Als kurdische Geflüchtete hat mich der Anschlag in Hanau nicht überrascht. Er beweist das, was offensichtlich ist: Rassismus und Faschismus sind tief in der deutschen Gesellschaft verankert. Dieser Staat wird uns nicht schützen. Also müssen wir es selber tun. – Ein Kommentar von Mariya Kargar

Ich bin eine kurdische Geflüchtete und lebe seit 6 Jahren in Deutschland. Auf Grund meiner Nationalität und meines Geschlechts sind Rassismus, Diskriminierung und Gewalt für mich nicht unbekannt. Seitdem ich meinen Namen aussprechen kann, sind alltägliche verbale, psychische und physische, rassistische und sexistische Gewalt ein Teil meines Lebens geworden.

Da ich diese nie in Kauf genommen und mein ganzes Leben dagegen gekämpft habe, bin ich zu einer direkten Zielscheibe dieser Gewalt geworden. So musste ich ständig auf der Flucht sein. Patriarchale Gesellschaften und faschistische Machtregierungen haben mir keine Sicherheit und Ruhe erlaubt.

Aus diesem Grund habe ich in vielen Ländern gelebt. Aber ich habe bislang kein Land gesehen, in dem der Rassismus in der gesellschaftlichen und politischen Ebene so tief eingebrannt ist wie in Deutschland.

Rassismus – jeden Tag

Überall hier in Deutschland kann man offen rassistische Verhältnisse und rassistische Äußerungen antreffen, sehen und hören: auf den Sitzungen des Bundestages, bei den Behörden, auf dem Arbeitsplatz, bei der Polizei, im Bus, in der Bahn und Straßenbahn, im Café und Restaurants, in der Schule und auf der Uni, an der Kasse beim Einkaufen, von den NachbarInnen, auf der Straße und an noch vielen weiteren Orten.

Als MigrantIn kann man besonders stark fühlen, wie stark die faschistische Ideologie in Deutschland ist.

Menschen fliehen vor Krieg und Hunger, um Schutz für sich und ihre Familie zu finden – Kriege, bei denen Deutschland auch immer ein Akteur ist und deutsche Konzerne davon mit Milliarden Gewinnen profitieren. Man will seine Kinder vor Krieg und Hunger oder politischer Verfolgung schützen und kommt deshalb in ein Land wie Deutschland.

Man flieht um zu überleben, aber in Deutschland wird dann die Psyche und menschliche Würde der Geflüchteten zerstört. Im Krieg wird man nur einmal sterben, aber in diesem Land stirbt man als MigrantIn jeden Tag. Durch die „Einzelltäter“, die in den rassistischen Strukturen heranwachsen und sich bewaffnen. Man gibt sich viele Jahre Mühe, sein Kind  zu erziehen. Doch dann kommt ein Nazi und bringt dein Kind einfach in zwei Sekunden um.

Dieses Land wird von rassistischen Parteien und PolitikerInnen regiert

Für mich war der faschistische Terroranschlag in Hanau keine Überraschung. Ich war nicht „schockiert“. Denn der Faschismus ist hier erlaubt und wird vom „Sicherheitsapparat“ unterstützt.

Seit der Gründung der Bundesrepublik bis zum Anschlag in Hanau beweisen alle Fakten, dass die Politik und ihre “Sicherheitsbehörden“ immer von FaschistInnen durchdrungen waren und sich gegen den Antifaschismus gerichtet haben.

Schon als die BRD gegründet wurde, waren die Nazis in jeder staatlichen Institution. Der Staat hat faschistische Strukturen aufgebaut und bewaffnet, beispielsweise die Wehrsportgruppe Hoffmann, die Gladio-Strukturen, den Nationalsozialistischen Untergrund. Hinter dem Oktoberfestanschlag, den Morden des NSU, dem Mord an Walter Lübcke standen faschistische Gebilde, die vom Staat befördert wurden. Aber – unverschämterweise – wird immer von „Einzeltätern“ gesprochen.

