Das Geschäft mit Meditationsmethoden, Achtsamkeit und Entspannungsverfahren boomt. Wie reaktionär und systemkonform das ist, erkennt man oft erst auf den zweiten Blick. – Ein Kommentar von Florian Knop

„Meditieren macht leistungsfähiger (auch US-Marines tun es!)“ las ich jüngst in einem Lifestyle-Forum. Eine Krankenkasse empfahl mir in einem Werbeprospekt: „(…) stärker durchs Leben und die Berufswelt zu gehen.“ Auch das Angebot in der Welt der Apps ist diesbezüglich gigantisch. So beschreibt sich die App „Way of Life“, die sich zur Aufgabe gemacht hat, für eine bessere „Work-Life-Balance“ ihrer Nutzer zu sorgen, folgendermaßen selbst: „Die App sammelt ständig Informationen über Ihre Aktivitäten und bietet Ihnen damit die Möglichkeit, positive und negative Entwicklungen in Ihrem Lebensstil zu erkennen und sich rasch Fragen zu beantworten wie „Schlafe ich genug?“ oder „Wie viel Fast Food esse ich im Durchschnitt?“.

Worüber gibt all das Auskunft? Zunächst wohl darüber, dass es aus Sicht der Erfinder dieser Angebote definitiv anzustreben ist, stärker und leistungsfähiger zu werden. Ziel und Zweck dieser Inhalte werden nicht in Frage gestellt. Es geht nur noch um das „Wie“. Darüber hinaus entlarvt sich eine App, die von „Work-Life-Balance“ redet, dadurch, dass da ja wohl vorher irgendetwas in Disbalance geraten ist, das nun wieder mühsam mit einem kostenpflichtigen Programm repariert werden muss.

Was ist der Ausweg aus Leistungsdruck und Konkurrenz? – von Lisa Alex

Woher kommen Stress, Unzufriedenheit und Unsicherheit?

Aber warum sind eigentlich so viele Menschen gestresst, im Ungleichgewicht oder unzufrieden, so dass sich mittlerweile ein Multimillionenmarkt für Achtsamkeits- und Entspannungsprogramme entwickelt hat? Wir leben in Zeiten, in denen der Kapitalismus ständig steigenden Arbeitsdruck, Selbstausbeutung und krank machende soziale Verwerfungen hervorbringt. Ist es wirklich so weit hergeholt, dass die Ursachen für Unzufriedenheit und Stress-Erkrankungen hierin zu suchen sind?

Wenn dies stimmen sollte, interessiert es die Erfinder und Förderer solcher Programme jedenfalls nicht. Für gesellschaftliche Probleme haben diese immer nur individuelle Lösungen parat. Und das hat System. Ich erinnere mich noch gut, dass vor einigen Jahren, als ich in einer psychiatrischen Einrichtung tätig war, unsere Fallzahlen erhöht wurden und gleichzeitig Personal gestrichen wurde. Als Kompensation wurden uns damals sogenannte „Oasentage“ angeboten. Hier konnten wir Meditation und Entspannung erlernen. Ich hab mich damals schon gefragt, ob ich meine Zeit nicht besser damit hätte verbringen sollen, einen Streik mit meinen KollegInnen zu organisieren. Doch das Ausblenden von der gesellschaftlichen, politischen Sphäre und die Ablenkung hin zum Individuum, liegen in der DNA solcher Verfahren. Und das ist ihr reaktionärer Kerngehalt.

„Der besonders anfällige Leib- und Seelenapparat der Mensch-Maschine soll wieder flottgemacht werden, und dass dies mittels spirituell entkernter Selbsttechniken ganz gut gelinge, wollen inzwischen sogar immer mehr Studien beweisen und Unternehmen ausnutzen“, so der Philosoph Philip Kovce in einem Beitrag für Deutschlandfunk Kultur. Und Unternehmen würden nicht in solche Methoden investieren, wären sie nicht effektiv  – effektiv im Sinne des Kapitalismus versteht sich: „Wenn also beispielsweise der Waffenlobbyist dank Meditation weniger Bauchschmerzen und der Versicherungsvertreter dank Achtsamkeit noch mehr Kunden um den Finger gewickelt hat, dann scheint die gelungene Selbstoptimierung für Wirtschaft und Wissenschaft erwiesene Sache“, meint Kovce.

