Stefano arbeitet als Sozialarbeiter bei einer Suchthilfe in Berlin. Auch seine Arbeit leidet unter den Beschränkungen durch das Coronavirus. Doch nicht nur er, als Angestellter, sondern auch seine zu behandelnden KlientInnen müssen diese Zeit mit starken Einschränkungen überstehen.

Wie ist die aktuelle Situation für Menschen in der Suchthilfe?

Ein Teil des Hilfeangebots konnte aufrechterhalten werden. Die Drogenberatung findet abgespeckt statt, die Konsumräume haben geöffnet und auch die StreetworkerInnen laufen noch durch die Stadt. Alle Angebote sind jedoch, meines Wissens, auf das „Notwendigste“ reduziert. So fällt in allen Einrichtungen die Möglichkeit weg, sich in ihnen aufzuhalten. Einfach mal einen Kaffee trinken, zur Ruhe kommen, sich Aufwärmen, Duschen, Klamotten wechseln, mit anderen reden. – All das gibt es gerade auf Grund des Virus nicht mehr.

Entzüge können nur noch in absoluten Notsituationen stattfinden und ambulante Therapieeinrichtungen nehmen keine Menschen mehr neu auf. Viele (ehrenamtliche) ÄrztInnen und PflegerInnen aus sozialen Einrichtungen arbeiten zurzeit nicht mehr, da sie auf Grund ihres Alters selbst zur Risikogruppe gehören oder aber nun in „Corona Ambulanzen“ zum Einsatz kommen. In der Ambulanz der ‚Berliner Stadtmission‘, die vorrangig Menschen ohne Versicherung und Obdachlose behandelt, findet deshalb aktuell nur ein sehr eingeschränktes Angebot statt.

Inwieweit werden die Menschen diese Einschränkungen als psychologisches Last mitnehmen?

Neben der medizinischen Versorgung sehe ich vor allem ein riesiges Problem in der Einsamkeitswelle, die nun auf die Menschen zu rollt. Wohnungslose, aber auch andere Menschen, die ihre einzigen sozialen Kontakte vor Corona an öffentlichen Plätzen wie U-Bahnhöfen oder Parks oder, wie oben beschrieben, in den jeweiligen Einrichtungen hatten, können sich dort nun nicht mehr treffen.

Die öffentlich beworbenen langen Spaziergänge, die ja potentiell möglich wären, sind auf Grund oftmals vieler Vorerkrankungen (COPD, Thrombose etc.) ebenfalls nicht möglich. Ein gemeinsames „Rumstehen oder –sitzen“, selbst mit dem nötigen Sicherheitsabstand, erlaubt die Verordnung in Berlin jedoch auch nicht.

Die neue Verschärfung des Berliner Senats soll nun außerdem das längere Sitzen an einer Stelle verbieten, auch wenn die Person dort alleine sitzt. Dies ist eine unmöglich umzusetzende Verordnung für wohnungslose Menschen, die in überfüllten Gemeinschaftsunterkünften oder kleinen Zimmern leben und für die genau diese Sitzgelegenheiten die einzige Möglichkeit auf ein bisschen Ruhe sind.

Wie sieht der Alltag der Menschen aus – auch in Bezug auf die finanziellen Möglichkeiten?

Häufig reicht das Geld selbst im Regelfall nicht aus – nun wird die Situation durch Corona nochmals drastisch verschlechtert. Viele Tafeln und andere Hilfseinrichtungen haben geschlossen oder können nur noch an wenige Menschen Essen ausgeben.

Das Besorgen von Geld durch das Fragen nach Kleingeld oder das Verkaufen von Zeitungen ist aktuell kaum noch möglich. Die Abstandsregeln müssen eingehalten werden. Hinzu kommt, dass viele Menschen auf Grund des zunehmenden Bezahlens mit Karte oft kaum noch Bargeld dabei haben.

Die Hamsterkäufe von privilegierten Menschen, die genügend Platz in ihrer Wohnung zu haben scheinen, um fünf Packungen Toilettenpapier, kiloweise Mehl und Pasta zu horten, sorgen dafür, dass andere wiederum die günstigen Angebote leer kaufen.

Viele der marginalisierten Menschen können sich aber eben nicht das eine Mal halt die Bio-Pasta für 1,99€ statt 0,39€ kaufen, weil der Rest leer gekauft wurde. Sie müssen sich die Lebensmittel dann eben so einstecken oder hungern. Oder auf die Spenden von Menschen hoffen, von denen sie nicht wissen, ob der/die SpenderIn nicht auch mit dem Virus infiziert ist oder das Essen richtlinienkonform angefasst hat.

Zu all diesen Einschränkungen kommt, dass Menschen mit Konsum von illegalen Substanzen, auf Grund ihres Alters, schlechter aktueller Gesundheit, (unbehandelter) Vorerkrankungen wie HIV, Hep C, COPD und wegen des Konsums zur Haupt-Risikogruppe bei Corona gehören.

Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung der Lage. Wie sieht denn aktuell dein Arbeitsalltag aus?

Ich versuche, die Kommunikation mit den KlientInnen verstärkt via Telefon zu gestalten. Das Ziel ist hierbei, die Face-to-face-Kontakte in den Einrichtungen stark zu reduzieren. Dies ist jedoch unmöglich! Wir müssen teilweise gemeinsame Telefonate mit Ämtern und Vermietern führen oder die jeweiligen Anträge zusammen ausfüllen. Meine Tätigkeit ist darauf ausgelegt, dass ich meine KlientInnen nicht alleine lasse und wir gemeinsam die Probleme angehen.

Daher versuche ich dann geeignete Sicherheitsmaßnahmen zu treffen: Ein gut belüfteter Raum, mindestens den empfohlenen Abstand von 1,5 m einhalten, Handschuhe und Atemschutzmaske.

Dadurch entsteht dann natürlich ein komplett anderes Setting: Weniger Mimik und weniger Nähe. Du kannst die Anspannung auf Grund der so sichtbar gewordenen Infektionsgefahr spüren. Kurz: Das Gespräch wird klinischer und distanzierter. Dies ist gerade schlecht für Menschen, für die die Gespräche mit SozialarbeiterInnen die einzigen sozialen Kontakte sind. Durch die mit dem Virus einhergehende Isolation hat sich die Gruppe dieser Menschen vergrößert. Im Gespräch mit den KlientInnen bzgl. Corona gibt es alles zwischen Ignoranz und großer Angst.

Wie geht dein Team mit der Situation um, bzw. wie ist euer Arbeitsklima untereinander?

Die Situation führt dazu, dass die Arbeit gerade besonders anstrengend, stressig und ja, teilweise sogar echt überfordernd ist. Dazu gehört, dass wir isoliert von anderen MitarbeiterInnen oder nur in ganz kleinen Teams arbeiten, sprich keine oder nur selten fachliche Rücksprache mit KollegInnen haben. Ebenfalls fehlt es, einfach mal ein paar Worte, Sprüche und Witze abseits des Fachlichen wechseln zu können. Dadurch fehlt während der Arbeitszeit komplett die so wichtige psychische Entlastung, die für die Selfcare, aber auch für den nötigen professionellen Umgang mit den KlientInnen unabdingbar ist.

Wirkt sich der Stress auf dein Privatleben aus?

Im Privaten muss ja auch ich mich – im Gegensatz zur Arbeit – isolieren. Das heißt, dass ich neben WG und Freundin keine direkten sozialen Kontakte habe. Das Boxstudio ist zu, ich kann mich mit FreundInnen nicht auf ein Abendessen treffen oder einfach mal in die Kneipe gehen und Quatsch reden. All das sind Dinge, die im „Nicht-Corona-Alltag“ für ein gesundes Gegengewicht sorgten, und die mich den Beruf sonst super gerne haben machen lassen.

Bekommt ihr Zuspruch und Unterstützung aus der Bevölkerung oder vom Staat?

Es fehlt letztlich an jeder öffentlichen Wertschätzung. Wenn von „Corona-Prämien“, Gehaltserhöhungen usw. gesprochen wird, dann werden die SozialarbeiterInnen immer vergessen. Noch nicht einmal geklatscht wird für uns! Dabei leisten wir gerade wirklich eine schwierige und kräftezehrende Arbeit.

Wir wurden zwar – als Teil der psychiatrischen Grundversorgung – vom Berliner Senat als systemrelevantes Hilfsangebot eingestuft, sodass wir weiter den Versorgungsauftrag der suchtmittelkonsumierenden Menschen wahrnehmen. Aber abgesehen davon werden wir nirgendwo erwähnt – in der gesamten Parteienlandschaft, den Medien aber auch kaum in „linken Zusammenhängen“.

Bei den beiden Erstgenannten frage ich mich, ob die mangelnde Berichterstattung daran liegt, dass der „systemrelevante Schaden“, der von sterbenden oder in Quarantäne sitzenden Wohnungslosen, Geflüchteten, Suchtmittel Konsumierenden und weiteren marginalisierten Gruppen ausgeht, eben keine Schäden für den kapitalistischen Staat hervorruft: es gehen keine Arbeitsplätze verloren, keine Produktion steht still, keine Miete wird nicht bezahlt?!

Ich habe in den letzten Wochen wirklich häufig überlegt, ob ich mich einfach mal krankschreiben lasse. Um durchzuatmen, Kräfte zu sammeln, die Psyche zu pflegen. Andererseits denke ich mir dann, dass die Unterstützung und Solidarität zu den marginalisierten Menschen gerade noch viel wichtiger ist, als sowieso schon.
Auch wenn wir, wie mir eine ebenfalls Sozialarbeiterin-Freundin schrieb, nicht die alleinige Verantwortung haben. So aber eben doch ’ne Große … !


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