Quer durch große und kleine Medien kursiert derzeit international ein herzerwärmendes Video: eine Immobilienfirma in den USA hat ihren MitarbeiterInnen ein durchschnittliches Weihnachtsgeld von 50.000 Dollar ausgezahlt – einige brechen vor Freude in Tränen aus. Ist der Firmen-Patriarch ein echter Menschenfreund? – Ein Kommentar von Tim Losowski

Von der weltbekannten Washington Post bis zur doch etwas kleineren Landeszeitung für die Lüneburger Heide: sie alle berichten über ein Video, das im Internet kursiert. Dort ist die Weihnachtsfeier der Immobilienfirma „St. John Properties“ aus dem amerikanischen Baltimore zu sehen. Sie hat rund 200 Mitarbeitende.

Im Video erklärt ein Manager gegenüber der versammelten Belegschaft: „Wir haben 20.000.000 Quadratmeter in unserem Portfolio mit einem Wert von 3,5 Milliarden Dollar“. Dann hält der Firmen-Chef und Besitzer Ed St. John seine Ansprache: „Jeder ist wichtig in dieser Firma. Ihr alle werdet – basierend auf eurer Betriebszugehörigkeit – an einem Bonus beteiligt in der Höhe von 10 Millionen Dollar.“

Anschließend öffnen die Mitarbeitenden ihre vorher verteilten roten Umschläge: Lauter Jubel – einige brechen in Tränen aus. In ihren Umschlägen sind Schecks von durchschnittlich 50.000$. Im Video sagen sie in die Kamera, dass dieser Moment „magisch“ und „lebensverändernd“ sei. Das Video zeigt auch, wie sie sich über ihren Chef freuen. Er sei „so großzügig“ erklärt ein Mitarbeiter. „Es ist toll, ich kann ihm nicht genug danken“, schwärmt eine weitere Kollegin.

Absurdität eines ungerechten Systems

Anhand dieses Videos kann man unglaublich viel über unser aktuelles Gesellschaftssystem lernen:

Auf der einen Seite steht der Kapitalist Ed St. John, der als wahrscheinlicher Haupteigentümer der Firma über ein Milliarden-Vermögen verfügt. Er ist ein Firmen-Patriarch, der sich – ohne rot zu werden – auf seiner Website mit folgendem Motto zitieren lässt: „Ich spiele Monopoly mit realem Geld und realen Wohnungen. Ich arbeite nicht. Ich spiele Monopoly und das ist der Grund warum ich noch immer hier bin.“

Von 2016 bis 2018 war der Profit seines Unternehmens um 18,32% gestiegen. Es ist also davon auszugehen, dass die nun ausgezahlten 10 Millionen Dollar nicht mehr als ein Brotkrumen von einem großen Kuchen sind, von dem ein Großteil in seine eigene Tasche fließt.

Auf der anderen Seite stehen seine MitarbeiterInnen. Tatsächlich ist es richtig, dass sie die Hauptarbeit geleistet haben, um das Unternehmen zu entwickeln. Ihr Chef hat – wie er selbst sagt – gar nicht gearbeitet! Das gilt nicht nur für ihr Unternehmen, sondern für jeden kapitalistischen Betrieb. Die Profite sind nicht den Eigentümern zuzuschreiben, sondern sind der Mehrwert, der aus den ArbeiterInnen herausgepresst wurde. In diesem Fall stammt ein Teil der Profite auch aus einem explodierenden Wohnungsmarkt. In Baltimore, wo das Unternehmen sitzt, befinden sich die Hauspreise beispielsweise. auf dem höchsten Niveau seit zehn Jahren.

Dass die KollegInnen sich nun über das tatsächlich sehr hohe Weihnachtsgeld tierisch freuen, ist verständlich. Vielleicht haben sie eine Hypothek auf ihr Haus, müssen die Schulden ihrer Kinder für das College, das in den USA tausende Euros kostet, mit abbezahlen, müssen die teure Behandlung eines Angehörigen bezahlen, der nicht krankenversichert ist.

Doch ihre Freude zeigt auch die Absurdität dieses Gesellschaftssystems: eine Gesellschaft, in der ein einzelner „nicht-arbeitender“ Kapitalist und Monopoly-Spieler über Glück und Unglück von hunderten Mitarbeitern entscheiden kann. Eine Gesellschaft, in der diese diese auch noch ihrem Ausbeuter danken müssen, weil sie wenigstens ein kleinen Teil des von ihnen erarbeiteten Reichtums erlangen. Eine Gesellschaft, in der mit diesem Herrschaftsverhältnis auch noch PR und Unternehmenswerbung gemacht wird.