Während sich in den Medien die Nachrichten zur Corona-Pandemie überschlagen, wird rechter Terror und Rassismus wieder zum Randthema gemacht. Rund 40 Tage nach dem rechten Angriff in Hanau, bei dem der Täter gezielt MigrantInnen angriff, veröffentlicht das BKA einen Abschlussbericht. Es handle sich nicht um die Tat eines Rechtsextremen, denn der Täter habe seinem „dunkelhäutigen Nachbarn“ ab und zu geholfen.

Am Abend des 19. Februars kamen in vielen Städten Menschen zusammen, um des Ermordeten zu gedenken und ihre Wut auf die Straße zu tragen. Vielerorts war der Tenor: „Diese Tat war zu offen rechts, der Täter zu offensichtlich Faschist, als dass irgendjemand von einem verwirrten Einzeltäter sprechen kann.“. Als wäre seine Tat nicht deutlich genug rassistisch motiviert, hatte er außerdem ein eindeutig fremdenfeindliches Pamphlet veröffentlicht. Aber wir haben uns geirrt: Das Bundeskriminalamt ist sich auch diesmal nicht zu schade, in Tobias R. keinen faschistischen Attentäter zu sehen.

„Größtmögliche Aufmerksamkeit“

Zweifelsohne sei es eine „rechte Tat“, so das BKA, aber das mache noch lange keinen rechten Täter. Er sei lediglich psychisch krank gewesen und Verschwörungstheorien aufgesessen. Aus Kalkül habe er MigrantInnen ermordet in der Absicht, damit größtmögliche Aufmerksamkeit für sein Weltbild zu erlangen.

Dass er nicht rechtsextrem war, könne man an mehreren Tatsachen erkennen. So habe er in einer Fußballmannschaft gemeinsam mit Migranten gespielt und habe auch einem „dunkelhäutigen“ Nachbarn geholfen.

Fassungslose Reaktionen

Die Reaktionen auf diese Stellungnahme sind wütend, viele beschreiben Erschöpfung. „Wut und Hass liegen so nah beieinander. Ich kann das gerade nicht trennen“, kommentiert Gülcan Cetin. Sie ist Teil der öffentlich-rechtlichen Produktion „Datteltäter“ und engagiert sich gegen antimuslimischen Rassismus.

Auch Tarek Baé, der sich als Autor und Kommunikationswissenschaftler gegen Rassismus engagiert, nimmt Stellung: „Durch eine solche Kategorisierung wird das rechtsextreme Problem weiter relativiert und verzerrt. Als müsste Tobias R. sich explizit erst zur NSDAP bekennen oder ähnliches. Diese Annahme torpediert die Trauer um die Opfer in Hanau und die notwendige Aufklärung über Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit.“


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