Die Geschichte schreiben in der Regel Männer über Männer. Als angehender Historiker habe ich die Aufgabe, das zu ändern: Bis zum Frauenkampftag am 8. März möchte ich meinen wöchentlichen Beitrag auf Perspektive Online dazu nutzen. Die geschilderten Frauen sind durch ihr Lebenswerk in die Geschichte eingegangen, werden im historischen Gedächtnis aber gern vergessen, verschwiegen oder ihre Taten klein geredet. – „Frauen der Weltgeschichte“, eine Serie von Felix Thal

Da bis heute Geschichte hauptsächlich von Männern für Männer geschrieben wird und Frauen oft nur eine Nebenrolle zugesprochen wird, entstehen blinde Flecken in der Geschichte.

Über die Befreiung von Menschen aus der Sklaverei durch Harriet Tubman, zum Kampf für das Frauenwahlrecht in England durch die Feministinnen Millicent Fawcett und Emmeline Pankhurst bis hin zu den Sozialistinnen Clara Zetkin und Rosa Luxemburg – diese kleine Serie möchte Frauen vorstellen, die sich zu Lebzeiten für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft eingesetzt haben.

Harriet Tubman

Während die europäischen Kolonialmächte den afrikanischen Kontinent unter sich aufgeteilt hatten, wurden im 18. und 19. Jahrhundert rund eine halbe Million Afrikanerinnen und Afrikaner in die USA verschleppt und versklavt. Die Kinder dieser Menschen wurden in der Regel ebenfalls in die Sklaverei gezwungen. Durch diesen Umstand stieg die Zahl der Sklavenbevölkerung in den USA bis 1860 auf über vier Millionen Menschen an.

Unter den widrigsten Umständen mussten diese Menschen Arbeiten auf Tabak- oder Baumwollplantagen verrichten. Bei unzureichender Arbeitsleistung wurde eine Vielzahl der Menschen misshandelt, und Fluchtversuche konnten mit dem Tode bestraft werden – alles unter der Aufsicht von weißen rassistischen PlantagenbesitzerInnen.

Die international berühmt gewordene Fluchthelferin Harriet Tubman wurde als Sklavin vermutlich im Jahre 1822 in Maryland geboren. Mit sechs Jahren wurde sie verkauft, von ihren Eltern getrennt und auf eine andere Plantage verbracht. Dort wurde sie regelmäßig geschlagen und ausgepeitscht.

Als Jugendliche wurde ein schweres Metallgewicht nach ihr geworfen, das sie am Kopf traf. Sie war daraufhin tagelang bewusstlos und wurde mit ihrer schweren Verletzung allein gelassen. Bis zu ihrem Lebensende litt sie unter starken Schmerzen und Krämpfen.

Flucht aus der Sklaverei und die Underground Railroad

Im Alter von 27 Jahren floh sie 1849 erfolgreich von ihrer Plantage aus Maryland und kam in den nördlich gelegenen Bundesstaat Pennsylvania. In der Stadt Philadelphia war die Sklaverei verboten, wobei Tubman ihre neugewonnene Freiheit nicht genießen konnte. Die Sehnsucht nach ihrer Familie trieb sie wieder zurück an die Ostküste von Maryland. Sie entwarf Fluchtpläne und Routen, um weitere Menschen aus der Sklaverei zu befreien. Mit ihrer Hilfe wurde das informelle Netzwerk The Underground Railroad weiter ausgebaut.

Die Railroad bestand aus GegnerInnen der Sklaverei, die durch versteckte Routen und sichere Häuser einen Weg zur Verfügung stellten, um Menschen in die Nordstaaten oder nach Kanada zu bringen. Durch geheime Botschaften in Liedern wurden die versklavten Menschen auf eine mögliche Flucht aufmerksam gemacht und außerhalb der Plantagen neu eingekleidet, um nicht aufzufallen. Rund 100.000 Menschen konnten so aus der Sklaverei befreit werden.

Harriet Tubman brachte etwa siebzig Menschen persönlich in den Norden, unter anderem auch ihre drei kleineren Brüder. Meist in den kalten Monaten, da hier die Nächte am längsten waren, führte sie die Menschen samstags von den Plantagen. Samstags deshalb, weil am Sonntag keine Zeitungen ausgetragen und ihr Verschwinden erst am Montag gemeldet werden konnte.

Tubman soll Menschen, die in Panik wieder zurück wollten, unter vorgehaltener Waffe zur Fortsetzung der Flucht gezwungen haben und rettete ihnen damit das Leben. Aufgrund ihrer Arbeit für die Underground Railroad wurde ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt, das nicht ausgezahlt werden musste: Harriet Tubman wurde nie gefasst.

Von der Kämpferin gegen Sklaverei zur Frauenrechtlerin

Nachdem im Jahre 1861 Abraham Lincoln Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde – ein entschiedener Gegner der Sklaverei -, traten eine Vielzahl der Südstaaten aus der Union aus. Vier Jahre lang tobte der Amerikanische Bürgerkrieg, in dem Harriet Tubman als Kundschafterin für die Truppen der Nordstaaten arbeitete.

Am Ende des Krieges wurde schwarzen Männern das Recht zugestanden, wählen zu dürfen; schwarze wie weiße Frauen waren weiterhin ausgeschlossen. Tubman wurde nach dem Krieg eine der führenden Frauenrechtlerinnen in den USA und setzte sich für das Frauenwahlrecht ein. Auch mit der Feministin Elizabeth Cady Stanton, die im ersten Teil der Serie beschrieben wurde, arbeitete Tubman zusammen.

Frauen der Weltgeschichte: Kennst du Elizabeth Cady Stanton und Lucretia Mott?

Harriet Tubman litt bis zu ihrem Lebensende unter der Kopfverletzung, die ihr als Jugendliche zugefügt wurde. Die letzten zwei Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Heim, in dem sie 1913 im Alter von 93 Jahren in Anwesenheit ihrer Familie und Freunde verstarb.

In Teil 3 der Serie „Frauen der Weltgeschichte“ wird es um die französische Revolutionärin Olympe de Gouges und ihre Schrift „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ gehen.


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