Von Tim Losowski (Text) und Chris Schulze (Video)

Rund 15 Prozent tun es manchmal: Schwarzfahren. Ohne Ticket in Bus und Bahn zu fahren kann in Deutschland jedoch zu ernsthaften Problemen führen: Wird man ohne Fahrschein erwischt, muss ein „erhöhtes Beförderungsentgeld“ von bis zu 60€ als Strafe gezahlt werden.

Schon nach drei Mal Schwarzfahrens droht die Strafanzeige. Geldstrafen sind die Folge. Viele Menschen können sich das einfach nicht leisten: Allein in Berlin  können gerade einmal die Hälfte die Geldbußen zahlen. Dort sitzen allein 10% aller Häftlinge wegen Schwarzfahrens ein. Das liegt auch daran, dass sich die Anzahl der Anzeigen drastisch erhöht hat.

2013 haben die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG, ehemals Berliner Verkehrs-AG) 480 Anzeigen wegen Schwarzfahrens gestellt. 2014 waren es dann schon 33.733.

Bundesweit sitzen etwa 5.000 Menschen wegen einer sogenannten „Ersatzfreiheitsstrafe“ im Gefängnis, die meisten seien verurteilte Schwarzfahrer. Der Gefängnis-Aufenhalt kostet den Steuerzahler 133 Euro am Tag. Und dabei handelt es sich um Menschen, die das Gericht eigentlich gar nicht inhaftieren wollte – sie sind einfach zu arm. Und sie bedeuten täglich rund 650.000€ an Steuerkosten.

Was ist die Alternative?

Ein erster Schritt um diesen Krieg gegen arme Menschen zu beenden wäre es, sofort das Schwarzfahren zu entkriminalisieren und nicht mehr als Straftat, sondern als Ordnungswidrigkeit zu erklären.
Doch wenn man das Problem grundsätzlich lösen möchte, benötigte man auch eine grundsätzliche Änderung. Das wäre ein z.B. kostenloser Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV). Beispiele gibt es genug.
So wie in der Hauptstadt von Estland, Tallinn, in der etwa 420.000 Menschen wohnen. Nach einer Volksabstimmung mit einer 75%-Mehrheit führte die estländische Hauptstadt 2013 einen Gratis-Nahverkehr ein. Mittlerweile wurde das Angebot auf Regionalzüge ausgedehnt.
In Aubagne, in Frankreich, wird der kostenlose Nahverkehr seit 2009 über eine Extra-Steuer für Unternehmer finanziert. Aber auch in Deutschland gibt es die Erfahrung von Templin (16.000 Einwohner) in Brandenburg. Dort stiegen die Passagierzahlen von 41.000 auf 350.000. Aufgrund des Fahrgastzuwachses wurde es 2003 in ein freiwilliges Bürgerticket-System umgewandelt.

Bild-Quellen zum Video:

IngolfBLN (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Erfurt_Hauptbahnhof_-_Straßenbahnhaltestelle_in_der_Bahnhofsunterführung_(6669531181).jpg), „Erfurt Hauptbahnhof – Straßenbahnhaltestelle in der Bahnhofsunterführung (6669531181)“, Video-Collage von Perspektive Online, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode
Daviidos (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tallinn_Toompea_2014.JPG), „Tallinn Toompea 2014“, Video-Collage von Perspektive Online, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode
Kremtak (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Aubagne_city_center.JPG), „Aubagne city center“, Video-Collage von Perspektive Online, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
Sonuwe (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hasselt_-_Station_Hasselt.jpg), „Hasselt – Station Hasselt“, Video-Collage von Perspektive Online, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/legalcode
Pixabay – CC0 Creative Commons