Die aktuellen Bauernproteste sind mal wieder ein Musterbeispiel dafür, wie Kapitalisten, PolitikerInnen und JournalistInnen bewusst oder unbewusst so zusammen wirken, dass wir am Ende noch tiefer gespalten sind. Ein Kommentar zu den aktuellen Bauernprotesten in Berlin unter dem Motto „Land schafft Verbindung“ von Paul Gerber

Kaum jemand hat die spontane Protestwelle der Bauern und Bäuerinnen kommen sehen. Wer sich jedoch in den letzten Jahren mit dem Thema beschäftigt hat, konnte sie bereits erahnen, denn es brodelt schon lange.

Die LandwirtInnen leiden unter extrem niedrigen Einkaufspreisen, die ihnen die Großhändler für ihre Erzeugnisse aufdrücken. Kürzlich wurde bekannt, dass jährlich 200.000 meist männliche Kälber illegal geschlachtet werden, weil es mehr kostet, sie ein paar Wochen aufzuziehen als die Mastzuchten dann bereit sind für die Jungtiere zu zahlen. Andere Absurditäten wären zum Beispiel, dass landwirtschaftliche Fläche gekauft wird, nur um die EU-Subventionen einzustreichen.

Angeblich, um das Bauernsterben einzudämmen werden immer weitere Subventionen beschlossen, die Produkte der Landwirte selbst werfen aber immer weniger Gewinn ab. Man muss kein Raketenwissenschaftler sein, um zu sehen, dass das ökonomisch selbst für kapitalistische Verhältnisse eigentlich keinen Sinn macht.

Was ist der Auslöser für die Proteste gewesen?

Den Auslöser für die Proteste stellt das Agrarpaket der Bundesregierung dar, bei dem insbesondere härtere und kostenintensive Umweltauflagen beschlossen wurden. Viele LandwirtInnen sagen, dass sie deren Einhaltung nicht auch noch stemmen können. Außerdem sind sie sauer, dass alleine sie als UmweltsünderInnen dargestellt werden.

Es ist wie wenn in Chile oder Libanon plötzlich Millionen auf die Straßen gehen. Der Anlass ist vielleicht eine Fahrscheinpreiserhöhung oder eine WhatsApp-Steuer. Aber der Kern der Sache ist: Die Menschen protestieren, weil sie weit unter das Existenzminimum getrieben werden.

Wer aber ist nun Schuld am Schlamassel? Die BäuerInnen, die sich nicht an moderne Zeiten anpassen können und wollen, wie es in einigen Kommentaren nahegelegt wird? Die SchülerInnen, die freitags für Umweltschutz demonstrieren? Oder am Ende die Masse der ArbeiterInnen in diesem Land, die täglich in den Supermarkt geht und die Erzeugnisse der Landwirtschaft zu möglichst günstigem Preis einpacken will?

Die Diskussion bewegt sich etwa auf diesem Niveau. Drei legitime Interessen werden gegeneinander gestellt. Die PolitikerInnen waschen ihre Hände in Unschuld und verweisen schulterzuckend auf die jeweils legitimen Interessen der anderen Gruppe – je nachdem aus welcher Richtung ihnen gerade heftigerer Wind entgegen schlägt.

Wir müssen uns mit den LandwirtInnen zusammen tun und solidarisieren!

Und wir GroßstädterInnen? Uns bleibt diese Protestbewegung von zehntausenden LandwirtInnen nur zu oft vollkommen fremd. Wir wagen uns nicht auf die Protestaktionen, wir solidarisieren uns nicht (hier ein positives Gegenbeispiel), machen uns nicht schlau über die Situation in der Landwirtschaft. Vielleicht fallen wir auf die Unterstellung herein, es handele sich ohnehin nur um AfD-AnhängerInnen.

Wenn wir das nicht ändern, ist es der sicherste Weg, um aus der Unterstellung, es handele es sich um eine verdeckte AfD-Mobilisierung, Realität werden zu lassen. Noch ist es nicht zu spät, noch distanzieren sich die Protestierenden immer wieder klar und deutlich von der AfD.

Unbeschadet bei alle dem bleiben die Großhändler, Lebensmittelindustriellen und der Einzelhandel. Sie verdienen nämlich am besten an der ganzen Misere und stehen kaum im Feuer der Kritik.

Ein Stopp der Hitzewellen und Dürren durch den Klimawandel, gesunde und widerstandsfähige Ökosysteme, Böden, die nicht vergiftet sind, BäuerInnen, die nicht täglich ums Überleben kämpfen müssen, sondern von ihrer Arbeit leben können und Lebensmittel, die nicht aus verschimmelten Fleischabfällen bestehen und dennoch bezahlbar sind: Ist es wirklich unvorstellbar, dass all das zusammen Realität wird? Momentan steht dem vor allem die Profitgier großer Unternehmer im Weg.