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Samstag, Mai 25, 2024
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    Civil War: Ein Antikriegsfilm ohne Antikriegsbotschaft

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    Am 18. April 2024 läuft „Civil War” von Alex Garland erstmals in deutschen Kinos. Wer einen klugen Film über die US-amerikanische Bevölkerung oder Krieg erwartet, wird hier enttäuscht. – Eine Kritik von Benjamin Schwartz.

    Spätestens seit Donald Trumps erster Amtszeit als Präsident ist nicht mehr zu übersehen, dass die USA ein zutiefst gespaltenes Land sind. Als 2021 das Kapitol in den USA von Anhänger:innen Trumps gestürmt wurde, schien für manche ein Bürgerkrieg zwischen den beiden großen politischen Parteien der USA zum Greifen nah. Seither ist die Gefahr kaum gebannt und so wäre ein scharf analysierender, warnender Film wünschenswert. Stattdessen haben wir „Civil War” bekommen.

    Titel und Trailer schüren die Erwartung, dass man einen Film über diesen drohenden Bürgerkrieg zu sehen bekommt. Einen Film, der eindringlich vor den Folgen warnt. Tatsächlich handelt er jedoch hauptsächlich von den vier Kriegsberichterstatter:innen Lee (Kirsten Dunst), Joel (Wagner Moura), Jessie (Cailee Spaeny) und Sammy (Stephen McKinley Henderson) – das Thema Kriegsjournalismus wird ausführlich und kritisch beleuchtet. Dabei gerät der Krieg selbst in den Hintergrund.

    Der unpolitische Bürgerkrieg

    Wie es zum Krieg kommt, vermeidet der Film zu behandeln. Wir erfahren lediglich, dass der US-Präsident (Nick Offerman) seine dritte Amtszeit antritt, um sich gegen die sogenannten westlichen Streitkräfte zur Wehr zu setzen. Diese bestehen im Wesentlichen aus Texas, der republikanischen Hochburg, und Kalifornien, der demokratischen Hochburg. Damit möchte der Film klarstellen, dass er keine der beiden politischen Parteien vertritt.

    Diese Neutralität führt dazu, dass wir einen Film sehen, in dem zwei Parteien für ihre nicht erkennbaren Werte kämpfen. Doch verschleiert eine solche Darstellung nicht, was zu einem Krieg zwischen Republikaner:innen und Demokrat:innen führen könnte?

    Ja, denn die wirtschaftliche Bruchlinie der US-amerikanischen Parteien verläuft zwischen den von internationalem Handel profitierenden Kapitalist:innen der Demokrat:innen auf der einen und den von nationalem Handel profitierenden Kapitalist:innen der Republikaner:innen auf der anderen Seite. Würde der Film den Arbeiter:innen dies vor Augen führen, wäre er eine wirkliche Warnung und würde zugleich das zugrundeliegende Problem, die Herrschaft des Kapitals, aufzeigen.

    Stattdessen sehen wir zwei Scharfschützen, die auf einen anderen Scharfschützen schießen. Warum? Wüssten sie selbst nicht. Eine solche Aussage kann nur tätigen, wer denkt, Krieg entstünde aus Dummheit, nicht aufgrund von (Kapital-)Interessen.

    Wo ist die Bevölkerung?

    Wir sehen bewaffnete Milizen. Wir sehen das Militär und die Streitkräfte. Wir sehen die politischen und medialen Eliten. Die Bevölkerung wird wenig gezeigt. Eingangs protestieren einige, später spielen Kinder in einer Zeltstadt. Das Leid durch Hunger und Gewalt, das den Menschen angetan wird, tritt aber kaum zutage.

    Es ist nicht so, als würde der Film keine Grausamkeit zeigen. An blutigen Szene mangelt es nicht. Wir sehen, wie Soldat:innen durchlöchert werden und einander kaltblütig töten. Trotz dieser Exzesse sucht man brauchbare Warnungen vergebens.

    Teils fragt man sich, ob der Film diese Gewalt nicht geradezu genießt. Die Journalistinnen Lee und Jessie begleiten in einer Szene eine Handvoll Milizkämpfer durch ein Treppenhaus in einem Rohbau. Die Parallelen zum Computerspiel „Counter Strike” sind frappierend. Ist dieser Film etwa Teil der gamifizierten Darstellung von Krieg, mit der vor allem junge Männer an die Front gelockt werden sollen?

    Die filmische Gestaltung

    Eins gelingt Civil War sehr gut: das Spiel mit Kontrasten. Während die Protagonist:innen beschossen werden, spielt wenige Meter entfernt von ihnen eine leerstehende Kirmes-Bude eine fröhliche Allerweltsmelodie.

    Leider bleiben außer Szenen dieser Art nur wenige Gestaltungs- und Erzählungselemente positiv zu erwähnen. Die Dialoge sind derart schlecht, dass man sich häufig wünscht, der Film würde auf sie verzichten. Charaktertiefe hat dieser Film nicht – nach wenigen Minuten kennen wir alle Protagonist:innen vollständig. Die Charakterentwicklung ist – man verzeihe die Wortwahl – völlig ausgelutscht und unkreativ.

    Erzählerisch macht es sich der Film leicht, indem sich die Waffentechnik auf einem Niveau von vor rund 20 Jahren bewegt und das Internet gänzlich außen vor bleibt. Ein Bürgerkriegsfilm, der in den USA in der nahen Zukunft spielt, kann unmöglich auf Drohnen verzichten, um nur ein Beispiel zu nennen. Die schrecklichsten Waffen inklusive Atom-, Bio- und Chemiewaffen werden ignoriert.

    Ein Antikriegsfilm ohne Antikriegsbotschaft

    Dieser Film enttäuscht in nahezu jeder Hinsicht. Er liefert keine Antworten und stellt nicht einmal Fragen. Die Antikriegsbotschaft geht verloren.

    Für eine Antikriegsbotschaft müsste man das Leid darstellen und erklären, warum es Krieg gibt und wie man ihn verhindert. Dafür wäre allerdings eine kritische Auseinandersetzung mit den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen notwendig, was Civil War nicht einmal versucht.

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