerung des Hauses einer kurdischen Familie, die zuvor am Newroz-Fest teilnahm. In dem Haus befanden sich mehrere Dutzend Menschen, darunter auch Kinder und ältere Personen. Immer wieder versuchte der Mob, sich Zugang zum Haus zu verschaffen und drohte, das Gebäude mitsamt der Familie in Brand zu stecken. Der Brandanschlag auf das Haus konnte offenbar im letzten Augenblick verhindert werden.

    Aus Kreisen der Polizei und Krankenhäusern sollen mindestens sechs Kurden mit teilweise schweren Verletzungen im Krankenhaus liegen, zwei davon befänden sich in einem kritischen Zustand. Mindestens einer der verletzten Kurden soll mit einer Stichwaffe attackiert worden sein.

    Lynch-Versuche voraussichtlich geplant

    Sowohl der Vizebürgermeister von Heusden-Zolder, Yasin Gül, als auch der türkische Staat selbst rechtfertigen die Angriffe mit einer Täter-Opfer-Umkehr: Laut Gül seien es Sympathisant:innen der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gewesen, die während des Fastenmonats Ramadan mit kurdischen Flaggen und Bildern des PKK-Gründers Abdullah Öcalan Bewohner:innen provoziert hätten. „Deshalb konnten unsere Bürger angesichts einer solchen Provokation nicht schweigen“, rechtfertigte Gül die Angriffe. Er war selbst 2019 wegen seiner Nähe zur türkischen, faschistischen Bewegung der Grauen Wölfe aus der Flämischen Christdemokratie (CD&V) ausgeschlossen worden.

    Das türkische Außenministerium verdreht die Wahrheit ebenso und spricht von Angriffen von PKK-Militanten gegen türkische Zivilsit:innen in Belgien.

    Auch wurden schnell Gerüchte von Alain Yzermans, dem Bürgermeister von Houthalen-Helchteren, verbreitet, dass der Auslöser des Lynch-Versuchs ein Angriff auf einen türkischen Jugendlichen gewesen wäre, woraufhin sich spontan hunderte Personen in den Straßen gesammelt hätten. Die im Haus gefangenen Personen wiesen diese Behauptungen jedoch zurück. Das Gerücht sei möglicherweise gezielt gestreut geworden sein, um eine Pogrom-Stimmung gegen die kurdische Community anzuheizen, so das kurdische Informationszentrum „Civaka Azad”.

    Demnach sei der Mob äußerst planvoll vorgegangen und habe sich vermutlich schon im Vorfeld abgesprochen. Einerseits seien die Angriffe auf Kurd:innen an unterschiedlichen Orten koordiniert worden, zum anderen sei ein Angriff in einer solchen Größenordnung nicht binnen kürzester Zeit zu organisieren.

    Verschiedene Organisationen werfen der belgischen Regierung und Behörden nun Mittäterschaft vor, weil sie trotz zahlreicher Einsatzkräfte, einem Hubschrauber und einem Wasserwerfer die Situation kaum unter Kontrolle bringen konnten und „den faschistischen Banden des türkischen Staates, die vor ihren Augen unter `Takbir’-Rufen geschworen hatten, kurdisches Blut zu vergießen, freie Bahn ließen“, wie es der kurdische Europadachverband KCDK-E kritisiert.

    Widerstand gegen Angriffe in ganz Deutschland

    Schon vor Ort schritten Kurd:innen, die über die Angriffe informiert wurden, ein und stellten sich schützend vor das von dem Lynch-Mob umzingelte Haus. Im belgischen Lüttich wurde zudem ein Büro der Grauen Wölfe, deren Mitglieder sich an den Lynch-Aktionen beteiligten, mit Molotow-Cocktails angegriffen.

    In verschiedenen Ländern und Städten kam es am Montag dann zu spontanen Solidaritätsaktionen. So wurden etwa in Leipzig und Gießen Kundgebungen durchgeführt, in Frankfurt am Main zog ein Demonstrationszug mit rund 100 Personen durch die Innenstadt. In Stuttgart kam es bei einer großen Demonstration auch zum Zünden von Pyrotechnik. Auch in Wien und der Schweiz kam es zu Protesten.

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