Endlich Sommer, endlich Ferien und Urlaubszeit. Ein weiteres halbes Jahr haben wir uns abgerackert, um die Haupt-Urlaubssaison zu erreichen und endlich dem Alltag und damit der Realität, in der wir tagtäglich leben, entfliehen zu können. – Ein Kommentar von Kevin Hoffmann 

Dabei muss mindestens jeder und jede Sechste von uns den Urlaub auf „Balkonien“ verbringen, da es zum Wegfahren finanziell nicht reicht. Aber wirklich entspannend ist das tägliche Hocken in den eigenen Wänden sicher nicht. Millionen in Deutschland lebende Arbeiterinnen und Arbeiter kratzen deshalb jedes Jahr ihr Geld zusammen und fahren in vom industriellen Massentourismus überfüllte Urlaubsorte. Dabei bestimmt meist der Geldbeutel, ob es für einen Trip an die Nord- oder Ostsee, eine Woche „Ballermann“, den All inklusive-Urlaub in Ägypten oder den Roadtrip durch die USA reicht.

Flucht aus dem Alltag

Doch all dem gemein ist das Entfliehen aus dem Alltag: Ein paar Stunden oder Tage nicht an die alltäglichen Probleme denken. Den fälligen Kredit, den Stress mit dem Chef, die bevorstehende Mieterhöhung einfach einmal ausblenden.

Nachrichten im Urlaub gucken oder lesen? Besser nicht, dass verdirbt nur die gute Stimmung. –  Doch gelingt uns dieses Entfliehen überhaupt noch richtig? Können wir an den europäischen Mittelmeerstränden entspannen, während dort täglich die Leichen ertrunkener Flüchtlinge angespült werden? Macht es uns denn wirklich Spaß, zum Beispiel in Bulgarien am Strand zu liegen, wo wir wissen und sehen, wie die Menschen dort in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen schuften müssen? Bleiben die Türkei oder Ägypten unser Lieblingsurlaubsland trotz faschistischer Repression gegen jede Opposition und andere Meinungen? Oder zählen Menschenrechte, Meinungsfreiheit und ArbeiterInnenrechte nur für uns? Nur außerhalb der Urlaubssaison?

Den Widersprüchen können wir nicht entfliehen

Das auf Konkurrenz, Vereinzelung und Egoismus aufgebaute kapitalistische System, in dem wir leben und arbeiten, produziert genau die oben genannten Widersprüche. Es lässt uns zuerst an uns denken und drängt uns dazu, unser individuelles Glück in den Vordergrund zu rücken, auch auf Kosten von anderen. Gleichzeitig bringt es auch die Arbeits- und Lebensbedingungen hervor, die uns so stressen, dass wir uns nur mit einer kompletten Auszeit halbwegs regenerieren können. Natürlich ist deshalb nichts gegen einen erholsamen Urlaub einzuwenden, dass wäre ja auch bescheuert. Vielmehr geht es darum, auch im Urlaub und der Urlaubsplanung nicht die Probleme der Menschen vor Ort auszublenden oder sich mit Drogen oder vermeintlichen Unterhaltungsmedien zu betäuben. Wir sollten uns bewusst mit der Welt auseinandersetzen und die Voraussetzungen für gute Lebensbedingungen überall schaffen.

Sommer, Sonne, Sozialismus

Wer würde nicht gerne seinen Urlaub an einem Ort, in einem Land verbringen, in dem es keinen Krieg, keine Repression, Verfolgung und Diktatur, in dem es keine Ausbeutung und Unterdrückung gibt?

Wie schön könnte das Mittelmeer sein, wenn es nicht mehr Europas größtes Massengrab wäre. Wie schön könnte ein Urlaub sein, der nicht eine Flucht aus der Realität ist, die wir benötigen, um ein weiteres Jahr mit den Problemen und Krisen in Beruf, Familie und Gesellschaft klar zu kommen. Wenn er nicht das Mittel sein müsste, das wir brauchen, um aus unserer Depression, unserer Niedergeschlagenheit und Hetze im Alltag entfliehen zu können.

Der Kapitalismus wird uns einen solchen „freien“ Urlaub nicht ermöglichen. Deshalb muss der Kampf für eine andere Gesellschaft natürlicher Teil unserer Handlungen werden – auch im Urlaub.

Hier sollten wir die Auszeit von Arbeit und Alltag nutzen, um neue Orte, Länder und Kulturen kennen zu lernen, um Freundschaften, die im Alltag zu kurz gekommen sind, aufzufrischen. Wir sollten neue Eindrücke und Kraft für den Kampf um das Wohl und die Interessen unserer Klasse und der gesamten Gesellschaft sammeln. Dann wird auch die alte Parole „Sommer, Sonne, Sozialismus“ Realität werden und wir werden gemeinsame Lösungen für unsere heutigen Probleme finden.