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Montag, April 22, 2024
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    Rechte Politik unter dem Deckmantel des Marxismus: Was will der „Bund gegen Anpassung“?

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    Sie fordern eine Geburtenkontrolle, sprechen aktiv von einem „Krieg gegen Russland“ und führen Interviews mit dem rechten Compact-Magazin. Der „Bund gegen Anpassung” polarisiert mit wirren Theorien und teils absurden Forderungen. Doch so krude und unbeholfen die meisten Standpunkte des Bunds gegen Anpassung auch sein mögen – hinter ihm steht eine ernstzunehmende Gefahr. – Ein Kommentar von Arthur Jorn.

    „Nach der Vernichtung der europäischen Arbeiterbewegung und dem US-Endsieg über die würdelos untergegangene Sowjetunion muss eine echte Linksopposition ganz von vorn anfangen.“ So erklärt der „Bund gegen Anpassung“ (BgA) die Intention für seinen politischen Aktivismus – und genau so möchte sich die politische Gruppierung und ihr Gründer, Fritz Erik Hoevels, auch inszenieren: Als legitime Nachfolger einer großen Idee und als revolutionäre Kraft, die der ehemals so kraftvollen marxistischen Linken neuen Auftrieb schenken will. Denn der Bund hat vorgeblich seinen Ursprung in der Zeit der K-Gruppen (Ende der 60ger und in den 70ger Jahren) und scheint aktuell mit wirren Thesen zur Pandemie und den Kriegen weltweit an Fahrwasser zu gewinnen.

    Von „Freudomarxismus“ zur US- Weltverschwörung: Die Standpunkte des BgA

    Dass diese Selbstdarstellungen jeglichen Bezug zur Realität verloren zu haben scheinen, dürfte vielleicht bereits nach der kurzen Auflistung der dominierenden Ansichten des BgA aufgefallen sein. Doch die Themen, mit denen sich das selbsternannte Bündnis beschäftigt sind, keine losen Forderungen. Sie knüpfen allesamt an ideologische Positionen Hoevels an, der sich selbst als „Freudomarxist“ bezeichnet. Das bedeutet, dass er zentrale Eckpfeiler des Marxismus – wie beispielsweise die Existenz einer von den Kapitalist:innen ausgebeutete arbeitende Klasse – mit den Theorien des Psychoanalytikers Sigmund Freud verbindet. Dabei entsteht der Ansatz, dass der kapitalistische Staat zum Zweck gesteigerter Arbeitskraft die unterdrückten Lohnarbeitenden auch sexuell ausbeutet.

    Doch nicht nur sexuelle Selbstbestimmung gehört zu den Schwerpunkten der Arbeit des Bündnisses. So schafft es die Gruppe immer wieder, gesellschaftliche Spannungen und Differenzen für sich zu nutzen und auf stark vereinfachte und hetzerische Art und Weise für sich zu beanspruchen.

    Während der Corona-Pandemie beispielsweise machte die Gruppe immer wieder in verschwörungsideologischen Kreisen auf sich aufmerksam. In einem ihrer regelmäßig erscheinenden Flugblätter verglich der BgA so bspw. die damalige Corona-Politik der Bundesregierung mit dem Selbstermächtigungsgesetz von 1933 verglich, das den Nationalsozialisten den Weg zu ihrer Machtergreifung mit ebnete. Im selben Teilsatz wurde „die Antifa“, wie das Bündnis in verschwurbelter Manier formulierte, darüber hinaus mit der SA unter Hitler gleichgesetzt und als demokratiefeindlicher Schlägertrupp diffamiert.

    Doch nicht nur im Zusammenhang mit der damaligen Corona-Politik lässt der BgA seinen kruden Weltanschauungen freien Lauf. Ebenso solidarisierte sich die Gruppierung in einer Ausgabe ihrer regelmäßig erscheinenden Zeitschrift Ketzerbriefe aus dem Jahr 2007 mit dem irakischen Diktator und bekennenden Antisemiten Sadam Hussein, der in seiner Regierungszeit tausende Kurden und Schiiten folterte und systematisch ermordete. Im Artikel wurde der Krieg der USA gegen den Irak als „Kolonialkrieg“ bezeichnet, der jeden Staat auslöschen würde, der nicht bedingungslos „nach der […] Pfeife tanzt und sich nicht dem US-Diktat unterwirft“.

    Auffallend bei all diesen Kontroversen ist die strukturelle Ablehnung aller etablierten Parteien, sowie aller Strukturen, Bewegungen oder Denkansätze, die von der verschwörungsideologischen Szene rein aus Prinzip abgelehnt werden. Besonders kennzeichnend für den BgA ist jedoch der kaum vorhandene ideologische Kompass der Gruppierung, die nicht davor zurückschreckt, auch mit faschistischen Strukturen zu kooperieren. So solidarisierte sich die das Bündnis beispielsweise im März 2021 mit gewaltsuchenden Kadern der „Jungen Nationalisten“, nachdem diese im sächsischen Eilenburg Besuch von einigen motivierten Antifaschist:innen bekommen hatten. Auch hier ließ die Gruppe keine Möglichkeit aus, linke Strukturen zu diffamieren.

    Die rechten Freunde des Bunds gegen Anpassung

    Dass der BgA tief mit rechten Strukturen verwachsen ist, lässt sich nicht zuletzt durch den Verleger ihres regelmäßig erscheinenden Magazins Ketzerbriefe nachweisen. Das Heft, das alle zwei Monate erscheint, zumeist voll mit groben und extrem problematischen Verschwörungsideologien ist und nicht selten auch Gastbeiträge von bekannten Größen der Neuen und Alten Rechten enthält, wird vom rechtsextremen Ahriman-Verlag herausgegeben. Dort werden regelmäßig rassistische, antisemitische und auch völkische Bücher veröffentlicht, die nicht selten gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse in Frage stellen oder auch gezielt gegen Minderheiten hetzen.

    Auf der Frankfurter Buchmesse 2017 veröffentlichte der Verlag eine eigens angefertigte Unterstützungserklärung, die seine Solidarität mit anderen rechten Verlagen kundtat, die davon bedroht waren, von der Messe ausgeschlossen zu werden.

    Auch mit der AfD sympathisiert der BgA bereits seit Langem. In einem 2018 veröffentlichten Flugblatt mit dem Titel „Solidarität mit den Opfern der eingeschleusten Vergewaltiger und Mörder, Solidarität mit der AfD ! Falsche Flüchtlinge raus !“ beschrieb die Gruppierung mehrere vorgebliche Übergriffe auf Personen der Freiburger AfD, hetzte anschließend einmal mehr gegen die „»Anti«FA“, wie sie das Bündnis typischerweise beschreibt und rief dazu auf, gegen solche „Pogrome“ Widerstand zu leisten.

    Mit welchen der problematischen bis rechtsextremen Strukturen sich der BgA aus Opportunismus gerade wieder solidarisiert, ist im Einzelnen nur ein Nebenschauplatz. Bezeichnend für die Gruppe ist vielmehr ihre strukturelle und dogmatische Ablehnung gegenüber allen Strukturen und Ideen, die progressive und emanzipatorische Ansätze haben. Diese Ablehnung, verbunden mit ihrer Rechtsoffenheit und ihrer strikten Menschenfeindlichkeit macht sie jedoch zu einer aktiven Bedrohung. Es muss klar sein, dass der BgA nicht nur aus verwirrten und planlosen Opportunisten zu bestehen scheint, sondern als eine reale Gefahr für Linke und Andersdenkende wahrgenommen werden muss.

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