Einer der wichtigsten australischen Literaturpreise geht in diesem Jahr an Behrooz Boochani, einen kurdischen Journalisten aus dem Iran. Seit 2013 lebt er wie in einem Gefängnis auf einer abgelegenen Pazifikinsel vor Australien. Er schreibt über seine Flucht, die Unterdrückung auf der Insel, die Sehnsüchte der Geflüchteten, die Australien nicht hinein lässt. Es ist die Geschichte tausender Geflüchteter – wie auch von mir. – Ein Kommentar von Mariya Kargar

Seine Texte hat er per WhatsApp geschrieben und im PDF-Format rausgesendet. Er hat die Seiten seines Buches mit dem Handy geschrieben, weil Papier und Hefte der Flüchtlinge von der Polizei zerrissen wurden.

In seinem Buch „No friend but the mountains: Writing from Manus“ (Kein Freund außer den Bergen) schreibt der iranische Geflüchtete Behrooz Boochani über seine Zeit auf der Insel Manus vor Australien. Auf dieser Insel leben viele Geflüchtete aus verschiedenen Ländern, die mit Booten versucht haben, ins Nachbarland Australien zu kommen. Laut ÄrztInnen und Menschenrechts-AktivistInnen sind die Bedingungen für die Geflüchteten dort sehr schlecht und menschenwidrig.

Nun hat der Schriftsteller den australischen „Victorian Premier Literary Award“ für seinen Buch erhalten. Der Preis ist mit umgerechnet etwa 63.500 Euro dotiert. Boochani kann ihn jedoch nicht persönlich entgegennehmen, da er als Asylbewerber die Insel nicht verlassen darf.

Die Heuchelei des Kapitalismus

Es ist eine krasse Heuchelei: Auf der einen Seite verursachen die Kapitalisten Krieg, Hunger, Arbeitslosigkeit und Flucht. Diese Monster nehmen Millionen von Menschen die Heimat, Familie, Arbeit und Sicherheit, sodass sie sich auf den Weg hin zu einem unbekanntem Schicksal machen müssen. Auf der anderen Seite bekommen dann der eine oder die andere einen Preis von ein paar Tausend Euro, wie jetzt Behrooz Boochani oder auch die Jesidin Nadia Murad.

Nadia und der Nobelpreis

Aber was kosten die körperlichen und seelischen Verluste von Behrooz und von hunderttausenden weiteren Flüchtlingen denn eigentlich? Kann man für die Ängste, die Schlaflosigkeit, die Sehnsucht und den menschlichen Stolz, der jeden Tag durch unmenschliche und rassistische Verhältnisse von den Mitarbeitern, Wachen, Polizei, Ärzte erniedrigt wird, einen Preis nennen?

Flucht durch die Hölle

Auch ich war in der gleichen Position wie Behrooz – Eine allein reisende, politisch verfolgte Journalistin, die ihr zweijähriges Kind bei den Großeltern des Vaters verlassen hat, um eine sichere Ecke für das Kind zu finden.

Eine Frau unter 13 geflüchteten Männern, die ihre langen Haare abschnitt und sich wie ein Junge verkleidete. Die sich ihre Brüste mit einem Schal wegpresste, damit ihre weibliche Schönheit ihr Leben nicht mehr in Gefahr bringt – alles, damit sie sich vor den grausamen Händen der Schleuser ein bisschen schützen konnte.

30 Nächte konnte ich vor Angst nicht schlafen. Von einer Grenze zu einer anderern habe ich tausendmal den Tod angefasst, aber bin nicht gestorben. Die Grenze, die Polizisten, die Kälte waren meine Feinde. Und wenn man als Geflüchtete die Feinde besiegt und in der Hölle überlebt, dann kommt man endlich in ein europäisches Land oder nach Amerika oder Kanada oder Australien – und ich kam in Deutschland an.

Der Schmerz kann schwer in Worte gefasst werden

Ich hatte das Glück zu überleben und landete in Deutschland. Fast ein Jahr habe ich in Asylbewerber-Heimen in Halberstadt und Magdeburg gelebt. Dort bin ich jeden Abend zur Verteidigung gegen Belästigungen der osteuropäischen Männer mit einem Messer in der Hand zur Toilette und zum Duschen gegangen. In der Nacht musste mich immer meine Mitbewohnerin zur Toilette begleiten, weil ich wusste, dass die Wache sich nicht um die Sicherheit der Einwohner im Heim kümmern würde und kein Interesse daran zeigte.

Ich kenne die Hilflosigkeit, die Einsamkeit, die Isolation, die Sehnsucht nach Familie, nach Respekt, nach Liebe und Frieden eines Flüchtlings wie Behrooz Boochani auf einer isolierten Insel. Ich kenne seine Ängste, seine Schmerzen, die er als Journalist mit einem Stift und einem Heft in Worte legen und mitteilen kann. Aber kann jeder Flüchtling seine Schmerzen mit Worten beschreiben und veröffentlichen?

Und können Worte wirklich beschreiben, wie tief die Wunden der Flucht sind, oder wie schmerzhaft die Wartezeit nach einer Anhörung ist, wie grausam die Angst ist, dass man hofft, dass das eigene Schicksal nicht in die Hand eines Rassisten fällt?

Können Worte beschreiben, wie die Erniedrigungsgefühle sind, wenn man in jedem Laden als Diebin angesehen wird, wenn man auf der Straße, im Zug, in der Straßenbahn, auf verschiedenen Ämtern gehasst und verteufelt wird und die Sprache nicht gut genug spricht, um sich verteidigen zu können? Oder kann man für die Schmerzen dieser Menschen einen Preis nennen? Natürlich nicht.

Nur der Kampf gibt uns Hoffnung

Die Erlebnisse, die im Buch von Boochani und jedem Tagebuch von Flüchtlingen geschrieben stehen, haben sie ihre Lebenszeit, ihre Familie, ihre Freiheit, ihren Stolz und ihr Lächeln gekostet. Hinter jedem Wort eines Buches steht eine tiefe Wunde, die nie im Leben geheilt werden wird.

Doch es gibt immer Hoffnung. Eine Hoffnung, welche die halbe Menschheit trotz vieler Barbareien der herrschenden Klasse nicht verloren hat. Die Geschichte der Menschheit ist eine lange Geschichte vom großem Krieg zwischen zwei Klassen. Einer Klasse, die versucht, immer alles zu kaufen und zu verkaufen und zu jedem Preis und jedem Mittel, die seine Interessen beschützen. Und einer anderen, der unterdrückten Klasse, welche die ganze Zeit versucht, durch Kampf ihr geklautes Leben und ihre Rechte wieder zurück zu bekommen.

Die Hoffnung ist nur der Klassenkampf, der Kampf hat uns als Unterdrückten die Kraft zum Überleben gegeben. Der Kampf für eine Welt, in der es keine Klassen gibt, keinen Hunger, keinen Krieg, keine Flucht, keine Ungleichheit. Eine Welt, in der es keinen Preis für menschliche Würde gibt.