10 Jahre Lehman-Pleite, die Ursachen und die Folgen – von Thomas Stark

Es ist der 15. September 2008. Die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers mit Sitz in New York muss Insolvenz beantragen. Die heftige Krise auf dem US-Immobilienmarkt seit dem Sommer 2007 hat ein Milliardenloch in die Bilanzen der Bank gerissen. Verzweifelte Versuche, die Investmentsparte des Unternehmens zu verkaufen, sind fehlgeschlagen. Am Ende lässt die US-Regierung Lehman Brothers fallen. Der damalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück soll zehn Jahre später im Interview mit dem Handelsblatt aussagen, er habe das vorher für „ausgeschlossen“ gehalten.

Die Lehman-Pleite bringt eine neue Eskalationsstufe in der Krise. Kurze Zeit später bricht der sogenannte Interbankenmarkt zusammen: Die Banken geben sich gegenseitig keine Kredite mehr. In einer Welt, in der alle Unternehmen auf kurzfristige Kredite angewiesen sind, bedeutet das den Super-GAU: Weltfirmen wie der US-Industriegigant General Electric können sich kein Geld mehr für Rohstoffankäufe und Lohnzahlungen leihen. In Deutschland gerät die Bank Hypo Real Estate ins Straucheln und muss wenig später verstaatlicht werden.

Wer bis jetzt noch nicht gemerkt hatte, wie ernst die Lage ist, sollte Kanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbrück am 5. Oktober 2008 genau zuhören: „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlagen sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“ – so die Worte auf einer kurzfristig einberufenen sonntäglichen Pressekonferenz. Sie sollen einen Sturm der Bevölkerung auf die Banken abwenden. Ein politischer Bluff, denn es ist völlig unklar, ob die Regierung die Lage unter Kontrolle bringen kann: „… es gab auch Momente, da dachte ich, es entgleitet uns.“, wird Steinbrück zehn Jahre später zugeben.

Was damals folgte, war die schwerste, weltweite Wirtschaftskrise in der Geschichte des Kapitalismus.

Woher kam die Krise?

Das Drama, das sich damals zuerst an den Finanzmärkten abspielte, hatte seine Ursache in der realen Wirtschaft, nämlich in einer Überproduktionskrise auf dem Häusermarkt – nicht nur in den USA, sondern auch in Irland, Großbritannien, Spanien, Osteuropa.

Überproduktionskrisen treten im Kapitalismus gesetzmäßig und regelmäßig auf: Der Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung sind unter kapitalistischen Bedingungen enge Schranken gesetzt. Wenn mehr Waren produziert worden sind, als es zahlungsfähige Nachfrage gibt, können diese nicht mehr verkauft werden. Der Handel bricht ein. Unternehmen fahren die Produktion herunter und setzen ihre Beschäftigten auf die Straße. Firmen gehen pleite. Während sich die Überschüsse unverkäuflich in den Lagern stauen, kann die Bevölkerung ihren Lebensbedarf nicht mehr decken. Der Widerspruch zwischen gesellschaftlicher Produktion und der privaten Aneignung der Erzeugnisse durch die Kapitalisten eskaliert.

Das Eintreten der Überproduktionskrise kann durch die Vergabe von immer mehr Krediten für eine begrenzte Zeit hinausgezögert werden – was heute die Regel ist. Der große Knall kommt dafür irgendwann umso heftiger. In den 2000er Jahren erlebte das Geschäft mit Immobilienkrediten einen Boom. Die Zinsen waren niedrig. Banken ermunterten auch Leute, die sich eigentlich kein Haus hätten leisten können, eines auf Pump zu kaufen. Die Rede ist von „Subprime“-Krediten (deutsch: „zweitklassige“ Kredite). Die Immobilienpreise schossen nach oben, die Subprime-Kredite ebenso.

Auf der Jagd nach Anlagemöglichkeiten ist das Kapital erfinderisch: Die hochriskanten Kredite wurden zu Wertpapieren gebündelt und an den Finanzmärkten gehandelt. Die Stimmung an den Börsen war spitze – bis die Zinsen durch die Notenbanken irgendwann nach oben korrigiert werden mussten. Die Zahlungen der Hauskäufer an die Banken wurden immer teurer. Massenhaft konnten Kredite nicht mehr zurückgezahlt werden. Die Banken sahen ihr Geld nicht wieder. Massenhaft wurden Häuser verkauft. Die Preise fielen. Die Stimmung an den Börsen kippte. Das Spiel war aus…

Was waren die Folgen?

Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat die Entwicklung der Weltwirtschaftskrise in seinem kürzlich erschienenen Buch „Crashed“ im Detail aufgearbeitet. Im Interview mit dem Deutschlandfunk hat er die dramatischen Folgen des Immobiliencrashs geschildert: In den USA hätten zehn Millionen Familien ihre Häuser verloren, darunter vor allem Afro-AmerikanerInnen und Hispanics, die aus besseren Gegenden zurück in die Ghettos von Städten wie Cleveland getrieben worden seien: „Es ist die größte erzwungene Bevölkerungsbewegung in Amerika seit den 30er- Jahren.“

In Spanien, das vor der Krise das Zentrum des europäischen Immobilienbooms war, habe der Crash besonders heftig eingeschlagen: Sechzig Prozent der in der Eurozone neu dazugekommenen Arbeitslosen seien SpanierInnen. Einer ganzen Generation von jungen Europäern sei der Zugang zum Arbeitsmarkt verbaut worden. Am stärksten jedoch hätten die osteuropäischen Staaten gelitten: Die baltischen Staaten, Ungarn, die Ukraine hätten plötzlich keine ausländischen Kredite mehr bekommen, Schulden konnten nicht mehr zurückbezahlt werden, die Wirtschaft in diesen Ländern schrumpfte: „Ukraine ist die Volkswirtschaft, die am allermeisten mitgenommen wird von der Krise.“

Und heute?

Der Zusammenbruch der Wirtschaft in vielen Ländern der Welt, die Spardiktate durch IWF, Weltbank und EU, Massenarbeitslosigkeit, globale Protestbewegungen, aber auch der Putsch in der Ukraine von 2014 und der anschließende Krieg im Osten des Landes, der bis heute andauert – es ist keine Übertreibung, einen Zusammenhang zwischen all diesen Ereignissen festzustellen. Noch immer leiden Milliarden Menschen auf der Welt unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise.

Und es gibt immer mehr Ökonomen, die vor einem nächsten, noch größeren Krisenausbruch warnen – sind die Zinsen heute doch noch niedriger und die Schulden noch viel höher als vor zehn Jahren. Wirtschaftshistoriker Tooze sieht die größten Risiken aktuell in den sogenannten Schwellenländern und in China: „Und wie eine kommende Krise in China gemeistert werden würde, eine Wirtschaft, die mittlerweile wirklich sehr intensiv mit dem Westen vernetzt ist, das ist, glaube ich, wirklich das große Fragezeichen.“

Die nächste Pleite à la Lehman – früher oder später wird sie kommen. Ob ein Versprechen von sicheren Spareinlagen dann noch geglaubt wird, darf jedoch in Frage gestellt werden …