Seit fast vier Jahren läuft ein Verfahren gegen den Fußball-Funktionär Franz Beckenbauer. Er soll an Korruption rund um die Vergabe der Fußball-WM 2006 beteiligt gewesen sein. Doch nun – kurz vor dem Beginn des Prozesses – könnte Beckenbauer davon kommen. Denn seine Anwälte haben ärztliche Atteste vorgelegt, dass „Lebensgefahr“ bestünde, wenn sich Beckenbauer „aufregen“ würde. Selbst Ex-Kollegen trauen dem nicht. Vor allem ist es ein weiterer Fall, der zeigt: Reiche und Sternchen kommen in diesem System ungeschoren davon. – Ein Kommentar von Tim Losowski

Es ist schon erschreckend, wie Beckenbauer sich bisher durchmogeln konnte:

  • 2002 organisierte Beckenbauer zusammen mit dem Fußball-WM-Organisationskomitee eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro an eine Firma des früheren FIFA-Funktionärs Mohamed bin Hammam in Katar. Geholfen hatte ihm dabei der frühere Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus. Dieses Geld wurde möglicherweise zur Bestechung im Zuge der WM-Vergabe 2006 an Deutschland genutzt.
  • 2005 zahlte das Organisationskomitee das Geld dann verschleiert an Louis-Dreyfus zurück.
  • Erst 2015 – zehn Jahre später – geriet Beckenbauer unter Druck – durch einen Bericht des Magazins Spiegel über die dubiosen Zahlungen.
  • Ende 2015 erhob dann die schweizer Bundesanwaltschaft Klage wegen Verdachts auf Betrug, ungetreue Geschäftsbesorgung, Geldwäscherei und Veruntreuung. Die Ermittlungsakte sieht in Beckenbauer einen wesentlichen Drahtzieher eines Stimmenkaufs für die WM-Entscheidung.

Doch auch jetzt im Jahr 2019 – wieder fast vier Jahre später – ist es noch immer zu keiner Anklage gekommen!

Darf sich „nicht aufregen“

Und nun das: Beckenbauers Verfahren soll vom Rest des Verfahrens „abgetrennt“ werden. Der Grund: seine Ärzte bescheinigen ihm, er dürfe sich „nicht aufregen“, da dies „Lebensgefahr“ bedeute. Tatsächlich hat er zwei Herz-Operationen hinter sich. Doch selbst seinen ehemaligen Weggefährten des DFB ist das zu wenig. Sie fordern ein neutrales Gutachten an.

Ihre Begründung: Beckenbauer ist in den letzten Monaten mehrfach öffentlich aufgetreten. Erst vor zwei Wochen eröffnete er das nach ihm benannte jährliche Golfturnier, den „Kaiser-Cup“, im bayerischen Bad Griesbach. Laut Spiegel hielt Beckenbauer dort eine „launige Rede“ und vollzog die Eröffnung mit einem Böller-Salutschuss aus einer alten Kanone.

Schon im April 2020 verjähren die Vorwürfe. Dass Beckenbauer mit seinen Taten ungeschoren davon kommen wird, ist also durchaus wahrscheinlich.

Gilt nicht für Arme

Solche Tricks und Winkelzüge sind nur den Reichen vorbehalten,

  • oder kann sich jemand vorstellen, dass ein Zwangsräumungsverfahren wegen Mietrückständen ausgesetzt würde, nur weil sich die Betroffene Mieterin sich „nicht aufregen“ dürfe?
  • oder eine Abschiebung ausgesetzt würde, weil dies zuviel „Aufregung“ für die Geflüchteten bedeuten würde?
  • oder eine Verjährung bei einem Verfahren gegen einen Arbeiter, der sich an einer wilden Streikaktion beteiligt hat, zugelassen wird?

Wer sich hochbezahlte Anwälte und Ärzte leisten kann, kann vielleicht wie Beckenbauer herumtricksen. Doch für die Mehrheit der Menschen gilt dies nicht. Für sie gilt weiterhin das alte Sprichwort: Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen.