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Montag, April 22, 2024
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    Während des Prozesses gegen Flugzeug-Konzern Boeing: Whistleblower John Barnett tot aufgefunden

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    Boeing steht bereits seit geraumer Zeit in der Kritik, weil die Maschinen des Flugzeugherstellers immer wieder unter massiven Sicherheitsproblemen leiden. In einer Klage gegen den Großkonzern sagte John Barnett – ehemaliger Boeing-Angestellter und Whistleblower – als Zeuge gegen Boeing aus. Nun wurde der 62-Jährige tot in seinem Auto aufgefunden.

    Ende Januar reichten Boeing-Shareholder eine Klage gegen den US-amerikanischen Flugzeughersteller ein. Darin wird der Flug-Riese beschuldigt, Profite über die Sicherheit der hergestellten Flugzeuge zu stellen und sie als Shareholder in die Irre geführt zu haben.

    Auslöser für die Klage war der Defekt eines Boeing-Flugzugs vom Typ „737 Max 9”: Ein Flug der US-amerikanischen Airline Alaska Airlines verlor mitten in der Luft einen Türstopfen, was dazu führte, dass die Flugzeugtür vom Flugzeug abgerissen wurde. Da dies nicht auf voller Flughöhe passierte und direkt neben der Tür keine Passagiere saßen, kam es bei dem Vorfall glücklicherweise nur zu leichten Verletzungen.

    Zeuge und Whistleblower tot aufgefunden

    Einer der Zeugen, die im genannten Gerichtsprozess gegen Boeing aussagten, war John Barnett. Der 62-Jährige hatte 32 Jahre bei dem Flugzeughersteller gearbeitet, bevor er 2017 in Ruhestand ging. Am Donnerstag und Freitag der vergangenen Woche trat er vor Gericht, seine Befragung sollte eigentlich am Samstag fertiggestellt werden. Barnett erschien jedoch nicht zu diesem Termin, stattdessen wurde er tot in seinem Wagen aufgefunden. Laut dem zuständigen Gerichtsmediziner starb er an einer „selbst zugefügten Schusswunde“.

    Die jetzige Klage war nicht das erste Mal, dass Barnett Boeing öffentlich kritisierte. Ganz im Gegenteil: Er trat häufig und öffentlich als Whistleblower und Kritiker des Flugzeugherstellers auf. Immer wieder betonte er dabei vor allem, dass die Absturzkatastrophen und Sicherheitsprobleme nicht etwa ein “Unglück” oder Ähnliches seien, sondern ein direktes Resultat von Boeings Versuchen, den größtmöglichen Profit zu machen. „Das ist kein 737-Problem, es ist ein Boeing-Problem“, erklärte Barnett gegenüber der Website Thirty Mile Zone (TMZ). In diesem Rahmen berichtete er auch mehrfach, wie Boeing systematisch Probleme ignoriere und Sicherheitsrichtlinien umgehe.

    Sicherheitsprobleme bei Boeing keine Neuheit

    Der oben erwähnte Vorfall auf dem Alaska Airlines-Flug ist bei weitem kein Einzelfall. Ganz im Gegenteil, der Vorfall reiht sich in eine lange Liste von Unfällen und Defekten ein: Am fatalsten waren hierbei die Abstürze zweier Boeing 737-Flugzeuge in 2018 und 2019, die insgesamt mehr als 300 Leben kosteten. Schuld am Absturz war das von Boeing neu eingeführte „MCAS”-System, das die Steigung des Flugzeugs korrigieren sollte. Es wurde benötigt, da die Motoren der neuen Flugzeugmodelle anders platziert wurden als beim Vorgänger.

    MCAS stellte sich aus mehreren Gründen als besonders gefährlich heraus: Zum einen wurde das System nur über einen einzigen Sensor gesteuert. Sollte dieser also defekt oder blockiert sein, kann das zu einem rapiden Sturzflug führen, den die Pilot:innen nicht rechtzeitig korrigieren können. Besonders problematisch war allerdings, dass die Pilot:innen nicht einmal von diesem System wussten. Denn: Boeing wollte möglichst schnell eine Zertifizierung für das neue Modell erhalten und den Fluggesellschaften keine Extrakosten für dringend nötiges Training bereiten. Um dies zu erreichen, behauptete Boeing, dass das neue Modell so ähnlich zum Vorgänger sei, dass kein Training nötig wäre.

    Um diese Vorfälle einzuordnen: Ende der 1990er Jahre fusionierte Boeing mit McDonnell Douglas, einem Flugzeughersteller, der bis dahin vor allem im militärischen Sektor Erfolge erzielen konnte. Dies stellt für viele einen Wendepunkt in der Geschichte des Unternehmens dar: Spätestens von da an wurde sich zunehmend darauf konzentriert, den Profit zu maximieren – gerne auch auf Kosten der Qualität. Ausgaben für die Forschung und Entwicklung neuer Flugzeuge gingen immer weiter zurück, während man massive Summen ausgab, um die eigenen Aktien zurückzukaufen und so den Aktienkurs in die Höhe zu treiben.

    Behörden tragen Mitschuld

    Neben Boeings scheinbarer Bereitschaft, Unfälle und potenzielle Tode im Namen des Profits in Kauf zu nehmen, ist auch der Fakt, dass Flugzeuge wie die Boeing 737 Max überhaupt die Erlaubnis zum Fliegen bekommen haben, für viele ein großer Schock. Dies zeige vor allem die massiven Sicherheitslücken auf, welche die amerikanische Behörden im Luftverkehr zulassen. In den USA ist vor allem die Federal Aviation Agency (FAA) dafür zuständig, die Fluggesellschaften zu regulieren. Diese setzte aber bis vor kurzem in großen Teilen auf „Selbstregulierung” – so auch im Fall der 737 Max-Flugzeuge.

    Konkret bedeutet das, dass Boeing-Angestellte die Arbeit der FAA übernehmen und die Sicherheitstests und Kontrollen an ihren eigenen Flugzeugen durchführen. Dies ist nicht nur in der Theorie ein klarer Interessenkonflikt: Immer wieder gibt es Berichte darüber, wie diese Arbeiter:innen bei Boeing ganz praktisch unter Druck gesetzt werden, ihre Arbeit nicht so gründlich zu machen oder Probleme zu ignorieren.

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