Ein Neujahrs-Kommentar – von Tim Losowski

Weniger Stress, mehr Zeit für Freunde und Familie, mehr Sport – gute Vorsätze fürs neue Jahr haben wir doch alle schon mal ausprobiert. Aber wieso klappt das oftmals nicht? Sind wir einfach zu willensschwach? Oder spielen unsere Arbeitsbedingungen dabei auch eine Rolle?  Schauen wir uns die Top Vier der Vorsätze an, die Deutsche sich für das letzte Jahr gemacht hatten:

Vorsatz Nr. 1: Stress vermeiden

Fast zwei Drittel der Befragten wollen Stress vermeiden oder abbauen – der Top-Vorsatz der Deutschen. Doch irgendwie klappt das schlecht, wenn der Chef jetzt auch abends gegen 9 anruft um zu fordern, doch noch die letzte Mail abzuarbeiten. Ebenso kann es einem ganz schön im Nacken sitzen, wenn man nicht weiß, ob der befristete Vertrag verlängert wird.

Vorsatz Nr. 2: Mehr Zeit für Freunde und Familie

60% der Deutschen wollen sich mehr Zeit für Freunde und Familie nehmen. Blöd nur wenn die Regierung jetzt plant, den 8-Stunden-Tag auszuhöhlen, sodass wir bald noch länger arbeiten dürfen. Auch die ständigen Schichtwechsel führen bei vielen dazu, dass sie schlafen müssen während Kinder und Partner/in wach sind.

Vorsatz Nr. 3. Mehr bewegen / Sport

Die Hälfte aller Menschen möchte mehr Sport im neuen Jahr treiben. Eine riesige Industrie lebt davon, dass Menschen Jahr für Jahr dasselbe wollen – und es nicht schaffen. Nichts verkauft sich so gut zum Jahresanfang wie Diät- und Kochbücher. Das Fitness-Studio verpflichtet einen manchmal gleich für zwei Jahre. Dass der Besuch nach einer 10-Stunden Schicht auf dem Bau nicht leicht fällt, ist jedoch kein Wunder.

Vorsatz Nr. 4: Gesünder ernähren

In diesem Jahr mehr Bio und Fair-Trade-Produkte! Aber leider sind diese durchschnittlich 70% teurer als herkömmliche Produkte. Schwer zu machen, wenn sich sowieso schon am Ende jedes Monats das Konto um die 0€ herum bewegt. Meist bleibt dann nur die Tiefkühlpizza.Wenn wenigstens der Chef auch die Pause nicht jedes mal eigenwillig verkürzt oder wir selbst kochen könnten…

Die Bedingungen diktieren unser Leben

Wir können sehen, unsere Vorsätze machen wir uns nicht im luftleeren Raum, sondern unter ganz bestimmten Bedingungen, die uns manches ermöglichen – und anderes massiv erschweren.
Die meisten der obigen Vorsätze haben dabei mit einer sehr bedeutenden Ressource zu tun: Zeit. Hier kommt eben unsere Arbeit ins Spiel. Denn die meiste Zeit verbringen wir – solange wir keine großen Fabriken, Banken oder Äcker besitzen – auf der Arbeit. Deshalb müssen hier auch die Bedingungen stimmen.

Wie wäre es denn zum Beispiel mit einem 6-Stunden-Tag bei vollem Lohnausgleich? Den 8-Stunden-Tag haben wir jetzt schon seit hundert Jahren, obwohl sich die Produktivität um ein Vielfaches gesteigert hat. Eine Reduzierung der Arbeitszeit würde zu mehr Zeit für Familie, mehr Regeneration, mehr Energie für Sport und Kultur, und letztlich sogar zu besseren Arbeitsergebnissen führen.

Auch die Flexibilisierung der Arbeit aufzubrechen, Smartphone-Erreichbarkeit zu unterbinden und mehr unbefristete Verträge durchzusetzen, würde uns viel dabei helfen unsere guten Vorsätze zu erreichen.

Wie erreichen wir unsere Ziele?

Natürlich gibt es bestimmte Methoden wie wir unsere Zeit besser organisieren können. Konkrete und vor allem realistische Aktionspläne, bei denen wir nicht nur den Anfang sondern auch die Durststrecken und den Abschluss mit einberechnen. Kleine Belohnungen die wir uns selbst geben um weiterzumachen und so weiter. Doch wir müssen an den größeren Stellschrauben drehen, damit sich wirklich etwas Grundlegendes verändert.

Unsere Arbeitsbedingungen werden sich leider jedoch nicht von selbst verändern, da wir nun mal in einem kapitalistischen System leben. Hier führt mehr Stress und mehr Arbeit für uns zu mehr Geld und Luxus für den Chef.

Bessere Arbeitsbedingungen müssen wir deshalb in gemeinsamen Kämpfen durchsetzen. Doch erst wenn wir den Kapitalismus abgeschafft haben, werden wir nicht immer wieder unsere Rechte verteidigen müssen, sondern die gesamte Gesellschaft nach unseren Bedürfnissen planen können. Deshalb ist mein guter Vorsatz fürs Jahr 2018: Endlich mit meinen Klassengeschwistern zusammenzuschließen um dem Kapitalismus den Garaus machen.