Magdalena Wieschollek berichtet über die Versorgungsprobleme in deutschen Kliniken. Sie macht dabei klar, dass nicht allein die Corona-Pandemie das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen bringt, sondern dieses bereits davor dort angekommen ist. Nun verschärft sich die Situation nochmals drastisch.

Übergabe, umziehen, das Krankenhaus verlassen… Ich steh an der Ampel. Mal wieder überkommt mich das traurige Gefühl, nicht alles getan zu haben. Hab ich überhaupt mal vernünftig mit meinen Patientinnen geredet? Kann ich jetzt mit gutem Gewissen nach Hause gehen? Hätte ich nicht noch mehr machen können. – Aber warum suche ich die Fehler überhaupt bei mir? – Und aus Trauer wird Wut, weil ich erkenne, dass die Schuld absolut nicht immer bei mir oder meinen KollegInnen liegt, sondern in der Politik. Und ich werd sauer, weil niemand uns hört, niemand uns hören will, die Augen verschließt und sich mit Aussagen wie „Wir haben das beste Gesundheitssystem der Welt“ brüstet. Eine Lüge, eine dreiste Lüge … aber nicht nur.

PatientInnen sterben wegen Personalmangels

Es ist nicht nur gelogen, sondern gleichzeitig sind solche Aussagen auch immer wieder ein Schlag ins Gesicht für uns MitarbeiterInnen des Krankenhauses. Wir reden, nein, wir schreien gegen Wände. Wie lang soll das noch gehen?

Es ist eben ein Fakt, dass PatientInnen sterben aufgrund von Personalmangel, aufgrund von Einsparungen an allen Ecken, aufgrund von Menschen, die unser Schreien nicht hören. Und als wäre es nicht schon genug, dass Menschen sterben – diese Menschen sterben allein, einsam und unbemerkt. Das ist nur eine der Folgen, die resultieren, wenn Betriebswirtschaft auf Gesundheit trifft. Profit über Menschlichkeit. Kapitalismus über Wertschätzung.

Gesundheitssystem kommt an seine Grenzen

Es ist kein Zufall, dass Pflegekräfte mindestens seit Einführung der Fallkostenpauschale 2004, die kapitalistisches Wuchern im Krankenhaus möglich machte, über mehr Leid und schlechtere Bedingungen berichten.

Wir alle sehen Schwarz für die Krankenhäuser, Schwarz für eine adäquate PatientInnenversorgung und Schwarz für das, was gerade die Medien und unser alle Köpfe füllt: die Corona-Pandemie. Ich würde zu gern sagen, dass diese das Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen wird – dies ist aber gar nicht mehr möglich, da es dort schon angekommen ist.

Nicht nur die peripheren Stationen im Krankenhaus, sondern vor allem die Intensivstationen sind gerade von größter Wichtigkeit. Und gerade hier sind wir personell bis aufs Blut ausgelastet. Warum müssen wir erst auf eine Pandemie warten, bis uns endlich mal einen Funken Wertschätzung entgegengebracht wird? Aber viel schlimmer: warum ändert sich trotzdem nichts? Wir brauchen mehr Personal und das nicht nur jetzt! Mehr von uns sind besser für Alle!

Ich könnte mich jetzt hier noch weiter und weiter in Wut, Trauer und Verzweiflung reden, aber zusammengefasst hoffe ich einfach, dass meine KollegInnen ein viel stärkeres Bewusstsein für ihre eigene Relevanz entwickeln. Ohne uns wird dieses System nicht funktionieren, das kann es nicht! Es bringt nichts, wenige Menschen von der Not anderer profitieren zu lassen. Profit und Gesundheit sind nicht miteinander kompatibel, und das wird spätestens jetzt klar. Es ist an uns, die Bedingungen für unseren Beruf festzulegen, denn nur wir wissen, was wir brauchen, um Menschen adäquat versorgen zu können, und – es ist an der Gesellschaft, dafür zu sorgen, dass das Gesundheitssystem auch für sie da ist.