VW-Fabrik in Portugal: Wie ArbeiterInnen sich gegen Wochenendarbeit wehren. Ein Interview mit Heriberto Araujo, Aktivist bei der „Plataforma Laboral e Popular“ (PLP)

1. Der Konflikt in der Volkswagenfabrik hat schon vor einer Weile begonnen. Könnt ihr kurz die aktuelle Lage erklären?

Seit die Produktion im Jahr 1991 begonnen hat, war „Autoeuropa“ (Die Vokswagen-Fabrik in Palmela) nie ein Ort, an dem heftige Arbeitskämpfe ausgetragen wurden. Die Betriebsleitung hatte immer eine gute Beziehung zur Vertretung der Arbeiterschaft.­ Das wird von Volkswagen und den Autoeuropa-Aktionären als sehr positiv betrachtet. Gemeinsam haben sie, wie in andern Deutschen Produktionsstätten, eine Regelung des „Co-Managments“ eingeführt. Das bedeutet, dass ArbeiterInnen Produktionsboni und andere Vergütungen bekommen, dafür aber ihre Arbeitskraft flexibel und prekär erbringen müssen, um die Produktion an den Marktschwankungen zu orientieren. Hohe staatliche Subventionen spielten auch eine entscheidende Rolle dabei, den sozialen Frieden in der Fabrik zu wahren.
In der Mitte des letzten Jahres ist der Vorstand der ArbeiterInnenvertretung zurückgetreten und ersetzt worden. Dieser neue Vorstand hat mit der Regierung einen Vorschlag für einen neuen Tarifvertrag ausgehandelt, der kürzlich in einem Referendum von den Fabrikarbeitern abgelehnt wurde. Ohne das Ergebnis des Referendums zu beachten haben sie sich entscheiden den Vorschlag trotzdem umzusetzen, um die Auswirkungen des Dieselskandals unter Kontrolle zu bringen und in der Produktion des neuen T-Roc-Modells voranzukommen. Es wurde obligatorische Arbeit an den Wochenenden angeordnet und eine kontinuierliche Arbeit an sieben Tagen in der Woche durchgesetzt.
Am 30. August reagierten die ArbeiterInnen mit einem Streik gegen die ununterbrochene Produktion und die verpflichtende Wochenendarbeit. Der Streik wurde von einer mit der CGTP (Allgemeiner Zusammenschluss der Portugiesischen Arbeiter – Nationaler Gewerkschaftsverbund) verbundenen Gewerkschaft ausgerufen und die Beteiligung war groß.
Nachdem der Tarifvertrag abgelehnt wurde plante der zurückgetretene Vorstand der ArbeiterInnenvertretung Wahlen für einen neuen Vorstand. Dieser bestand dann hauptsächlich aus Mitgliedern der opportunistischen CGTP und einer Gruppe von ArbeiterInnen, die unserem Wissen nach nach keiner Partei angehören. Seit Oktober 2017 haben also die ArbeiterInnenvertretung und die Gewerkschaften ihre Forderungen ständig zurückgenommen, neue Formen des Klassenkampfs abgelehnt und enge Abkommen mit der portugiesischen Regierung sowie Volkswagen ausgehandelt. Sie haben viele Lösungen vorgeschlagen, die nicht die Interessen der ArbeiterInnen im Blick haben und im Kern darauf ausgelegt sind, die sozialen Konsequenzen der getroffenen Entscheidungen zu dämpfen. So zum Beispiel Subventionen für die Kinderbetreuung, während die Eltern an den Wochenenden in den Fabriken arbeiten. Das ist eine opportunistische Position, die ArbeiterInnen haben sie natürlich abgelehnt.

2. Welche Lösung schlägt das Unternehmen vor und was sind die Forderungen der ArbeiterInnen?

Das Unternehmen möchte die Herstellung des neuen VW-Modells sichern, durch die Einführung von ununterbrochener Produktion, denn das entspricht den Interessen der Betriebsleitung und Investoren: Den Profit maximieren und die Ausbeutung der Arbeit steigern. Andererseits haben die ArbeiterInnen andere Alternativen vorgeschlagen, etwa die Einführung einer vierten Schicht, was bedeuten würde, neue Leute einzustellen und dabei das Recht wahren würde, sich zu erholen und am Wochenende Zeit mit der Familie zu verbringen.

