Ein Kommentar über Doppelmoral und Rassismus – von Kizil Zafer

Am Sonntag verkündete der bekannte türkisch-stämmige Fußballspieler Mesut Özil in einem dreiteiligen Statement seinen Rücktritt von der deutschen Nationalmannschaft. Was hat es mit dem Medien-Tornado um Özil auf sich? – Ein Kommentar über Doppelmoral und Rassismus.

Doppelmoral in den Medien

Es mag äußert naiv von Mesut Özil gewesen sein, sich gedankenlos auf ein Bild mit dem türkischen Präsidenten Recep T. Erdogan eingelassen zu haben. Dieser geht in seinem Land despotisch gegen Journalisten, oppositionelle Politiker, ethnische Minderheiten vor. Dafür steht Özil zu Recht unter scharfer Kritik.

Allerdings ist es eine Doppelmoral, einerseits auf Özil symbolisch einzudreschen, aber bei deutschen Politikern zu schweigen – wo doch Sigmar Gabriel oder Angela Merkel gern mit dem türkischen Außenminister und Präsidenten fröhlich Tee schlürfen, oder der Rüstungsindustrie grünes Licht gegeben wird, in Konfliktgebiete deutsche Waffen und Panzer zu liefern, wie z.B. nach Afrin. Darum gibt’s in den klassischen Medien natürlich keinen Skandal.

Klar, die PolitikerInnen, die sich mit Verbrechern, Massenmördern und Diktatoren ablichten lassen, machen das nur aus „diplomatischen“ Gründen, die „dürfen“ das natürlich. Und dass sie damit wieder Erdogan ins Rampenlicht rücken und ihm auch seine kleine Show gewähren, ist auch selbstverständlich. Wo blieb die internationale Kritik, als sich die prominente US-Schauspielerin Lindsay Lohan letztes Jahr putzmunter mit Erdogan und seiner Frau fotografieren ließ und offen für ihn warb? Tagtäglich sind überall Skandale rund um korrupte PolitikerInnen und Stars zu finden, aber kein einziger Medien-Aufschrei wie jetzt. Das ist pure Heuchelei.

Steckt etwa auch Rassismus dahinter?

Leider ist Rassismus gegen migrantische und besonders Menschen mit islamischem Hintergrund in Deutschland ein großes Thema. Auch Özil ist trotz seiner Beliebt- und Bekanntheit davon nicht verschont. Er soll sogar für die Niederlage des deutschen Teams in der WM diesen Jahres verantwortlich gemacht werden. Darüber kann man streiten, aber in den Kommentaren der sozialen Netzwerke ist der Hass auf Özil mit eindeutigen Tönen erkennbar.

Allerdings zeigt sich auch eine gewisse Solidarität mit Özil – von seinen eigenen Landsleuten bis hin zu seinen deutschen Fans. Doch Özil ist kein Symbol des Antirassismus, sondern nur ein Sündenbock und ein Ablenkungsmanöver von den wirklich rassistischen Überfällen in Deutschland und weltweit. Vor allem aber ist er kein Symbol des Antirassismus für die Türkei, wo heftige Diskriminierung von Minderheiten wie den Kurden, Armeniern oder Aleviten Alltag ist.

Es muss auch gesagt werden, dass Özil nicht repräsentativ für die diskriminierten Migrantinnen und Migranten in Deutschland steht. Er ist jemand, der allein mit dem Fußball Millionen verdient, während arme migrantische Jugendliche auf kaputten Bolzplätzen ihre Träume sterben sehen.

Von den Nöten und der Armut der unzähligen ausgebeuteten Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund versteht ein Özil nichts. Solche wie er inszenieren sich gerne als Freunde der Ausgebeuteten und Unterdrückten, aber ein Vorbild sind sie nicht.

Man sollte sich von diesem Thema nicht instrumentalisieren lassen. Ignoriert den medialen Aufschrei gegen Özil und konzentriert euch auf die wirklich rassistischen Probleme in den Schulen, auf der Arbeit oder in der Öffentlichkeit – denn dort herrscht die reale Diskriminierung! Wir sollten uns auf die Seite von uns selbst, den unterdrückten Migranten, schlagen.“