In der Schule lernen wir, dass man sich nur genug anstrengen und die Bildungsangebote unserer Lehrerinnen und Lehrer nutzen müsse, damit es einem später besser geht. Doch bringt Bildung automatisch Wohlstand? – Ein Kommentar von Felix Thal

Der erste Bundesminister für Wirtschaft, Ludwig Erhard, wird in der bürgerlichen Geschichtsschreibung als der Vater der Sozialen Marktwirtschaft und des Deutschen Wirtschaftswunders betrachtet. 1957 veröffentlichte er ein Buch, das den Titel trug: „Wohlstand für Alle“. Dieses geflügelte Wort wurde zu dem Heilsversprechen der jungen Bundesrepublik, dass gemeinsame Wirtschaftsleistung und gemeinsamer Wettbewerb das Leben aller verbessern würde.

In dem Buch schrieb Ludwig Erhard aber zusätzlich, dass der Wohlstand allein den Menschen nicht Glück und Zufriedenheit geben könne. Gesellschaftlicher Frieden und Zusammenhalt würde mehr bedeuten. Trotzdem griffen Politikerinnen und Politiker diese Idee auf, dass jede Person im Kapitalismus zu Wohlstand kommen könne. Da sich dieses Versprechen nicht halten ließ, formte es sich vom damaligen „Wohlstand für Alle“ zum heutigen „Bildung für Alle“.

„Jeder ist seines Glückes Schmied“

In Deutschland ist der Besuch einer Schule kostenlos. Von der ersten bis zur zehnten Klasse herrscht Schulpflicht und viele Universitäten erheben keine oder geringe Studiengebühren. Man könnte meinen, die Bildung für alle sei erreicht. Doch für welch ein Leben lernen wir?

In vielen Kindergärten können Kleinkinder Englischunterricht besuchen, in dem sie spielerisch die zweite Sprache erlernen können. Grundsätzlich eine tolle Idee, doch spricht man mit deren Eltern, warum sie ihren Kindern solch eine Frühbildung angedeihen lassen, erhält man eine verblüffende Antwort: Nicht der Erwerb einer neuen Sprache und die Öffnung des eigenen Horizonts stehen im Vordergrund, sondern die bestmögliche Vorbereitung auf den späteren Arbeitsmarkt.

„Mein Kind soll es mal besser haben“

Bildung verkommt in diesem Zusammenhang zu dem Selbstzweck, den perfekten Arbeiter oder die perfekte Arbeiterin zu schaffen. Das Ziel soll sein, dass „mein Kind“ die besten Startvoraussetzungen besitzt, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen.

Dabei spielt es keine Rolle, wie es den Kindern anderer Familien geht. Dieser Gedanke der Vereinzelung wird von Schule und Politik immer wiederholt und steht einer solidarischen Gesellschaft entgegen.

„Du bist selbst dran Schuld“

Schule wie Berufsschule verdeutlichen immer wieder, dass das Lernen unseren späteren Berufseinstieg vereinfachen würde. Ergreift man später einen nicht so gut bezahlten Beruf, scheint es so, als habe man sich nicht genug angestrengt. Das Versagen des Einzelnen wird seiner vermeintlichen Unfähigkeit zugesprochen. Oder die Person habe nicht die Bereitschaft gezeigt, in der Schule genug zu lernen und die bestmögliche Bildung zu ergreifen.

Das kapitalistische System verschleiert hierbei, dass es nicht vorgesehen und nicht möglich ist, dass alle einen gut bezahlten Beruf ergreifen. Der Kapitalismus besteht aus einer Pyramide, an deren Spitze nur wenige Menschen sitzen können. Über die Bildung streiten und bekämpfen sich die Menschen, wer diese Spitze besetzen soll. Dass dabei viele untergehen, ist Nebensache.

In einer solidarischen Gesellschaft sollten das gemeinsame Lernen und die Bildung aller nicht dem Einzelnen zum Vorteil gereichen, sondern als eine gesamtgesellschaftliche Verbesserung begriffen werden.