„Der G20-Gipfel mit seinen Protesten in Hamburg war eines der ersten politischen Großereignisse, die ich nicht nur durch die Medien verfolgt habe.“ –  Ein Bericht aus der Perspektive einer sehr jungen Reporterin von Perspektive Online.

Die Rolle der Presse

Angereist bin ich mit dem beruhigenden Gedanken, als Pressevertreterin ohnehin die Geschehnisse beobachten zu können, ohne direkt involviert zu sein. JournalistInnen seien wohl weder Ziel der Demonstrierenden, noch der Polizei. Wenig später fand ich mich inmitten fünfzig anderer JournalistInnen genau zwischen „dem schwarzen Block“, wegen dessen Vermummung die „Welcome to Hell“-Demonstration nicht starten durfte, und drei Wasserwerfern. Eine Situation, auf die die Einsatzkräfte nicht vorbereitet schienen, denn die Presse versperrte den Weg zum Frontblock. Der Demonstrationszug wurde getrennt, von hinten nach vorn aufgelöst, und ab diesem Moment machte es keinen Unterschied mehr, ob eine Person vor Ort war, um ihre – möglicherweise unliebsamen – Forderungen auf die Straße zu bringen, oder mit dem Ziel, „nur“ sachlich zu berichten.
Mehr noch, am Freitag standen sich gegen Abend erneut Demonstrierende und Polizei gegenüber. Die PressevertreterInnen hatten sich, wohl übersichtshalber, in einer Seitenstraße gesammelt. Genau in dieser Seitenstraße wurde Tränengas eingesetzt, das praktisch ausschließlich uns JournalistInnen traf und verletzte. Obgleich Protestierende und Berichterstattende aus unterschiedlichen Motiven die Proteste begleiteten: ihre Erfahrungen scheinen Ähnliche gewesen zu sein.

Skurrile Machtverhältnisse

Erschreckend war für mich vor allem der Moment, in dem ich realisierte, wer sich dort gegenübersteht. Auf der einen Seite DemonstrantInnen, bei denen ein Schal, der über die Nase gezogen wurde, Grund genug war, die gesamte Versammlung aufzulösen. Auf der anderen Seite Beamte, behelmt, mit Schilden ausgerüstet und Wasserwerfern im Rücken. Eine junge Frau stand einfach nur barfuß auf dem Gehweg, was augenscheinlich Grund genug war, Pfefferspray gegen sie einzusetzen. Die SanitäterInnen sind mit dem Versorgen teils heftiger Wunden und Verletzungen gar nicht nachgekommen. Hätte ich vor einiger Zeit diese Bilder in den Medien gesehen, hätte ich vermutlich kurz überlegt und wäre zu dem Schluss gekommen, dass die Polizei ihr Menschenmögliches tut, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Mir ging es, wie vermutlich vielen HamburgerInnen, die eher zufällig den Protesten beiwohnten: Vor allem kannte ich die Polizei als diejenige, die versucht, gestohlene Handys wiederzufinden und gerufen werden kann, wenn es brenzlig wird. Kaum hätte ich gedacht, die Rechtmäßigkeit von Polizeigewalt so sehr hinterfragen zu müssen. Und das schien für eine Vielzahl von HamburgerInnen ebenfalls zu gelten: Selbst solche Bündnisse, die sich während der Auseinandersetzungen klar gegen jede Gewalt positionierten, beteiligten sich in Anbetracht der Szenen am Pferdemarkt an Parolen wie „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Die Kluft zwischen der Wahrnehmung des Gipfels durch die Freunde und Familie zuhause und meiner eigenen vor Ort war groß. Immer wieder gingen Nachfragen ein, ob es uns gut ginge, ob wir verletzt seien, dass man sich melden solle, man würde sich Sorgen machen. Absolut richtig ist, dass die Tage in Hamburg nicht ungefährlich waren. Die Zustände waren jedoch nicht „bürgerkriegsähnlich“, keineswegs ging es fünf Tage lang um „Leib und Leben“, wie einige Medien skandierten. Raum, um über den Gipfel an sich zu diskutieren, blieb dabei leider kaum. Auch wurde mir geraten, mich von „Kawallmachenden fernzuhalten“, und es scheint, dass durch meine Erlebnisse unsere Bewertung davon, wer für Krawall sorgt, im Laufe des Gipfels auseinander drifteten.