In Goethes „Maximen und Reflexionen“ heißt es: „Alles, was unsern Geist befreit, ohne uns die Herrschaft über uns selbst zu geben, ist verderblich.“ Bezogen darauf machen die von Unternehmen gepushten Achtsamkeitsmethoden den Eindruck, als würden sie die Ausbeutungsrate mittels subtiler Psychotechniken nur noch weiter verschärfen, also die Herrschaft über das Selbst der Meditierenden weiter einschränken. Auch Bewusstseinsforscher Thomas Metzinger meint, dass die Achtsamkeitspraxis im Rahmen einer kapitalistischen Verwertungslogik „eigentlich nur noch eine Form von Selbstoptimierung“ ist und nennt im Gespräch mit dem Deutschlandradio exemplarisch „Anwendungen beim Militär zum Beispiel – der achtsame Scharfschütze, der dadurch effektiver wird.“

Psychisch Kranke, vereinigt euch!

Selbstoptimierung zur Profitmaximierung

Wenn die Deutsche Bank und die EZB mit Mediationsgruppen für Führungskräfte experimentieren, wenn die „Harvard Business School“ Kurse für „Mindful Leadership“ (achtsame Führung) anbietet und wenn der Milliardenkonzern Facebook „Compassion research days“ (Tag der Mitgefühlsforschung) einführt, kann man sich ungefähr ausmalen, wie systemkonform, ja sogar systemstabilisierend der Achtsamkeitshype sein kann.

Das System, in dem wir leben, heißt Kapitalismus. Dieser hat in der BRD der letzten 30 Jahre noch mal rapider für wachsende soziale Ungleichheit und Armut gesorgt. Neoliberale Reformen haben den erkämpften Sozialstaat demoliert. Sichere soziale Bindungen und Verlässlichkeiten werden etwa durch eine Schleifung des Kündigungsschutzes, unsichere Leih- und Zeitarbeit oder etwa das menschenverachtende Hartz 4-System zerstört. Die Einsamkeit und Vereinzelung nimmt zu. Das Ganze bleibt nicht folgenlos. Laut Barmer-Report ist jeder vierte junge Erwachsene in Deutschland von einer psychischen Erkrankung betroffen. Zwischen 2005 und 2016 ist der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit der Diagnose „Depression“ um 76 Prozent gestiegen. Das Geschäft mit Antidepressiva und angstlösenden Medikamenten ist in den letzten Jahrzehnten in Milliardenhöhe gestiegen.

Die bürgerliche Psychotherapie klammert die sozialen und ökonomischen Bedingungen, unter denen solche Störungen gedeihen, meistens systematisch aus. Das gilt auch für jene TherapeutInnen, die auf Achtsamkeit setzen. Daran, dass wir in einem zutiefst ungerechten, kapitalistischen System leben, wird Achtsamkeit aber nichts ändern.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn jemand nach einem gestressten Arbeitstag meditiert. Ich habe nichts dagegen, wenn eine alleinerziehende Mutter um sich zu erholen, am Wochenende einen Yogakurs macht. Auch wäre es arrogant und falsch, einem Menschen, der unter einer Angst- und Panikstörung leidet, die Achtsamkeitspraxis zu verbieten, wenn diese ihm helfen, die Symptome zu lindern. Problematisch wird es aber an der Stelle, wo sich KollegInnen eines ausbeuterischen Konzerns für die Gründung einer Meditationsgruppe, statt eines Betriebsrates entscheiden, oder die gestresste alleinerziehende Mutter ihr Seelenheil nur noch in Mediation oder gar Esoterik sucht, anstatt für die Frauenrechte zu streiten.

Das Getriebe um Achtsamkeit, Mediation und Entspannungsverfahren lädt sehr subtil dazu ein, nur die Symptome gesellschaftlicher Missstände zu lindern und zu verdecken. Das gilt es zu entlarven.

Die Lösung heißt Widerstand statt Selbstoptimierung.