3. Welche Rolle haben die Gewerkschaften und Betriebsräte gespielt?

Die Gewerkschaften und der neue Vorstand des Betriebsrats hatten zu Beginn eine recht kämpferische Haltung. Sie riefen ja einen Streik aus und behielten die Standpunkt der Arbeiterschaft eine Zeit lang bei. In den vergangenen Monaten haben sie aber trotz ihrer vorherigen Tapferkeit ihre Forderungen zurückgenommen. Forderungen, die von ArbeiterInnen demokratisch bestimmt wurden und Druckmittel, die auf der Vollversammlung vorgeschlagen und angenommen wurden, haben sie ignoriert. Sie verfolgen jetzt vorsichtig das Ziel, zu schlichten, tanzen nach der Pfeife der Regierung, lassen im Austausch für nahezu nichts ihre Hauptforderung, das Wochenende vor verpflichtender Arbeit zu sichern, fallen.

4. Im Februar sollte ein Streik stattfinden. Könnt ihr erklären, warum es nicht dazu kam und wie ihr darauf reagiert?

Der Streik wurde auf der Betriebsratsversammlung beschlossen und genehmigt, dennoch hat er nicht stattgefunden. Die Gewerkschaften und der Betriebsrat haben die rechtlichen Auflagen nicht bearbeitet – eine offensichtliche Missachtung des Willens der Arbeiter. Ihre Begründung ist, dass diese Form des Kampfes den Verhandlungen schaden könne.

Wir sind der Meinung, dass der Streik mit und auch ohne rechtliche Absegnung der Gewerkschaften hätte stattfinden müssen. ArbeiterInnen sind nicht abhängig von opportunistischen Gewerkschaften, auch nicht vom bürgerlichen Recht.
ArbeiterInnen müssen nicht diejenigen respektieren, die ihnen gegenüber respektlos sind.
Wir brauchen die engagiertesten und bewusstesten Arbeiter sowie die Organisationen, die sie stützen, um die Notwendigkeit eines Streiks oder einer anderen Form des Klassenkampfs deutlich zu machen. Auch, um die Zusammenarbeit zwischen Volkswagen, der Regierung und den opportunistischen Regierungen aufzudecken, die versuchen, Lösungen im Sinne der Kapitalisten zu finden, statt sich für den Willen der ArbeiterInnen einzusetzen.

 5. VW wird als eines der bedeutendsten Unternehmen für die portugiesische Wirtschaft angesehen. Wie schätzt ihr den Einfluss ein, den dieser Konflikt haben kann?

„Autoeuropa“/VW repräsentiert einen beachtlichen Teil des BIP und der Exporte dieses Landes. Viele Unternehmen produzieren für Autoeuropa/VW und die Fabrik gilt als der größte „Arbeitgeber“ südlich des Flusses Tejo. Genau aus diesem Grund wurde eine Schmierkampagne gegen die ArbeiterInnen und sogar gegen die sehr gemäßigten Gewerkschaften geführt. Meinungsmacher haben sich gegen die ArbeiterInnen gestellt, ihnen mangelnden Patriotismus unterstellt und sie beschuldigt, Aristokraten unter ArbeiterInnen zu sein. Ein großer Teil der Medienlandschaft, Fernsehen, Zeitungen und Radio war bereit, diese Meinung zu verbreiten. Sollten wir verlieren, könnte das bedeuten, dass das Modell der ununterbrochenen Produktion auch auf andere Industriezweige ausgeweitet wird, in denen es bisher nicht verwendet wird. Ein Sieg aber könnte helfen, sich auch in weiteren Kämpfen zu mobilisieren, den sozialen Frieden zu brechen und Klassenbewusstsein zu entwickeln.

6. Nicht nur Gewerkschaften, sondern auch andere sozialpolitische Organisationen waren involviert – so auch eure Organisation, PLP. Welche Rolle spielten sie für die Verbesserung der Zustände bei Autoeuropa?

Abgesehen von den Gewerkschaften und dem Betriebsrat haben sich einige Gruppen in diesem Konflikt organisiert und Stellung bezogen. Ihre Aktivität wurde von einigen politischen Organisationen beeinflusst, die nicht im Parlament vertreten sind. PLP hat die Mittel bereitgestellt und geholfen, den Kampf mit denjenigen ArbeiterInnen zu entwickeln, die uns nahe stehen. Wir beschäftigen uns hauptsächlich mit Aufklärung und Mobilisierungsarbeit innerhalb und außerhalb des Werks und sind bereit, jede Form von Unterstützung zu bieten, die der Kampf hier benötigt.

Das hier ist ein entscheidender Kampf. Wir werden keine Mühen scheuen, die geheimen Verhandlungen zu beenden und uns wieder auf die Hauptforderung zu berufen: Arbeit an den Wochenenden ist zusätzliche Arbeit, nicht verpflichtend, und muss entsprechend bezahlt werden.