Am 25. November, dem internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, legt die Bundesfamilienministerin Zahlen zur Partnerschaftsgewalt des Bundeskriminalamts vor. Sie zählt alle Gewalttaten, wegen derer es Anzeigen gab. Damit ist die Statistik Teil des Problems, Teil der systematischen Gewalt an Frauen. Deswegen: Zurück zu den widerständischen Wurzeln des 25. Novembers! – Ein Kommentar von Olga Wolf

Was sagt die Statistik?

Die Partnerschaftsmorde (medial bekannt als „Familiendramen“ oder „eskalierter Ehekrach“) hätten ein wenig abgenommen, 122 Frauen seien durch (Ex-)Partner getötet worden. Und mehr als ein Mal pro Stunde wurde 2018 eine Frau durch einen Partner gefährlich körperverletzt und brachte es zur Anzeige. 114.393 Fälle von Gewalt vermerkt die Statistik des Bundeskriminalamts. Sie zählt Anzeigen von „Mord und Totschlag, Körperverletzungen, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, sexuellen Übergriffen, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution“.

Was sagt sie nicht?

Die Bundesfamilienministerin beschreibt, dass nur ein Fünftel der tatsächlichen Gewalt in der Statistik sichtbar würde. Es wäre aber ein Trugschluss, die restlichen 80 Prozent gleichmäßig zu verteilen. Denn es gibt Bevölkerungsgruppen, die systematisch übergangen werden und die sich nicht an die Polizei wenden oder gar nicht erst wenden können. Mit Hinblick auf die zermürbenden Erfahrungen, die Frauen machen mussten, nachdem sie Vergewaltigung angezeigt haben, ist dieses Misstrauen gerechtfertigt.

Frauen, die in „sozialen Brennpunkten leben“, Drogenkonsumentinnen, Wohnungslose oder Migrantinnen, Women of Colour – oft werden ihre Anzeigen nicht ernst genommen oder sie zeigen gar nicht erst an aus Angst vor Repression und Diskriminierung. Ein tragisches Beispiel für die absolute Untätigkeit der staatlichen Behörden im Fall von tödlicher Gewalt an einer Frau ist Rita Ojungé: obwohl Freundinnen und Bekannte ihr Verschwinden meldeten, blieben die Behörden untätig. Zwei Monate später fand man ihrem leblosen Körper in der Nähe der Geflüchtetenunterkunft, in der sie gelebt hatte.

Die Bundesfamilienministerin ist blind für die Gewalt, die den marginalisierten Frauen angetan wird. Und die Zahl der Anzeigen nach wie vor zum Maß der Dinge zu erklären, verkennt, dass Polizei und bürgerliche Gerichte Teil des Systems sind, das Gewalt gegen Frauen ausübt.

Nur Partnerschaftsgewalt?

Gewalt gegen Frauen auf Partnerschaftsgewalt zu beschränken, ist Teil des Problems. Sicher geschehen viele Gewalttaten in (beendeten) Paarbeziehungen, aber ich möchte einen Blick auf den Ursprung des 25. November werfen!

Die Schwestern Mirabal waren mutige Widerstandskämpferinnen gegen den rassistischen, mit Hilfe der USA an die Macht gekommenen Diktator Trujillo. Er wollte die Dominikanische Republik zu einer weißen Nation machen und ließ schwarze ArbeiterInnen auf den Feldern ermorden. Sie hingegen wollten die Dominikanische Republik von seiner Diktatur befreien und planten einen Putsch.

Als sie ihre Familien im Gefängnis besuchen wollten, ermordete Trujillos Staat sie und ließ es wie einen Autounfall aussehen. International forderten AktivistInnen eine Untersuchung und tatsächlich konnte diese beweisen, dass es Mord im staatlichen Auftrag war. Dieser feige Angriff durch den Staat ist der Anlass dafür, dass wir heute gegen Gewalt an Frauen auf den Straßen kämpfen. Nicht nur Väter, Ehemänner und Exfreunde üben diese Gewalt aus, auch der bürgerliche Staat ist Teil davon.

Er geht mit dem Leben von Frauen leichtfertig um, wenn Abtreibungen illegal sind, es keine Hilfsangebote für Personen in Not gibt und Gerichte geschlechtsspezifische Gewalt schlicht nicht verurteilen. Und die Wirtschaft, der er dient, profitiert davon, wenn zum Beispiel Arbeit, die Frauen leisten, nicht oder nur gering bezahlt wird.

Symptombehandlung oder die Wurzel des Übels?

Nun sollen in den kommenden Jahren Millionen von Euro fließen, um beispielsweise die Versorgungslücken unter Frauenhäusern zu schließen. Ein dringendes Problem, das angegangen wird, und doch nur symptomatische Behandlung.

Wie könnte auch ein Bundesministerium das Problem an der Wurzel packen? Das Patriarchat zu beseitigen und all die Insitutionen, in denen es beheimatet ist, ist unsere Aufgabe. Deswegen: Back to the roots! Der 25. November entstand aus mutigem Widerstand gegen einen patriarchalen, kapitalistischen Staat. Zeit, uns wieder daran zu erinnern.


Wir schreiben für Perspektive – ehrenamtlich und aus Überzeugung. Wir schalten keine Werbung und nehmen kein Geld von Staat oder Konzernen an. Hilf' uns dabei, unseren unabhängigen Journalismus zu erweitern: mit einer einmaligen Spende, einem regelmäßigen Beitrag bei Paypal, Steady oder am besten als Mitglied in unserem Förderverein.