Die zwei AktivistInnen von Fridays for Future, Sarah aus Frankfurt und Carlos aus Berlin, sind bis zum nächsten globalen Streiktag im Hungerstreik. Warum sie diese Aktionsform wählen und welche Forderungen sie haben, erklären sie im Interview. 

Ihr habt heute als zwei AktivistInnen der Klimastreikbewegung „Fridays For Future“ einen 7-tägigen Hungerstreik begonnen. Wie kamt ihr auf die Idee und was ist euer Ziel?

Wir sind beide schon seit vielen Monaten in der Bewegung aktiv. Wir alle wissen, dass wir unglaublich viel erreicht haben, es ist aber offensichtlich, dass das trotz allem nicht genug ist. Das hat sich am offensten gezeigt, als wir am 20.9. mit Millionen Menschen hier in Deutschland und auf der ganzen Welt gemeinsam für Klimagerechtigkeit auf die Straßen gegangen sind. An diesem Tag hat die Bundesregierung ein Klimapaket veröffentlicht, das ein Schlag ins Gesicht all dieser Menschen ist. Spätestens ab diesem Tag haben sich überall Menschen gefragt: wie weiter?

Egal, wie viele Menschen wir gemeinsam auf die Straßen bringen, es kommen immer noch nicht die tiefgreifenden politischen Veränderungen, die wir brauchen. Was ist dann also nötig, wie müssen wir uns weiterentwickeln als Teile der Klimagerechtigkeitsbewegung? Da kam bei uns die Idee zum Hungerstreik auf. Nicht als Antwort auf diese Frage! Wir sehen den Hungerstreik als ein Mittel, Diskussionen neu anzufachen und klarzustellen, dass wir gerade jetzt uns nicht in Frustration zurückziehen dürfen, sondern genau jetzt umso mehr nach vorne treten und noch viel aktiver sein müssen. Wir wollen die Erkenntnis, dass unsere Aktionsformen sich entwickeln müssen, praktisch machen und klar stellen, dass es uns nicht um bloßes Schule-Schwänzen geht, sondern dass wir es wirklich ernst meinen.

Eure Aktionsform ist erstmal begrenzt auf euch beide. In welchem Zusammenhang steht die Aktion mit den Massenstreiks von FfF?

Es war uns sehr wichtig, die Aktion auf uns beide zu begrenzen. Die Rolle des Hungerstreiks ist ja nur die, die Leute aufzuwecken und aufzufordern, noch mehr und noch stärkere Aktionen zu machen. Wir wollen ein Zeichen setzen und nicht alle anderen dazu motivieren, sich uns anzuschließen, sondern sich nochmal neu zu fragen: müssen wir nicht einen Schritt weiter gehen in unserer Bewegung? Und wie sollte dieser aussehen, wie können wir wirklich unsere Ziele erreichen; die Klimakrise stoppen und eine soziale und ökologische Gesellschaft schaffen?

Der Hungerstreik ist ein Aufruf, sich diese Fragen mit einer neuen Ernsthaftigkeit zu stellen, Grenzen aufzubrechen und die Antworten wirklich praktisch zu machen. Wir hoffen also, dass unser Hungerstreik einen Einfluss auf die Massenstreiks und alle anderen Aktionsformen von FfF hat und zu einer Weiterentwicklung beiträgt.

Was habt ihr für die kommende Klimastreikwoche geplant und wie wollt ihr den Hungerstreik weiter bekannt machen?

Wir wollen unseren Aktionsaufruf an die Bewegung auch selbst schon während des Hungerstreiks praktisch machen. Wir werden an den verschiedenen Aktionen in dieser Woche teilnehmen und den Hungerstreik auch dort hinein tragen. Uns ist dabei aber auch wichtig, nicht nur an den Aktionen von Fridays for Future und der Klimastreikwoche von Students for Future teilzunehmen, sondern genauso zum Beispiel an Protesten gegen die türkische Invasion in Rojava, Demonstrationen in Solidarität mit den Aufständischen in Chile und zum Tag gegen Gewalt gegenüber Frauen.

Wir sind der Überzeugung, dass all diese Themen, so wie noch viele weitere, zusammengehören und verbunden werden müssen. Wer von einer ökologischen Gesellschaft oder gar Revolution redet, muss auch Rojava verteidigen, wo genau das geschaffen wurde und jetzt mit deutschen Waffen zerstört wird. Solche Zusammenhänge wollen wir noch einmal stärker aufzeigen und Bewegungen, Kämpfe zusammenbringen.

Was sind eure politischen Forderungen und an wen richtet ihr diese eigentlich?

Wir haben drei Forderungen an die Bundesregierung aufgestellt:

  1. Neuverhandlung des Klimapakets auf Grundlage der Forderungen von Fridays for Future. Die Bundesregierung muss sich endlich erinnern an ihre Versprechungen vom Pariser Klimagipfel. Als erstes brauchen wir einen sofortigen Kohleausstieg. Wenn die Regierungen sich dem weiter verweigern und weiter fossile Energieträger subventionieren, dann müssen wir diesen Kohleausstieg mit Aktionen wie Ende Gelände selbst praktisch machen.
  2. Politisches Streikrecht für alle. Es ist unglaublich, dass es in Deutschland immer noch kein politisches Streikrecht gibt wie in den meisten anderen Ländern Europas. Der Streik ist das stärkste Mittel, das wir zur Verfügung haben: er greift die Wirtschaft direkt an. Er ist nicht nur eine laute Meinungsäußerung wie normale Proteste, sondern ein direkter Eingriff in das Funktionieren des Staates. Wenn wir wirklich etwas erreichen wollen als politische Bewegungen, dann brauchen wir politische Streiks.
  3. Verurteilung des türkischen Einmarschs in Rojava und der brutalen Aufstandsbekämpfung in Chile sowie ein umfassendes Embargo auf sämtliche Rüstungsexporte in die Türkei.
    Fridays for Future ist eine internationale Bewegung. An beiden Orten gibt es Fridays For Future-Gruppen, die nicht mehr weiter ihre ökologischen Arbeiten machen können: in Rojava herrscht Krieg und die Menschen müssen täglich ihr Leben verteidigen gegen deutsche Waffen. In Chile werden die Aufstände, die auch von Fridays for Future mitgetragen werden, auf brutalste Weise niedergeschlagen. Das kann nicht akzeptiert werden.

Ihr sprecht davon, dass international die Kämpfe in den verschiedenen Ländern verbunden werden sollen. Wie kann das eurer Meinung nach am besten geschehen?

Internationale Solidarität hat unserer Meinung nach zwei Seiten: auf der einen Seite die Unterstützung der anderen Kämpfe. Zum Beispiel, indem wir uns dafür einsetzen, dass keine weiteren Waffen und Gelder von Deutschland an den Faschismus in der Türkei gehen. Auf der anderen Seite können wir auch von den Bewegungen dort vieles lernen: die FfF-Bewegung in Chile hat den Slogan „die soziale Krise ist eine ökologische Krise“. Das hat uns, wie auch viele andere AktivistInnen hier, sehr inspiriert. Sie machen genau die richtigen Zusammenhänge auf und tragen ihre ökologischen Forderungen in die sozialen Kämpfe ins Land hinein. Wir denken, dass das etwas ist, wovon wir hier in Deutschland extrem viel lernen können.