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Montag, Juni 24, 2024
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    Homophobie im Fußball: erhoffte Coming-Outs bleiben aus

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    Am „Internationalen Tag gegen Homophobie” plante die Kampagne „Sports Free“ das Coming-Out vieler Profi-Fußballer:innen. Ob sich Fußballer:innen trotz der vorherrschenden Homophobie bald outen werden, bleibt fraglich. – Ein Kommentar von Anna Müller.

    „Mir scheint es lebensklug, dass Thomas Hitzlsperger erst nach Beendigung seiner Laufbahn als aktiver Fußballprofi den Schritt gewagt und seine Homosexualität öffentlich gemacht hat“, kommentierte Philipp Lahm, ehemaliger FC Bayern München-Fußballer, 2021 das Coming-Out seines Kollegen. Seine Empfehlungen für homosexuelle Fußballer:innen sorgten damals für reichlich Kontroversen: „ … ich würde ihm nicht einmal raten, sich mit seinen Mitspielern im eigenen Klub über dieses Thema zu unterhalten“, so Lahm in seinem Buch „Das Spiel: die Welt des Fußballs“.

    Vor allem ein Ex-Fußballer würde dem nicht zustimmen: Marcus Urban. Dieser rief die Kampagne „Sports Free“ ins Leben, die sich für einen lockeren, freien Umgang mit Homosexualität im Fußball einsetzt und Spieler:innen die Angst vor dem Outing nehmen will. Aufgrund seiner Vergangenheit als schwuler Jugendnationalspieler ist er mit diesem Thema besonders vertraut. Er brach z.B. seine Karriere ab, da ihn der Druck, als Spieler nicht geoutet zu sein, zu sehr belastete.

    Die Kampagne kündigte zum „Internationalen Tag gegen Homophobie” am 17. Mai versammeltes Coming-Out an. Der Social-Media-Beauftragte des TSG-Hoffenheim, Dirk Elbrächter, folgte dem Aufruf im Zuge der Kampagne. Urban selbst rechnet allerdings damit, dass es über diese einzelne Bekundung hinaus dabei bleiben wird und es keine offen eingestandene Homosexualität im aktiven Spielbetrieb geben wird.

    Doch nicht nur die Spieler haben mit negativen Reaktionen zu rechnen: Bei einer Studie des Instituts „YouGov” wurden 2.146 Personen in Deutschland befragt, die zu Teilen Fußball-interessiert waren. 46% der Befragten halten Homophobie im Fußball für ein „Problem”, darunter 56% für ein „ernstes Problem”. Nur 35% rechnen mit einer positiven Reaktion der Öffentlichkeit auf das Bekenntnis eines männlichen Spielers als schwul. Bei gegnerischen Mannschaften steigt die Homophobie laut Umfrage noch einmal mehr: die Befragten schätzten die negativen Reaktionen des Outings auf 40%, positive Reaktionen hingegen auf 23%.

    Wieso ist Homophobie im Fußball so stark?

    Fußball gilt als männlicher Sport und ist auch trotz erfolgreicher Frauenmannschaften für männliche Fußballspieler bekannt. Diese werden dabei mit „sehr traditionellen Männlichkeitswerten wie Durchsetzungsvermögen, ein ganzer Kerl sein und Schmerz-Unempfindlichkeit verbunden“, beschrieb Kulturwissenschaftlerin Tatjana Eggeling das Männerbild im Fußball. „Dazu gehört die immer noch in unseren Hirnen fest verankerte Vorstellung, dass solche Männer nur heterosexuell sein können“, fasst Eggeling zusammen.

    Homophobe Vorstellungen, schwule Männer seien verweichlicht, schwach und feminin, sind also noch immer verbreitet. Vor allem aber passen sie nicht in das oben beschriebene patriarchale Männerbild. Auch wird das Fußballprofi-Sein stark mit Heterosexualität verknüpft. So gibt es für die Partnerinnen von Fußballern spezielle Begriffe wie „Spielerfrauen“. Schwul-Sein passt also nicht in das Bild, das viele Fans von ihren Idolen haben (wollen). Dort, wo patriarchale Klischees besonders gelebt werden, kommt es verstärkt zu Diskriminierung derer, die nicht Teil dieses Klischees sind.

    Im Zusammenhang von Fußball und Homophobie wird zudem meist nur über männliche Homosexualität und deren Unterdrückung gesprochen. Was ist aber mit Lesben im Fußball? Das scheint für die Mehrheit tendenziell genauso irrelevant zu sein wie der Frauen-Fußball an sich. Denn nicht nur schwule Männer passen nicht ins Klischee dieses „Männersports“, sondern auch und vor allem Frauen nicht. Dass kein Fokus auf die Sexualität der Spielerinnen gelegt wird, hat aber weniger damit zu tun, dass Homosexualität bei Frauen wesentlich akzeptabler wäre.

    Der ehemalige §175 des Strafgesetzbuchs (StGB) verbot in der BRD bis 1994 romantische und sexuelle Beziehungen von Männern mit Männern. Dass weibliche Homosexualität allerdings nicht als Straftat galt, hatte nichts damit zu tun, dass es gesellschaftlich akzeptiert gewesen wäre. Frauen wurde und wird teils bis heute schlicht keine eigene Sexualität zugestanden, die nicht der Befriedigung von Männern dient. Die Akzeptanz von lesbischer Sexualität beschränkt sich höchstens auf die Zusammenhänge, in denen die Liebe zwischen Frauen durch Männer sexualisiert wird.

    Kampagne bekämpft keine Unterdrückung

    Die Kritiken und Bedenken an der Wirksamkeit der Kampagne sind vielfältig: Christoph Rudolph, Verantwortlicher der Anti-Diskriminierungsstelle beim DFB befürchtet, dass selbst dann, wenn es zu Outings kommen würde, sich darauf ausgeruht werde und darüber hinaus nichts zur Bekämpfung von Homophobie geschehen würde. Ein Erfolg dieser Kampagne würde laut ihm also im Grundsätzlichen zu keiner Verbesserung führen.

    Das Gleiche führt der Forscher Erik Denisen an, dessen Fokus auf Homosexualität im Sport liegt. Die amerikanische NFL zählte beispielsweise die meisten Outings im Sport und trotzdem stellte Denisen fest, dass die Akzeptanz für gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht zugenommen habe und dass homophobe Sprache ebenfalls noch weit verbreitet sei.

    Was es braucht, ist also keine „Outing-Kampagne“ einiger weniger (z.B. Profi-Fußballer), sondern der konsequente Kampf gegen Homophobie überhaupt. Sicherlich kann das Coming-Out von Fußballer:innen andere Menschen darin bestärken, ihre Sexualität nicht weiter geheim zu halten. Ein Kampf gegen Homofeindlichkeit im Profi-Fußball kann schlussendlich jedoch kein breiter, erfolgreicher Kampf sein, da er Homophobie nicht als gesamtgesellschaftliches Problem begreift, dessen Ursache in dem Unterdrückungsverhältnis des Patriarchats liegt. Wird das Patriarchat nicht auf allen Ebenen der Gesellschaft bekämpft, wird Homosexualität immer weiter als „unnormal“, „krank” oder „asozial” angesehen und Homofeindlichkeit nicht verschwinden.

    • Autorin bei Perspektive seit 2024. Schülerin aus Oberfranken, interessiert sich für Klassenkämpfe weltweit und die Frauenrevolution. Denn wie Alexandra Kollontai damals schon erkannte: Ohne Sozialismus keine Befreiung der Frau – ohne Befreiung der Frau kein Sozialismus!

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