Am 15. März haben Millionen Menschen in 1.700 Städten von 106 Ländern am weltweiten Klimastreik unter der Motto „Fridays for Future“ teilgenommen. Nun müssen sich die Proteste weiterentwickeln. – Ein Kommentar von Pa Shan

Inspiration von Millionen weltweit

Greta Thunberg, die 16-Jährige Schwedin, die die Klimastreiks vor einem halben Jahr im Alleingang begründete, wird in ihrem Anliegen mittlerweile von Millionen Menschen weltweit unterstützt. Sie scheint den Zeitgeist getroffen zu haben.

Zuletzt hatten sich über 16.000 WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit den Streikenden solidarisiert. Eine Petition der Beteiligten wurde unter dem Label „Scientists for Future“ im Internet veröffentlicht. Die WissenschaftlerInnen erklären darin: „Nur wenn wir rasch und konsequent handeln, können wir die Erderwärmung begrenzen, das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten aufhalten, die natürlichen Lebensgrundlagen bewahren und eine lebenswerte Zukunft für derzeit lebende und kommende Generationen gewinnen. Genau das möchten die jungen Menschen von ‚Fridays for Future/Klimastreik‘ erreichen. Ihnen gebührt unsere Achtung und unsere volle Unterstützung” (Link). In der Tat erhielten die SchülerInnen nun größere Unterstützung.

Die Zahlen sprechen für sich

Nicht nur solche Argumente, sondern schon die Zahlen sprechen für sich: Allein in Deutschland haben mehr als 300.000 Menschen an den gestrigen Protesten in 230 verschiedenen Städten teilgenommen. In Berlin sollen es bis zu 30.000 gewesen sein, in Köln und München jeweils 10.000, in Kiel 7.000, in Freiburg 6.000, in Hamburg 4.000, in Frankfurt 5.000, in Hannover mehrere Tausend, in Leipzig 1.500, in Cottbus und Siegburg, wie auch vielen anderen Ortschaften einige Hundert (Link).

Auch protestierten dieses Mal einige Hunderttausend Menschen in Millionenstädten wie Paris, Neu Dheli, Hong Kong oder Bangkok gegen die fahrlässige Klimapolitik praktisch aller Regierungen. In den USA ist die Rede von 400 Protestaktionen in allen 50 Bundesstaaten (Link).

Zunehmendes Verständnis in der Bevölkerung, Unverständnis der Eliten

In Deutschland beteiligten sich an den „Fridays for Future“ anfangs fast ausschließlich SchülerInnen, sodass von „Schulstreiks“ die Rede war, weil die SchülerInnen Greta Thunbergs Beispiel folgend freitags den Unterricht bestreikten. Mittlerweile haben sich auch studentische Ableger („Students for Future“), Elterngruppen („Parents for Future“) und einzelne LehrerInnen angeschlossen.

Die „Fridays for Future“ sind zu einer weltweiten Bewegung der selbstbewussten Jugend und ihrer UnterstützerInnen gegen die Verantwortungslosigkeit der Klima- und Umweltzerstörer aller Länder geworden.

Währenddessen verkünden Teile der Eliten ihren Widerstand gegen die protestierende Millionenmasse. Christian Lindner, der FDP-Politiker, der vor einigen Jahren noch damit warb, dass er die heutige Jugend besonders ernst nähme, kritisierte diese auf äußerst herablassende Weise: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen.“ Das sei „eine Sache für Profis“.

Doch wer sind die sogenannten „Profis“? Etwa unsere unfähigen Politiker, die das Klima trotz besseren Wissens seit Jahrzehnten weiter zerstören? Oder sind „Profis“ diejenigen, die den menschlich verursachten Klimawandel gänzlich leugnen? Oder sind die Konzernchefs „die Profis“, weil sie am besten wissen, wie sie trotz Umweltzerstörung die größten Profite machen? Wenn das „die Profis“ sein sollen, dann haben sie ihre Hausaufgaben in Sachen Umweltfragen nicht gemacht.

Wieso zitieren die Lindners dieser Welt nicht die Petition der 16.000 WissenschaftlerInnen, die sich eindeutig auf die Seite der Klimastreikenden gestellt haben? Die Eliten zeigen ihr Unverständnis für die Sache der Streikenden und wollen diese sogar für ihr Engagement bestrafen. Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) ließ z.B. besserwisserisch verkünden: „Niemand verbessert die Welt, indem er die Schule schwänzt“ (Link).

Streiken alleine reicht nicht!

„Wir streiken bis ihr handelt!“ – Perspektiven des Klimastreiks

Auf die ignoranten Kommentare seitens SPD und FDP kann die Jugend verzichten. Spannend sind die möglichen Perspektiven in nächster Zeit. Offenbar vermittelt gerade die Tatsache, dass die Klimastreiks an Schultagen stattfinden und damit ziviler Ungehorsam sind, das Bewusstsein, dass die Streikenden gegen große Widerstände ankämpfen müssen. Das ist gut so! Die Klimastreiks müssen auf zivilem Ungehorsam beruhen, sonst werden sie nicht wahrgenommen und als Freizeitgestaltung belächelt.

Ein Motto der Klimastreikenden ist: „Wir streiken bis ihr handelt!“ Wenn es die Streikenden ernst meinen, müssen sie damit weitermachen, selbst wenn ihnen Strafen angedroht werden. Je länger die Jugend für ihr Recht auf eine lebenswerte Zukunft streikt, desto mehr Unterstützung wird sie bei den Erwachsenen finden.

Dafür hat die Bewegung bereits ein neues Etappenziel. Ende Mai werden die Streikenden die Europawahlen nutzen, um sich Gehör zu verschaffen. Aus den Reihen der Streikenden wird bereits verkündet: „Wählt keine Partei, die keine klare Antwort auf den Klimawandel hat!“ Das zeigt, dass diese Jugend sich darüber im Klaren ist, dass Umweltpolitik bewusst angegangen werden muss. Bis dahin soll die Bewegung noch weiter anwachsen. Die deutsche Internetplattform von „Fridays for Future“ bietet momentan bereits Möglichkeiten, sich zu vernetzen (Link).

Und zumindest verbale Zugeständnisse durch die alten Eliten werden die jungen Streikenden früher oder später erzwingen können. Die Eliten werden sich einen ökologischen Mantel geben, um gewählt zu werden.

Sicher wird auch diese Bewegung mit der Zeit abflauen, wie schon viele Bewegungen zuvor. Das alleine ist nicht schlimm. Wichtig ist, dass die SchülerInnen politisiert aus der Sache herausgehen und dass sich möglichst viele von ihnen organisieren, um ihrem Anliegen langfristig Gehör zu verschaffen. Noch wichtiger ist, dass sich ein Bewusstsein über die tieferen Ursachen der Umweltzerstörung entwickelt. Denn die früheren Generationen haben allesamt ihre Hausaufgaben nicht gemacht, egal ob „Profi“ oder nicht. Sie haben dem Kapitalismus zur Ausbeutung der Umwelt genutzt. Die zukünftigen Generationen müssen vor allem gegen den Kapitalismus und für seine Überwindung kämpfen. Und aus dem Motto „Wir streiken bis ihr handelt!“ muss die Losung werden: „Wir bauen unsere eigene neue Gesellschaft ohne Umweltzerstörung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen auf!“

[paypal_donation_button align=“left“]