Das Bild der hart arbeitenden Trümmerfrau, die selbstlos Schutt und Gestein beiseite räumte, ist in Museen, Schulbüchern, Fernsehen und politischen Diskussionen präsent. Doch stimmt diese kollektive Erinnerung deutscher Geschichte? – Ein Kommentar von Felix Thal

Leonie Treber veröffentlichte bereits 2014 ihre Dissertation „Mythos Trümmerfrau. Von der Trümmerbeseitigung in der Kriegs- und Nachkriegszeit und der Entstehung eines deutschen Erinnerungsortes“, in der sie die Erzählung der heldenhaft arbeitenden Trümmerfrauen widerlegt.

Noch während des Krieges wurden Aufbauleistung und Schuttbeseitigung zum großen Teil von Zwangsarbeitern, KZ-Insassen und Kriegsgefangenen verrichtet. Eine Arbeit, die von der deutschen Bevölkerung nicht geleistet wurde. Mit dem Ende des Krieges und der Kapitulation des faschistischen Deutschlands, wurden zu Beginn ehemalige NSDAP-Mitglieder zum Arbeitseinsatz gezwungen. Unter diesen Personen befanden sich auch Frauen.

Später wurden vor allem Arbeitslose in allen Besatzungszonen zur Arbeit herangezogen. In Berlin und in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) bildeten Frauen eine Mehrheit, da ein anfänglicher Männermangel vorlag.

Unterschiede in Ost…

Zweifellos haben Frauen ihre Arbeit in der damaligen Zeit geleistet, doch war das Bild der Trümmerfrau vielmehr eine „Medienkampagne“, die die Bevölkerung zur stärkeren Mitarbeit motivieren und das Stigma der Zwangsarbeit beseitigen sollte. Zum Teil wurden Frauen vor der Arbeit geschminkt oder mit funktionstüchtiger Kleidung ausgestattet. Auch Lebensmittelmarken sollen zur Anwerbung ausgegeben worden sein.

Bis 1949 entwickelte sich das Bild der Trümmerfrau vor allem in Berlin und in der SBZ. Auf Grund der Reparationsleistungen lag ein Mangel an schwerem Gerät in der SBZ vor. Daher war der Einsatz der Bevölkerung von größerer Bedeutung, und das neue sozialistische Frauenideal wurde gezielt aufgebaut.

Seit den 1950ern wurde in der DDR dann genau dieser Prototyp in den Feiertagen (Internationaler Frauentag, Tag der Arbeit, Tag der Befreiung) reproduziert und ausgebaut, um die friedliche Aufbauarbeit zu feiern. Auch wurden durch die positive Würdigung der Aufbauleistungen Frauen dazu motiviert, sich in die Bauwirtschaft und in den Arbeitsmarkt einzufügen.

…und in West

In der BRD war das Bild der Trümmerfrau bis in die 1980er Jahre kaum präsent. Nur in Berlin war ein positiver Bezug vorhanden, doch unter Zeitzeugen bestand kein größeres Interesse. Zudem war es nur in der britischen Besatzungszone erlaubt, Frauen zum Arbeitsdienst heranzuziehen, was die deutschen Verwaltungen kaum umsetzten, da das Bild der Trümmerfrau nicht der traditionellen Rolle der Hausfrau entsprach.

Auch bei freiwilligen „Bürgereinsätzen“, die sich in allen Zonen etablierten, war der Frauenanteil nur in der SBZ von Relevanz. In den Westzonen wurde schon früh auf professionelles Bauhandwerk zurückgegriffen, und die Trümmer wurden von schwerem Gerät beseitigt. Zudem wurde in den 1950ern das Bild der zur Arbeit gezwungenen „armen Schwester im Osten“ gezeichnet.

Erst in den 1980ern veränderte sich das Bild der Trümmerfrau, auf Grund einer neuen Frauengeschichtsschreibung und rentenrechtlicher Berücksichtigung. Die Trümmerfrau wurde ein Argument in der Rentendebatte und in der Anerkennung von Arbeitsjahren.

In der neuen Frauengeschichte wurde das Bild der schuld- und selbstlosen Frau gezeichnet, die im Alltag zur Heldin wurde und ihre Opferrolle selbstständig verließ. Im Zuge dieser Neuaushandlung des Frauenbildes wurde die Zivilgesellschaft der Nachkriegsjahre weiblicher dargestellt.

Trümmerfrau nach 1990

Obwohl die Diskussion in Ost und West unterschiedlich geführt wurde, entstand nach 1990 schnell ein gesamtdeutsches Bild der Trümmerfrau. Dieses zeichnet bis heute ein positives Nationalbild, was die Unschuld und die Leistungsbereitschaft in den Vordergrund rücken soll.

Es hat zweifellos Trümmerfrauen gegeben, die unter schwersten Bedingungen gearbeitet und ihren Beitrag zum Wiederaufbau geleistet haben. Reine Muskelkraft hat dafür aber nicht ausgereicht: Der größte Teil der Schuttmassen wurde von Baggern und schwerem Gerät beseitigt. Es hat also kein einheitliches Bild der Trümmerfrau gegeben und das heutige Verständnis vom Wiederaufbau in Deutschland muss kritisch begleitet werden.

Felix Thal
Schreibt für die Belange vom Geflüchteten und gegen die AfD. Solidarität stellt sich nicht von selbst her, sie muss organisiert werden.