Wenn im Parlament, wo die Rechte und das Wohl der Menschen beschützt werden sollen, Hass und Rassismus verbreitet werden, wenn MigrantInnen als „Messer-Männer“ und „Kopftuchmädchen“ von der AfD benannt werden dürfen, wenn Seehofer die Migration als die „Mutter aller Probleme“ bezeichnet, wenn Videos, auf denen MigrantInnen durch Chemnitz gejagt werden, vom Ex-Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen als Fake vorstellt werden, wenn Polizisten Anwältinnen mit Mord drohen, wenn Parteien wie CDU und FDP mit Faschisten wie Björn Höcke zusammen Politik machen – dann ist solcher Terror an unschuldigen Menschen nur auf Grund ihr Hautfarbe, Herkunft und ihrer Religion nicht überraschend.

Islamische Verbände sind nicht unsere Stellvertreter

Bei der Gedenkveranstaltung in Hanau wurden auch islamische Verbände eingeladen um zu reden. Sie haben die Situation so dargestellt, dass die Menschen anstatt in einer Shisha-Bar auch in der Moschee hätten ermordet worden sein können.

Es ist schon klar, dass es in Deutschland eine massive Islamophobie gibt und man solidarisch dagegen kämpfen muss. Aber wieso denkt man, dass alle MigrantInnen hier Muslime sind, die außerdem noch Mitglieder der Islamverbände sind?

Die sunnitischen Islamverbände z.B. versammeln fast alle AnhängerInnen des türkischen Diktators Erdogan, die meisten von ihnen werden finanziell von Erdogan unterstützt. Es ist der Erdogan, der seine faschistischen Truppen nach Rojava in Nordsyrien schickt und dort Massaker verursacht. Es ist der Erdogan, der viele KurdInnen auf Grund ihrer Herkunft einsperrt.

Die Eltern vieler Opfer waren doch selber KurdInnen aus der Türkei und Rojava, die von dem faschistischen Regime in der Türkei verfolgt und diskriminiert wurden und werden. Die keinen Platz zum Leben hatten und nach Deutschland fliehen mussten.

Solche religiösen Organisationen sind nicht unser Stellvertreter. Sie dürfen auf keinen Fall in unserem Namen sprechen und Forderungen erheben.

Entweder die Nazis entwaffnen oder wir müssen uns selbst verteidigen

Seit langem haben die faschistischen Organisationen und Gruppen leichten Zugang zu Waffen. Sie haben Kameraden bei der Polizei, bei der Bundeswehr und im „Verfassungsschutz“. Sie bilden Banden und bewaffnen sich gegen MigrantInnen, flüchtlingsfreundliche PolitikerInnen und linke AktivistInnen.

Dieser Staat zwingt friedliche,  schutzsuchende Menschen nach Wegen zu suchen, sich selbst zu verteidigen, wenn er nicht in der Lage ist, das Leben der BürgerInnen gleich zu beschützen. Der Krieg wurde schon seit langem von den Faschisten begonnen. Und wir als MigrantInnen und AntifaschistInnen können nicht mehr lange einfach die Hände in den Schoß legen.

Und noch immer wird rechter Terror und „linker Terror“ von PolitikerInnen und Medien gleich gesetzt. Aber in Wirklichkeit gibt es keinen linken Terror. Wo und wann haben die Linken unschuldige ZivilistInnen in der letzten Zeit angegriffen? Es gibt in diesem Land Faschismus und natürlich gibt es AntifaschistInnen, die dagegen aufstehen. Wenn es keine FaschistInnen gäbe, dann bräuchte es auch keine AntifaschistInnen.

Faschismus ist ein Verbrechen, eine Ideologie, die sich mit menschenverachtender Gewalt verbreitet. Alles, was man dagegen tut, ist gerechtfertigte Selbstverteidigung.